Es sieht verwunschen aus, erinnert an eine Märchenhütte, nicht nur von innen, auch von außen: das Theater am Faden in Stuttgart-Süd. Bei dem alten Haus an der schmalen Hasenstraße findet sich nicht nur im Innenhof viel Grün, auch die Fassade ist über und über bewachsen. Hier Wildrosen, dort Knöterich, hier wilde Klematis, dort Efeu. Seit Kurzem haben sich auch noch Weinpflanzen rund um den Aprikosenbaum angesiedelt, „wir können diesen Herbst viele Liter Wein ernten“, prognostiziert Helga Brehme. Sie wohnt und arbeitet seit 1989 in dem märchenartigen Haus. Denn Helga Brehme ist die Chefin des Marionettentheaters. Und zurzeit schätzt sie die vielen Pflanzen mehr denn je: „Es ist sehr kühl bei uns im Haus. Da die Bewachsung vor allem auf der Südseite ist, kommt viel weniger Hitze rein.“
Im Zuge der Klimakrise erkennen nicht nur Pflanzenliebhaber, sondern auch immer mehr Stadtplaner und Architektinnen das Potenzial von begrünten Fassaden und Dächern. Denn vor allem in innerstädtischen Zentren bilden sich im Sommer sogenannte „heat islands“, also Wärmeinseln, an denen es nicht mehr angenehm ist, sich dort aufzuhalten. Der Grund für solche Wärmeinseln ist die Versiegelung in Städten, dass also der Großteil der Fläche bebaut ist, der Boden dadurch kaum Wasser aufnehmen und speichern kann, und dass so gut wie kein Platz für Pflanzen ist, die ein Areal abkühlen. Und sofern man nicht Gebäude abreißen will und dort Parks errichten, bleibt nur die Begrünung von Häusern als Mittel, um die Hitze in Zentren etwas erträglicher zu gestalten.
Calwer Passage ist Stuttgarter Vorzeigegebäude
Bei Martin Belz steht deshalb das Telefon nicht mehr still. Er arbeitet seit 40 Jahren als Landschaftsgärtner, doch so oft wie zurzeit wurde er noch nie von Architekten und Medienvertretern angefragt. Martin Belz plant Fassen- und Dachbegrünungen an Gebäuden und setzt sie in die Praxis um, derzeit etwa am Stuttgarter Vorzeigeprojekt schlechthin; der Calwer Passage. Dort werden mehr als 11 000 Pflanzen in rund 2000 Kübeln auf 1700 Metern Fassade verteilt. Zudem kommen Bäume und ein Garten aufs Dach. Bewässert wird das Ganze mittels einer intelligenten Wassersteuerung.
Stress erzeuge die „extrem gestiegene Nachfrage“ nicht in ihm, sagt Martin Belz. Vielmehr freue er sich: „Das ist ein sehr gutes Signal für mehr Projekte in der Zukunft.“ Denn ein einziges Vorzeigegebäude wie die Calwer Passage löse nicht das Problem der urbanen Wärmeinseln, könne aber ein „Leuchtturm“ sein und Nachahmerprojekte initiieren. Und das will er unbedingt.
Fassade hat nur noch 35 Grad statt bis zu 80 Grad
Doch wie funktioniert das überhaupt, warum können begrünte Häuser gegen die Hitze helfen? Martin Belz vergleicht eine Pflanze mit einer Klimaanlage. Nur dass Pflanzen ohne Strom arbeiten und stattdessen das Sonnenlicht nutzen. Die Pflanzen verdunsten das Wasser, mit dem sie gegossen werden, kühlen dadurch sich selbst und werden selbst nie heißer als 36 Grad, erklärt der Landschaftsgärtner. „Dadurch entsteht ein Kühleffekt, der auf die Umgebung übergeht“, sagt Martin Belz. Dies sei auch der Grund, warum es bei Hitze im Wald angenehmer ist als beispielsweise unter einem Sonnenschirm.
Dass solche Begrünungen zumindest in unmittelbarer Nähe eines Gebäudes etwas bringen, zeigen die Zahlen: Eine Steinfassade kann sich im Sommer auf 60 bis 80 Grad aufheizen. Bei einer begrünten Fassade sind es maximal 35 Grad. Und die Pflanzen binden auch CO2. Zudem können begrünte Fassen und Dächer Regenwasser speichern, das sonst direkt in den Gully fließen würde.
Mancherorts müssen Neubauten begrünt werden
Einige Städte haben mittlerweile sogar eine Pflicht zur Begrünung von Häusern in Bebauungsplänen festgelegt. Das ist etwa in Ludwigsburg der Fall. Wer dort ein neues Haus mit Flachdach baut, muss es begrünen. „Wir haben dafür auch eigene Fördertöpfe“, informiert Amely Krafft, die als Klimaanpassungsmanagerin für die Stadt Ludwigsburg arbeitet. „Die Leute interessieren sich da auch definitiv dafür.“
Dagegen würden die Ludwigsburger ihnen beim Thema Fassadenbegrünungen noch nicht die Bude einrennen, sagt Amely Krafft, „deshalb versuchen wir gerade, dies Bauträgern etwas schmackhafter zu machen“. Was viele noch hindere, seien die Kosten. Denn man könne eine Fassadenbegrünung in der Regel nicht allein anlegen und pflegen, außerdem müsse man die Pflanzen im Sommer gießen, was auch Geld kostet. „Zugleich hat eine Fassadenbegrünung aber viele positive Effekte“, wirbt sie. Und die Sorge einiger Menschen, dass durch eine Begrünung die Fassade kaputt gehe, sei heutzutage unbegründet. „Oft werden die Pflanzen auch gar nicht direkt an die Fassade gepflanzt, sondern an Drähte davor.“
Bei Efeu ist Vorsicht geboten
Lediglich bei Efeu an einer vorgehängten Fassade müsse man vorsichtig sein, informiert Martin Belz. Efeu könnte in Fugen hineinwachsen. Allerdings spiele Efeu sowieso keine große Rolle mehr, „und bei einer fachgerecht geplanten Fassadenbegrünung passieren keine Schäden.“ Der Landschaftsgärtner empfiehlt Häuslebauern und -besitzern allerdings, dass sie vor einer Begrünung die Baustatik untersuchen lassen sollten.
Vor stundenlangen Arbeitseinsätzen mit der Gartenschere an der Hauswand müsse man sich nicht fürchten, auch wenn man alles selbst pflege, berichtet Helga Brehme vom Theater am Faden. Natürlich müssten sie und ihr Mitarbeiter die Pflanzen regelmäßig stutzen und im Herbst etwas öfter fegen, „aber übermäßig viel Arbeit ist das nicht“.
Viele bewundern das Theater am Faden
Helga Brehme fände es schön, wenn mehr Leute ihre Häuser bepflanzen würden, früher sei dies viel üblicher gewesen, sagt sie. So gebe es an alten Häusern oftmals noch kleine Eisengestelle, die zur Bepflanzung dienten, „aber das wird kaum genutzt“. Rund ums Theater am Faden gäbe es wenig Grün. Das bedauert sie. Zumal die meisten Menschen ihr märchenartiges Haus sehr bewunderten.
Andere Städte haben schon früh mit der Begrünung begonnen
Mailand
Eines der bekanntesten Beispiele für Begrünung von Gebäuden ist der Bosco Verticale (dt.: senkrechter Wald) in der italienischen Großstadt Mailand. An den beiden 80 und 110 Meter hohen Wohngebäuden wurden 900 Bäume sowie mehr als 2000 andere Pflanzen auf Terrassen und Balkonen gepflanzt.
Düsseldorf
Als größte grüne Fassade Europas gilt der KÖ-Bogen II in Düsseldorf. Mehr als 30 000 Hainbuchenpflanzen wurden an dem trapezförmigen Gebäude gepflanzt. Insgesamt ist die Hainbuchenhecke etwa acht Kilometer lang – ein Rekord. In dem Gebäude befinden sich Läden, Büros sowie eine Tiefgarage.
Singapur
In dem asiatischen Stadtstaat Singapur wurde früh damit begonnen, Wolkenkratzer zu begrünen. Mehrere Hotels wie das Parkroyal Pickering oder das Oasia Hotel haben vertikale Gärten. Im Krankenhaus Khoo Teck Puat Hospital finden sich auf jeder Etage Gärten, die zur Genesung beitragen sollen.