Klimagipfel Wissenschaftler kritisieren „Schönrechnerei“

Die Kohleverstromung macht den Wissenschaftlern weiter Sorgen. Doch ausgerechnet der Großverbraucher China (Foto) verbrennt derzeit weniger Kohle. Foto: Featurechina
Die Kohleverstromung macht den Wissenschaftlern weiter Sorgen. Doch ausgerechnet der Großverbraucher China (Foto) verbrennt derzeit weniger Kohle. Foto: Featurechina

Unter Klimaforschern ist große Skepsis verbreitet, dass das von der Politik vorgegebene Ziel, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad zu beschränken, erreicht werden kann. Und das, obwohl der Kohlendioxidgehalt der Luft seit zwei Jahren fast stagniert.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart/Paris - Vor 15 Jahren haben sich Klimaforscher zusammengetan, um möglichst genau zu ermitteln, wie viel CO2 in die Atmosphäre gelangt. Das ist keine leichte Aufgabe, denn viele Zahlen sind vage, oder sie fehlen ganz. Manche Staaten wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Diese Woche haben die Wissenschaftler des Global Carbon Projects auf dem UN-Klimagipfel in Paris ihre neueste Übersicht vorgelegt – und die Welt überrascht, denn zum ersten Mal scheinen die Emissionen nicht weiter zu steigen. Für 2014 wurde nur ein leichter Anstieg von 0,6 Prozent ermittelt, obwohl die Weltwirtschaft um mehr als drei Prozent gewachsen ist, und für 2015 rechnet man sogar mit einem leichten Rückgang von 0,6 Prozent. Kein Vergleich zu dem Anstieg der vergangenen Jahre: Seit 1990 sind die CO2-Emissionen weltweit um 60 Prozent gestiegen.

Glen Peters vom Forschungszentrum Cicero in Oslo, der sich seit vielen Jahren mit CO2-Statistiken beschäftigt, glaubt nicht, dass ein Trendwechsel geschafft ist. „In den nächsten Jahren bleiben die Emissionen wahrscheinlich einigermaßen konstant“, sagt er in einem der aus Holz gezimmerten Besprechungsräume des Klimagipfels. „Vielleicht geht es ein bisschen nach oben, vielleicht ein bisschen nach unten.“ Dass der steile Anstieg der Emissionen nun zu Ende geht, führt er auf zwei Ursachen zurück: Zum einen werden die Kapazitäten für Wind- und Sonnenenergie gerade deutlich ausgebaut. Und zum anderen verbrennt China neuerdings weniger Kohle.

Geringe Chancen für das Zwei-Grad-Ziel

Vor einigen Monaten hatte sich Peters angesichts der chinesischen Statistiken skeptisch gezeigt. Nun sagt er, dass man die offiziellen Angaben mit einer gewissen Fehlertoleranz aufgenommen habe. Es scheint sich wirklich etwas zu ändern: China könnte seinen Kohleverbrauch stabilisieren, berichten er und seine Kollegen im Fachmagazin „Nature Climate Change“. Aber Peters beschreibt sich weiterhin als skeptisch – nicht nur, weil zum Beispiel Indien angekündigt hat, seine Kohleförderung bis zum Jahr 2020 noch zu verdoppeln. Er sieht weiterhin nur geringe Chancen, dass die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt bleibt, wie es die Vereinten Nationen vor einigen Jahren beschlossen haben.

Sein Kollege Kevin Anderson von der University of Manchester wird noch deutlicher: Es gebe rund 400 Computermodelle, die zeigten, wie der Temperaturanstieg unter zwei Grad bleiben könne, sagt er. 14 Prozent von ihnen beruhten darauf, dass die Emissionen schon seit fünf Jahren sänken, und hätten sich damit erledigt. Die übrigen 86 Prozent setzten negative Emissionen voraus, also große Anstrengungen, der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

Trotzdem fragt eine Vertreterin der Salomonen, einem Inselstaat im Pazifik, ob man nicht unter 1,5 Grad bleiben könne. In Paris sprechen sich mehr als 100 Staaten für Ähnliches aus. Sie setzen damit vor allem ein politisches Zeichen: Sie sind nicht bereit, die Folgen des Klimawandels zu tragen, der mit einer zwei Grad höheren Temperatur einhergeht. Zu den Chancen will sich Anderson nicht äußern. „Als Wissenschaftler sind wir weder Optimisten noch Pessimisten“, sagt er. „Wir sind Realisten.“

Zu hohe Erwartungen an „negative Emissionen“?

Diesen Realismus fordert er mit einigen Kollegen ein. In einem Kommentar im Fachmagazin „Nature Geoscience“ verwahrt sich Anderson gegen die Behauptung vieler Politiker, das Zwei-Grad-Ziel sei erreichbar, ohne der Wirtschaft zu schaden. Auch Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin findet, dass in der Politik zu viel schöngerechnet werde, um sich theoretisch eine Chance zumindest auf das Zwei-Grad-Ziel zu erhalten. Damit werde verschleiert, dass die Diplomatie zu langsam reagiere. Und ein internationales Forscherteam, an dem Glen Peters sowie einige deutsche Wissenschaftler beteiligt sind, warnt im Journal „Nature Climate Change“, die Wirkung negativer Emissionen könnte begrenzt sein.

Ein Beispiel ist die Aufforstung von Wäldern: Die Bäume brauchen CO2 zum Wachsen und speichern es in ihrem Holz. Doch da Wälder dunkel sind, nehmen sie mehr Sonnenenergie auf als etwa eine Wiese. Das könnte den klimaschonenden Effekt zunichte machen.

Vielen Klimaforschern macht zudem die Kohle weiterhin Sorgen. Weltweit sind rund 1000 neue Kohlekraftwerke geplant. Werden sie gebaut, dürften sie rund 40 Jahre laufen. Immer wieder wird in Paris eine Studie des Internationalen Währungsfonds zitiert. Sie hat vor einigen Monaten ergeben, dass die Kohleindustrie weltweit nicht nur mit 500 Milliarden US-Dollar subventioniert wird. Das sind nur die direkten Zahlungen oder Erstattungen. Zählt man die Kosten hinzu, die beispielsweise durch gesundheitliche Probleme durch Luftverschmutzung entstehen, kommt man auf fünf Billionen Dollar – mehr als sechs Prozent des Weltsozialprodukts.

Hoffnungszeichen

Doch Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik und einige Kollegen machen Hoffnung. Auf den 20 bisherigen Klimagipfeln der Vereinten Nationen sei einiges erreicht worden, sagt Messner: In den zähen Verhandlungen habe man die wichtigsten Elemente für wirksamen Klimaschutz zusammengetragen.

Erst in den letzten Jahren sei man zum Beispiel von der Einstellung, dass die anderen das Klima schützen müssten, zu der Einsicht gelangt, dass es eine gemeinsame Herausforderung ist. Ein anderes Beispiel ist der Wandel von Vorgaben zum Klimaschutz, wie sie im Kyotoprotokoll ausgehandelt worden waren, zu freiwilligen Beiträgen. Doch nun müsse man das Ganze beschleunigen, sagt Messner. Denn die bisherigen Selbstverpflichtungen dürften, selbst wenn sie vollständig umgesetzt werden, die globale Durchschnittstemperatur um rund drei Grad steigen lassen. Ein Grad mehr als gewünscht – das klingt nach wenig, bedeutet für das Klima aber eine Menge.

Neue Zusagen sind in Paris aber nicht zu erwarten. „Wir haben unsere Ziele für die kommenden zehn Jahre bekannt gegeben“, sagt zum Beispiel der indische Umweltminister Prakash Javadekar. Die nächsten Ziele werde man daher in zehn Jahren veröffentlichen. Von regelmäßigen Runden, in denen die Staaten aufstocken, scheint er wenig zu halten. „Wenn sich ein Land dazu imstande sieht, kann es doch jederzeit upgraden“, sagt er. Und kontrollieren lassen will sich die Staatengemeinschaft auch nicht. Dem Global Carbon Project oder einer anderen Einrichtung den Auftrag zu erteilen, die Emissionen zu überwachen, wird in Paris gar nicht erst ernsthaft verhandelt. Solche Analysen könnten zwar helfen, die positiven Beispiele zu ermitteln, von denen man lernen könne, sagt der chinesische Unterhändler Xie Zhenhua. Aber ein Kontrollgremium, das bei Verstößen Strafen verhängen kann, lehne man ab.

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