Klimagipfel in Marrakesch Marrakesch noch ohne den Mann des Schreckens

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Vor ihrer Abreise ins marokkanische Marrakesch hat die Große Koalition die ehrgeizigen Klimapläne von Umweltministerin Barbara Hendricks noch stark relativiert. Doch vor Ort wird sie mit ihren Vorhaben gelobt.

Barbara Hendricks besucht das Solarkratwerk in Ouarzazate. Foto: BMUB
Barbara Hendricks besucht das Solarkratwerk in Ouarzazate. Foto: BMUB

Marrakesch - Eigentlich ist es mittags in Ouarzazate brennend heiß. Aber Umweltministerin Barbara Hendricks steht mit weißem Helm und neongelber Schutzweste trotzdem ganz entspannt im Schatten und weist mit dem Arm auf die Sonnenmodule, die um sie herum wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Klimakonferenz, die 200 Kilometer weiter nord-westlich in Marrakesch in die Zielgerade biegt, ist endlich mal weit weg. Es gibt keine Verhandlungen über knifflige Fragen, und es gibt keine Gerüchte, die kollektive Anspannung erzeugen.

Die Beschäftigung mit dem Ungreifbaren

Der Mann, der weder an der Macht noch in Marokko zugegen ist, ist in Oarzazate darüber hinaus auch noch im Funkloch verschwunden. Das neutralisiert ihn - eine Zeitlang wenigstens. Klimagipfel habe Routine darin, sich mit dem Ungreifbaren zu beschäftigen. Viele Jahre schien der Klimawandel schien weit entfernt in der Zukunft zu liegen und sich in fernen Regionen auf dem Globus abzuspielen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass mit Donald Trump gerade dann ein Leugner der Erderwärmung zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigt, wenn Jahr für Jahr neue globale Hitzerekorde aufstellt werden, wenn Dürren, Fluten, Hurrikane, Starkregen und sonstige Extremwetterlagen nicht mehr Jahrhundertereignisse sondern Alltagserfahrungen sind.

Mit Donald Trump verhält es sich beim Klimagipfel in der „roten Stadt“ in Nordafrika ein wenig wie mit dem bösen Lord Voldemort in den Harry-Potter-Romanen: Er ist nicht da, aber sein Schrecken ist allgegenwärtig. Trump ist der Dreh- und Angelpunkt des diesjährigen Klimagipfels. Tagelang wabern Gerüchte durch die Zeltstadt, dass Trump „die Bombe“ noch während des Gipfels platzen lassen und als „president elect“ nun offiziell ankündigen könnte, so schnell wie möglich aus der Klimaverträgen auszusteigen. So schlimm kommt es dann nicht, und allein das dürfte ein Grund sein, warum Umweltministerin Hendricks nun so entspannt in der Wüste von Quarzazate steht und Afrikas Zukunft erklärt. Vor ihrem Beobachtungsposten ragen die Betonstümpfe noch nackt und wie abgebrochen in die Luft.

Schattenquadrate im Sand

Aber hinter Hendricks stehen die Heliostate, die an 320 Sonnentagen im Jahr das Licht und die Wärme einfangen, in Reih und Glied: Auf Betonstehlen ruhen quadratische Sonnenspiegel und zeichnen eine endlose Reihe von Schattenquadraten in den Sand. Die Anlagen sehen aus wie überdimensionierte Pilze mit viereckigem Hut. Alles in Ouarzazate ist gigantisch: Den quadratischen Sonnenkollektoren sieht man selbst aus der Nähe nicht an, dass ein großzügiges Einfamilienhaus von fast 180 Quadratmetern Grundfläche darauf stehen könnte. Reihen über Reihen von Parabolspiegeln und Sonnenkollektoren dehnen sich über 3000 Hektar Fläche. Schon das erste von vier Feldern des Kraftwerks, das seit Januar in Betrieb ist, ist so groß wie die marokkanische Hauptstadt Rabat.

Größtes Solarkraftwerk der Welt

Wenn das größte Solarkraftwerk der Welt in zwei Jahren fertig ist, hat es eine Kapazität von 600 Megawatt. „Damit kann man zwei Millionen Menschen mit Strom versorgen“, sagt Hendricks mit leicht triumphierendem Unterton. Der Triumph begründet sich nicht nur darin, dass in der 2,2 Milliarden Euro teuren Anlage auch fast 900 Millionen Euro deutsches Geld stecken, das meiste davon Darlehen von der Kreditanstalt für Wiederaufbau. „Marokko und Deutschland sind eben beide in ihren jeweiligen Regionen führend bei Erneuerbaren Energien“, fügt Hendricks stolz hinzu. „Das ist ein Beispiel für ganz Afrika“, sagt Hendricks nur sachlich. „Und es ist der Beweis, dass man große Städte mit Strom versorgen kann, ohne fossile Energien zu verbrennen.“ Für Hendricks waren die Klimakonferenz und die Vorarbeiten dazu ein Wechselbad der Gefühle. Zuhause wurde ihr Klimaplan von Umweltverbänden und Opposition zerpflückt, nachdem ausgerechnet ihr Parteichef und Vizekanzler Sigmar Gabriel ihrem Papier mit unter Genossen ungewohnter Brutalität die Zähne gezogen hat. Aber in Marrakesch konnte Hendricks fast schon rote Ohren kriegen vor lauter Zuspruch: Deutschland zählte neben den USA, Mexiko und Kanada zu den wenigen Staaten, die überhaupt schon solche Pläne vorgelegt haben.

Die Deutschen werden beneidet

Von Öko- und Entwicklungsorganisation gab es Anerkennung für die deutschen Initiativen, und UNEP-Direktor Karl Solheim sagte auf offener Bühne, dass eigentlich jeder die Deutschen um ihre Energiewende beneide. „Jetzt erst recht“ war das Motto, mit dem Barbara Hendricks nach Trumps Wahlsieg nach Marokko aufgebrochen ist. Es gab Zeiten, in denen dieser Wahlspruch der letzte Strohhalm war, an den die vieltausendköpfige Gemeinde der globalen Klimapolitiker sich klammerte. 2009, nach der Konferenz von Kopenhagen war das so, als der damals noch junge und jetzt aus dem Amt scheidende US-Präsident Barack Obama zusammen mit seinem chinesischen Gegenüber die Hoffnung auf einen Weltklimavertrag brutal platzen ließ. Aber die Zeiten ändern sich, Obama und China wurden in den vergangenen Jahren zu konsequenten Treibern des Klimaschutzes.

Wie stabil dieser globale Trend sein wird, wenn der künftige US-Präsident Trump Klimapolitik mit dem Bremspedal macht, war die Schlüsselfrage, die in Marrakesch alle Teilnehmer umtrieb. US-Außenminister John Kerry fiel die Rolle zu, die Frage fürs Erste zu beantworten. „Lasst uns über den Elefanten im Raum reden“, sagte er bei einem wichtigen Wirtschaftsforum. Kerry gab sich überzeugt, dass der Klimaschutz in den USA in der Spur bleibt - „unabhängig davon welche Politik gewählt wird“. Auch ein amerikanischer Präsident kann nicht machen, was er will, war seine Hauptbotschaft. „Amerikas Windenergie hat sich seit 2008 verdreifacht, Solarenergie ist um das dreißigfache gewachsen.“ Kerry berief sich auf amerikanische Investoren, Unternehmer, Bürgermeister und Gouverneure. Er verwies auf die chinesischen Milliardeninvestitionen in diesem Sektor und auf den Emissionshandel, den beide Staaten eingeführt haben. „Diese Entwicklungen werden weitergehen, weil die Marktplätze das diktieren und nicht die Regierung.“

Das Richtige tun und damit Geld verdienen

Wahrscheinlich hat Kerry in seinem ganzen politischen Leben das Amt des US-Präsidenten, um das er sich einst selbst beworben hat, nie kleiner gezeichnet als jetzt. Amerika sei dabei , seine internationalen Verpflichtungen einzuhalten. „Ich glaube nicht, dass das zurückgenommen werden kann“, sagte Kerry und nannte auch gleich den Grund dafür: „You can make Money. Man kann zugleich das Richtige tun und damit Geld verdienen.“ Natürlich wissen alle in Marrakesch, dass Sand ins Klima-Getriebe geraten wird, wenn Donald Trump erst im Amt angekommen ist. Aber mit Rückschlägen, Schwierigkeiten und Krisen haben die Klimadiplomaten Erfahrung. Hatten nicht auch die Kanadier und Australien sich zeitweise aus den Klimagesprächen so gut wie verabschiedet?, fragen altgediente Diplomaten im Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft. Und saßen sie nicht irgendwann wieder am Tisch, um bei jeder Gelegenheit zu versichern: „Freunde, wir sind wieder da“? In Marrakesch fluchtet die Klimakonferenz sich darauf ein, dass die nächste Etappe eine Zwischenzeit mit schwierigem Partner werden wird. Man sieht sich im nächsten Jahr in Bonn. Und dann sieht man weiter.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.weltklima-gipfel-in-marrakesch- schulterschluss-mit-china-gesucht.a6be5eab-f2cd-449f-8896-c2c4a676e5e http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.weltklima-gipfel-in-marrakesch- schulterschluss-mit-china-gesucht.e6e49f5f-a86d-4315-907b-c3cb7db8bdf