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Klimapolitik Die Angst vor der Flut

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Die Erderwärmung lässt sich kaum noch auf zwei Grad begrenzen, da fordern mehr als 90 Staaten auf dem Klimagipfel in Paris, die Temperatur nicht um mehr als 1,5 Grad steigen zu lassen. Aus Sicht von Inseln ist das zu verstehen. Aber sonst?

Sie trifft der Klimawandel ganz besonders: Teile der Marshall-Inseln wurden in diesem Jahr schon zwei Mal überschwemmt: hier eine Mutter und ihr Kind vor deren gefluteten Haus auf Kili. Foto: AP
Sie trifft der Klimawandel ganz besonders: Teile der Marshall-Inseln wurden in diesem Jahr schon zwei Mal überschwemmt: hier eine Mutter und ihr Kind vor deren gefluteten Haus auf Kili. Foto: AP

Paris - „Es ist kein Spaß zu sehen, dass sich junge Leute vor dem Meer fürchten.“ Tony deBrum, Jahrgang 1945, erinnert an die Zeit, als er jung war. Damals sei man aus Freude in die Flut gesprungen. „Heute laufen die Leute vor der Flut weg.“ DeBrum ist Außenminister der Marshall-Inseln, die sich kaum zwei Meter über den Meeresspiegel erheben. Er hat in diesem Jahr den Alternativen Nobelpreis erhalten und zählt zu den einflussreichen Politikern beim UN-Klimagipfel in Paris. In einer zweiten Pressekonferenz einige Stunden später spricht er für mehr als 90 Staaten, die sich der „Koalition der hohen Ambitionen“ angeschlossen haben: Einem Abkommen, das nicht ehrgeizig ist, werde er nicht zustimmen, gibt deBrum zu Protokoll. Solche Worte haben Gewicht, denn das Abkommen müsste einstimmig verabschiedet werden.

Die Koalition ist ein ungewöhnlicher Zusammenschluss von Ländern. Es sind nicht etwa die Entwicklungsländer, die alte Gruppe der 77 Staaten, die seit den 1960er-Jahren gemeinsam auftritt. Mit von der Partie sind auch die USA und Deutschland. (die Angaben auf der #1o5c-Website sind nicht mehr ganz aktuell) Sie sei stolz, dabei zu sein, sagt die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Mittwochabend in Paris. China, Indien und Brasilien sind hingegen nicht Teil der neuen Koalition.

Nach Berechnungen des Klimarats IPCC dürfte der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um ungefähr einen halben Meter steigen. Wenn die bisherigen Zusagen zum Klimaschutz nicht eingehalten werden, könnte es sogar mehr sein. Aber auch ein halber Meter wäre für Teile der Marshall-Inseln zu viel. Man kann daher verstehen, dass sie gegen ein Abkommen kämpfen, das diesen Meeresspiegelanstieg schon einkalkuliert. In einem Interview hatte Tony deBrum das als „Todesurteil“ für sein Land bezeichnet. Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen ist ihnen daher zu wenig – sie fordern ein Maximum von 1,5 Grad (in diesem Jahr liegt die globale Durchschnittstemperatur vermutlich ein Grad über dem Niveau vor der industriellen Revolution). Die Diskussion darüber ist nicht neu, aber dass sie nun aufflammt, überrascht. Die Staatengemeinschaft hatte vor fünf Jahren vereinbart, das ehrgeizigere Ziel beim Klimagipfel in Paris noch einmal zu prüfen, und nun haben sich viele Länder mit den Inselstaaten solidarisiert. Auch einige Umweltverbände sprechen sich dafür aus. „Verhandlungstaktik“, lautet der knappe Kommentar von Reimund Schwarze, der am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) forscht.

Eine Frage der Gerechtigkeit, nicht der Wissenschaft

Im aktuellen Vertragsentwurf vom Mittwochnachmittag werden drei Optionen genannt: den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen oder auf 1,5 Grad oder – das ist eine neue Formulierung – auf „deutlich unter zwei Grad“. Das ist noch kein Durchbruch für Tony deBrum und seine Mitstreiter. Immerhin: „Die Elemente, für die wir uns einsetzen, sind immer noch da“, sagt deBrum. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Debatte jedoch nicht zu verstehen. Schon um den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, sind unpopuläre und vielleicht sogar unrealistische Maßnahmen nötig. Die bisherigen Zusagen der Staaten reichen nur für etwa drei Grad. „Wir steuern in eine andere Richtung“, sagt der Klimastatistiker Glen Peters vom Forschungszentrum Cicero in Oslo.

Man darf gespannt sein, ob und wie die Staaten das 1,5-Grad-Ziel mit konkreten Maßnahmen untermauern. Ein Team aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland hat vor einigen Monaten im Fachmagazin „Nature Climate Change“ berechnet, wie es gehen würde: Im Grunde müsste man die CO2-Emissionen noch schneller auf Null reduzieren als für das Zwei-Grad-Ziel. In den 2050er- oder gar schon in den 2040er-Jahren sollte die Weltwirtschaft vollständig dekarbonisiert sein; das dürfte anderthalbmal oder doppelt so viel kosten wie die Umstellung für das Zwei-Grad-Ziel.

Doch in dieser Debatte scheint es nicht um Machbarkeit zu gehen, sondern um Notwendigkeit. Wenn die Temperaturen um zwei Grad steigen, könnte nicht nur der Meeresspiegel für manche Staaten zu hoch sein. Auch die Korallen dürften dann zum Beispiel absterben. Mary Robinson, die frühere Präsidentin Irlands und UN-Hochkommisarin für Menschenrechte, spricht von einer existenziellen Bedrohung für die Inselstaaten. Die rund 70.000 Einwohner der Marshall-Inseln im Klimawandel im Stich zu lassen sei ungerecht und verletze deren Menschenrechte. Diese Botschaft verbreiten am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, viele Experten in Paris. Aus einem verbindlichen 1,5-Grad-Ziel könnten betroffene Staaten Ansprüche ableiten, wenn es nicht eingehalten wird, erläutert der Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth in einem Interview.

Eine neue Debatte über das Geoengineering?

Darüber hinaus geben auf dem Klimagipfel nicht mehr die Umweltminister den Ton an, sondern die Außenminister. Sie haben offenbar einen anderen Blick auf die Probleme. Dazu passt eine Lehre, die der Ökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung aus seiner Arbeit für den Klimarat IPCC gezogen hat: „Regierungen interessieren sich nicht wirklich für die Zukunft“, sagt er. Kritisch sei es in seinen Gesprächen nur geworden, wenn er in die Vergangenheit geblickt hätte. Erst wenn ihre bisherige Arbeit bewertet werde, würden Politiker nervös. Vage Absichtserklärungen sind offenbar weniger problematisch. Möglicherweise, sagt Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, werden die 1,5 Grad auch erst für das Jahr 2100 vereinbart. Dann könnten die Temperaturen in diesem Jahrhundert noch darüber hinausschießen. „Man wäre politisch sehr viel flexibler“, sagt er.

Aber irgendwann müssten die Temperaturen doch sinken. Geden hält es für möglich, dass deshalb eine neue Debatte über das Geoengineering aufzieht. So werden Eingriffe in das Klimasystem bezeichnet. Man könnte beispielsweise Algen im Meer düngen, damit sie mehr CO2 aus der Atmosphäre nehmen, oder Sulfatpartikel in höheren Luftschichten verteilen, die Sonnenlicht ins All zurückwerfen. Diese Maßnahmen gelten derzeit als zu riskant, als dass man sie ernsthaft erwägen könnte. Aber was, wenn die Temperatur über zwei Grad steigt und der Druck wächst, irgendetwas zu tun? „Dann kommen wir endlich in eine ehrliche Debatte über Zielkonflikte“, sagt Geden.