Klimaneutrales Remstal Dampf machen fürs Klima

Thomas Renz arbeitet daran, seinen Verbrauch nicht nur zu senken, sondern auch so weit wie möglich selbst zu decken. Foto: Gottfried / Stoppel

Remshalden entscheidet am Montag als fünfte Kommune im Rems-Murr-Kreis, ob sie bis 2035 klimaneutral wird. Wer sind die Menschen, die diese Entwicklung vorantreiben?

Waiblingen/Schorndorf/Remshalden - Wenn Dieter Albert nachdenken muss, dann zieht er sich eine Jacke über und geht aus dem Haus, bergauf durch die Remshaldener Streuobstwiesen in Richtung Schönbühl. Albert wohnt ganz oben am Hang, schon nach wenigen Metern hat er einen spektakulären Blick auf das Remstal – er sieht links bis Waiblingen und rechts bis nach Schorndorf. Der Himmel spannt sich weit hier oben, und es ist leicht, ins Träumen zu geraten.

 

Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Klimaentscheide wie hier

„Was wir heute tun, entscheidet, wie die Welt morgen aussieht“, hat Boris Pasternak gesagt, und die Remshaldener Bürgerinitiative hat sich davon inspirieren lassen. „Was wäre, wenn?“ hat sich die Gruppe gefragt, und viele Ideen für ein besseres Zusammenleben entwickelt. Die Wichtigste ist: Remshalden soll bis zum Jahr 2035 klimaneutral werden – genau so wie Waiblingen und Schorndorf. Die notwendigen Unterschriften für den Antrag hat die Bürgerinitiative bereits im Herbst eingereicht, an diesem Montag, 7. Februar, wird der Gemeinderat entscheiden, ob er diesen Weg gehen will. So wie es aussieht, wird der Antrag angenommen – mehrere Fraktionen und auch Bürgermeister Reinhard Molt befürworten ihn.

Nach Schorndorf, Waiblingen, Weinstadt und Kernen wäre Remshalden damit schon die fünfte Kommune im Kreis, die sich dieses Ziel setzt. Deutschlandweit sind der bundesweiten Organisation German Zero zufolge insgesamt mehr als 60 Städte auf einem ähnlichen Weg. Aber nirgendwo hat sich der Bürgerwille geballter geäußert als im Remstal. Und ein Ende ist nicht in Sicht – denn auch in Backnang setzt sich inzwischen eine Gruppe von Bürgern für einen Klimaentscheid ein. Wie ernst es die Backnanger meinen, haben sie im vergangenen Jahr schon gezeigt: Sie haben gewettet, dass sie es schaffen, bis zur Klimakonferenz in Glasgow 600 Tonnen an Kohlendioxid-Ausstoß einzusparen. Und diese Wette haben die 323 Bürger, die sich beteiligt haben, auch gewonnen.

In Schorndorf beginnt die Bewegung

Angefangen hat es in Schorndorf: Dort hatte Dörte Schnitzer im Frühjahr 2020 fünf Gleichgesinnte aus dem Umfeld von „Parents for future“ zusammengetrommelt, um Unterschriften zu sammeln. Zunächst stießen sie auf Skepsis. Doch die Gruppe gab nicht auf, formulierte ein Konzept, in dem detailliert die Einsparmöglichkeiten aufgelistet werden – und überzeugte schließlich mit ihrer Beharrlichkeit. Erst scharten sich die Vereine um die Initiatoren, irgendwann ließ sich auch der Oberbürgermeister überzeugen. Eineinhalb Jahre nach dem Auftakt war die Initiative im Frühjahr 2021 am Ziel.

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Nach ihrem Erfolg haben die Schorndorfer Gleichgesinnte in den umliegenden Städten unterstützt, unter anderem in Weinstadt. Ines Gütt, die bei der bundesweiten Organisation German Zero die lokalen Teams betreut, ist stolz darauf: „Genau das ist das Ziel der Klimaentscheide. Wir wollen überall in Deutschland kleine Klimakeimzellen entstehen lassen, die ganz von selbst größer werden, weil die Städte und Gemeinden im Umkreis sehen, dass es funktioniert.“ Im Remstal hat dieser Plan so gut funktioniert wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Waiblingen macht weiter

Thomas Renz aus Bittenfeld ist einer der 40 Menschen, die den Klimaentscheid in Waiblingen vorangetrieben haben. Der 62-Jährige hat 2019 begonnen, sein Leben schrittweise klimaverträglicher zu gestalten. Er kauft seither weniger Fleisch, fährt fast nur noch Fahrrad. Ein Fernsehbeitrag mit Luftbildern des Fotografen und Umweltaktivisten Henry Fair hatte den Vater dreier Kinder damals so geschockt, dass er Tage brauchte, um sich davon zu erholen.

Als der FDP-Politiker Christian Lindner dann im Sommer 2019 auch noch erklärte, man solle das Thema Klimawandel den Profis überlassen, brachte das für Renz das Fass endgültig zum Überlaufen: „Wir sehen ja, wohin uns die Profis gebracht haben.“ Der Waiblinger schloss sich den Parents for Future an. Bei der ersten Demo, sagt er, habe er sich noch etwas verloren gefühlt. Das Entscheidende für Renz war aber: Die kleine Gruppe rannte überall offene Türen ein.

Dann kam German Zero. Die bundesweite Organisation unterstützt lokale Gruppen mit wissenschaftlichem Know-how. So schafft die Graswurzelbewegung 2.0, was bisher nie gelang: Es gibt maßgeschneiderte Anträge vor Ort, und gleichzeitig einen geschlossenen Auftritt als bundesweite Bewegung. „Ich habe früher bei Protesten immer das Gefühl gehabt, wir kommen ständig zu spät“, sagt Thomas Renz. „Jetzt haben wir zum ersten Mal ein richtig gutes Konzept.“ Im Oktober fiel auch in Waiblingen die Entscheidung im Gemeinderat, bis 2035 klimaneutral zu werden.

Hier formiert sich die Graswurzelbewegung 2.0

Thomas Renz ist froh über den Etappensieg. Aber ihn treibt die Sorge um, dass es längst zu spät sein könnte, die Erwärmung zu verhindern. In freien Stunden geht der Fotograf gerne in den umliegenden Streuobstwiesen auf Motivsuche. Doch diese, fürchtet er, wird es nicht mehr lange geben. Seit er sich gegen den Klimawandel engagiert, ist ihm klar geworden, was 1,5 Grad Celsius mehr bedeuten würden: „Dann werden wir hier in Waiblingen Bedingungen haben, wie sie heute in Lyon herrschen“, sagt er. „Wir haben dann vielleicht Aprikosen und Pfirsiche, aber keine Äpfel und Kirschen mehr.“

Das noch nicht gelieferte Auto würde er inzwischen am liebsten abbestellen

Vor anderthalb Jahren hat Renz ein E-Auto bestellt, durch Corona hat sich die Auslieferung verzögert. In der Zwischenzeit hat er sein Leben weiter umgestellt. Er kauft unverpackt ein, zum Beispiel im Bittenfelder Käslädle. Er hat ein Solarkraftwerk aufgebaut, das im Sommer den Strombedarf sämtlicher Geräte im Haus abdeckt. Und er experimentiert bei Grillabenden jetzt genüsslich mit vegetarischen Burger-Rezepten.

Das Auto, das irgendwann wohl noch kommt, würde er am liebsten abbestellen. Er fährt nicht mehr wie früher in den Welzheimer Wald, um dort auszusteigen und Erholung zu suchen. Lieber nehmen er und seine Frau inzwischen das Rad. Bis zum Badesee dauert es jetzt zwar länger, aber dafür beginnt die Erholung, sobald er im Sattel sitzt.

Jetzt entscheidet Remshalden

Das Haus ökologisch umbauen, dämmen, klimabewusst heizen – all das macht auch Dieter Albert, der im Jahr 2015 mit seiner Familie von Bad Cannstatt nach Remshalden gezogen ist. Aber ist es auch genug, fragte er sich. Lange blieb es bei den Diskussionen mit Freunden. Bis Michaela Bacher, er und seine Frau Kerstin Disse eines Tages beschlossen: „Lasst uns einfach mal anfangen und sehen, was wir noch verändern können.“ Seither sind anderthalb arbeitsreiche Jahre vergangen. Aus dem Trio ist eine Gruppe geworden.

Ihr erster Traum wurde im Sommer 2021 noch ohne ihr Zutun beschlossen: Damals haben Remshalden, Winterbach und Kernen 2,5 Stellen für Klimamanager geschaffen. An diesem Montag berät der Gemeinderat Remshalden die zweite Forderung. Noch immer staunt Albert, wie schnell die Visionen der Gruppe Wirkung zeigten.

Der Bürgermeister Reinhard Molt glaubt zu wissen, was den Ausschlag gegeben hat: das Wort „zusammen“. Das habe jedenfalls ihn überzeugt, den Antrag der Initiative zu unterschreiben.

Die Bürgerinitiativen hinter den Klimaentscheiden

Zusammen Zukunft gestalten
 Dieser Gruppe geht es nicht nur darum, dass Remshalden bis zum Jahr 2035 klimaneutral wird. Die Bürger setzen sich unter anderem auch für faire Löhne in der Pflege ein. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Donnerstag im Monat. Mehr Infos unter www.zusammenzukunftgestalten.org

Veranstaltungen
 Die Gruppen in Waiblingen und Schorndorf bieten regelmäßig Veranstaltungen an, über die sie vor allem auf ihren Instagram-Kanälen informieren. In Waiblingen gibt es zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der evangelischen Erwachsenenbildung eine Klimajahreszeitenküche, in Schorndorf gibt es regelmäßige Fahrraddemos unter dem Namen Critical Mass. Weitere Infos unter www.waiblingen-klimaneutral.de, www.klimaentscheid-schorndorf.de

Domino-Effekt
Auf der Seite der Backnanger Gruppe finden sich weitere Tipps: www.klimaentscheid-backnang.de.

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