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Klimaneutral reisen Ablasshandel fürs gute Gewissen

Von Walther Rosenberger 

Am Wochenende rasch nach Venedig oder in die Alpen zum Skifahren? Für unser Klima ist das fatal.

 Foto: dpa
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Fernweh schmerzt – vor allem das Klima. Mobilität hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der Hauptquellen von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) entwickelt. Rund ein Fünftel der CO2-Belastung in den Industrieländern geht nach Berechnungen des Dessauer Umweltbundesamtes aufs Reisen zurück. Bahn, Auto und Flugzeug blasen damit jährlich in etwa so viel Treibhausgas in die Atmosphäre wie alle Industriebetriebe oder wie alle deutschen Haushalten zusammen.

Unser Traum von Freiheit, Sonne, Sand und Meer – fürs Klima ist er ein Albtraum. Das hat auch die Reisebranche erkannt und arbeitet seit einiger Zeit mit Nachdruck daran, ihren Kunden den Reisespaß in die Sommerferien nicht zu vermiesen. Das Zauberwort heißt CO2-Kompensation, was in etwa einer modernen Variante des mittelalterlichen Ablasshandels entspricht, freilich unter ganz anderen Vorzeichen. Grundidee ist, den durch die Reise entstandenen CO2-Ausstoß zu berechnen und die dafür fälligen Kosten in Projekte zu investieren, die die Bilanz wieder verbessern.

Mittlerweile haben fast alle Touristikanbieter nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) einen derartigen CO2-Obolus im Programm, mit dem die Kunden ihr Klimagewissen beruhigen können. Dabei kooperieren die Reisekonzerne fast immer mit Spezialisten wie der Schweizer Firma MyClimate oder dem deutschen Marktführer Atmosfair. Diese Klimadienstleister übernehmen die Berechnung der freigesetzten CO2-Mengen – und damit auch des Mehrpreises. Die Höhe des Klimaobolus ist dabei meist nicht der Rede wert. "Die Strecke Stuttgart–Berlin per Flugzeug klimaneutral zu machen, kostet den Kunden sieben Euro", erläutert Kathrin Dellantonio, Sprecherin von MyClimate. Mit gutem Gewissen von Frankfurt nach Berlin zu fliegen, schlage mit etwas mehr als 30 Euro zu Buche. Der Obolus fließt dann in Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Noch günstiger als Fluggäste kommen Bahnfahrer weg. Für die Strecke Frankfurt–Berlin zahlt der klimabewusste Schienenfan nur einen Mehrpreis von gerade einmal 76 Cent.

So gering die Beiträge im Vergleich zu den Gesamtkosten der Reise sind, so wenig werden sie von den Kunden bisher angenommen. Beim Reiseveranstalter Tui, der die CO2-Kompensation seit einigen Monaten standardmäßig für seine Produkte anbietet, spricht man denn auch von einer "enttäuschenden Bilanz" der freiwilligen Zusatzzahlung. Die Kunden nähmen die Kompensationsmöglichkeiten nur in geringer Zahl in Anspruch. Nach einer Untersuchung von MyClimate für den Schweizer Markt buchen etwa in den Büros des Veranstalters Globetrotter – immerhin der viertgrößte Schweizer Anbieter – nur drei Prozent der Kunden den Klimazusatz. Bei Reiseveranstaltern, die einen größeren Anteil von Pauschaltouristen in die Ferne fliegen, lägen die Zahlen noch niedriger, sagt Firmen-Sprecherin Dellantonio.

Allerdings ist es nicht unbedingt mangelndes Umweltbewusstsein, das die Menschen bisher in großer Zahl davon abhält, beim Ferientripp ans Klima zu denken. Ein Problem sei, dass bei Online-Buchungen die Kompensation oft schlecht in den allgemeinen Bezahlvorgang eingebunden sei, sagt Expertin Dellantonio. Zu viele Extra-Clicks schreckten hier die Kunden ab.

Das Hauptproblem liegt jedoch nach Meinung von Tourismusexperten in den Reisebüros. Viele Berater schreckten bisher davor zurück, ihren Kunden die komplizierte Kompensationsthematik zu vermitteln, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Zumal sie dadurch den Preis nach oben trieben und ihre Angebote damit unattraktiver machten. Dennoch scheint die Idee der CO2-Vermeidung durch die Hintertür immer mehr Mobilitätsbereiche zu erfassen. Neben zahlreichen Fluggesellschaften, die den Klimaablass seit etwa zwei bis drei Jahren fest im Programm haben, ziehen immer mehr Reise- und Logistikbranchen nach. Bei der Deutschen Bahn können Firmenkunden den Öko-Obolus seit November 2009 buchen. Logistikunternehmen wie die Deutsche Post oder der Paketzusender TNT offerieren die CO2-freie Versendung von Waren und Briefen schon länger.

Neuerdings können auch Autofahrer ihr Gewissen beruhigen. So bietet das Hamburger Unternehmen Arktik seit Dezember 2009 ein Bezahlsystem an Tankstellen an, das auch Autofahrern den Klima-Sündenfaktor nehmen soll. Für zwei Cent mehr pro Liter (zwei weitere legt der jeweilige Mineralölkonzern drauf) wird die Autobahnfahrt CO2-neutral. Für den Stein der Weisen halten Umweltschutzexperten die Treibhausgaskompensiererei aber nicht. Am besten sei es immer noch, mit der Freiheit der Mobilität verantwortungsvoll umzugehen – und das Auto auch mal stehen zu lassen, sagt Dellantonio.