Klimapolitik Sind die UN-Ziele noch zu erreichen?

Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem in Nordrhein-Westfalen ist eines der leistungsstärksten in Deutschland. Foto: dpa
Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem in Nordrhein-Westfalen ist eines der leistungsstärksten in Deutschland. Foto: dpa

Nach jahrelanger Diplomatie ist es schwer geworden, den Temperaturanstieg noch auf zwei Grad zu begrenzen, wie es die Vereinten Nationen vorhaben. Manche Forscher finden, dass sie sich unglaubwürdig machen, wenn sie den UN-Zielen Chancen einräumen.

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Stuttgart - Seit dem ersten UN-Klimagipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992 ist der weltweite CO2-Ausstoß um 60 Prozent gestiegen. Das vergangene Jahr war das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen: Es lag 0,69 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts und mehr als 0,9 Grad über dem Niveau, das vor Beginn der Industrialisierung herrschte. Wenn sich an den gegenwärtigen Regelungen nichts ändert, dürften sich die Emissionen im Laufe dieses Jahrhunderts noch verdoppeln und die Temperatur auf vier Grad über dem vorindustriellen Niveau steigen.

Die freiwilligen Selbstverpflichtungen, die alle Staaten an die Vereinten Nationen melden durften, könnten den Anstieg auf drei Grad begrenzen. Doch das würde das Ziel verfehlen, auf das sich die UN verständigt haben: Sie wollen die Zwei-Grad-Marke nicht übersteigen, weil das Risiko für Naturkatastrophen mit der Temperatur deutlich steigt. Im Dezember soll in Paris auf einem Klimagipfel mit 40 000 Teilnehmern aus 195 Staaten ein entsprechendes Abkommen formuliert und verabschiedet werden. Die Erwartungen sind eher verhalten.

Während der jahrelangen Verhandlungen ist es schwieriger geworden, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Klimaforscher haben berechnet, wie viel CO2 durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas noch in die Atmosphäre gelangen darf, damit die Zwei-Grad-Marke nicht überschritten wird: Wenn sich an den Emissionen nichts dramatisch ändert, reicht das Budget noch für rund 20 Jahre. Dass die Emissionen danach plötzlich auf Null sinken, glaubt natürlich niemand. Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin fordert die Klimaforscher daher auf, deutlich zu sagen, dass das Ziel nicht mehr zu erreichen sei. In einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin „Nature“ bezeichnet er die These, dass man es noch schaffen könne, wenn sich die Weltgemeinschaft richtig anstrenge, als „wissenschaftlichen Nonsens“.

Fallstudie: Klimaskeptiker beeinflussen die Forschung

Der Weltklimarat IPCC hat in seinem jüngsten Bericht zwar erneut betont, dass es noch möglich sei, zu erträglichen Kosten die Zwei-Grad-Marke einzuhalten. Doch dazu müssen unpopuläre Optionen genutzt werden: etwa die Atomkraft. Oliver Geden verweist darauf, dass im vorletzten Weltklimabericht aus dem Jahr 2007 noch stand, dass die Emissionen ab 2015 sinken müssten. Nun setze der Weltklimarat auf den umfassenden Einsatz von Bioenergie und die umstrittene unterirdische Speicherung von CO2. Geden befürchtet, dass Klimaforscher an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie ihre Szenarien zu sehr den politischen Realitäten unterwerfen. In der Politik bleibe nur die Botschaft hängen, dass das Zwei-Grad-Ziel in Reichweite sei, argumentiert er. Das Kleingedruckte werde ignoriert.

Eine Reihe von Klimaforschern, etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, widerspricht Geden: Man erkläre nur, welche Optionen bestehen. Sowohl aus physikalischer als auch aus ökonomischer Sicht bleibe das Zwei-Grad-Ziel in Reichweite. In einem Blogbeitrag hat Rahmstorf schon vor einiger Zeit festgehalten, dass die Risiken für Naturkatastrophen auch bei zwei Grad erhöht seien. Zum Beispiel könnte der Eispanzer Grönlands schmelzen. Das wäre ein unaufhaltsamer Prozess, der den Meeresspiegel am Ende um sieben Meter anheben würde.

Kritik an der Klimaforschung kommt auch aus einer anderen Richtung – und in diesem Fall stimmt Stefan Rahmstorf zu: Die Forschung lasse sich durch die öffentliche Debatte zu stark beeinflussen. Im Fachmagazin „Global Environmental Change“ analysiert ein Team um den Psychologen Stephan Lewandowsky von der Universität im britischen Bristol die vermeintliche Pause im Klimawandel: Auf das ungewöhnlich warme Jahr 1998 folgten einige Jahre, in denen der Trend nach oben etwas schwächer ausfiel als in den Jahren zuvor.

Das Team hat die Fachliteratur zu diesem Phänomen gesichtet und beklagt, dass sich die Klimaforscher den Begriff der Pause zu eigen gemacht hätten, obwohl es aus statistischer Sicht keinen Grund dazu gab. Die Pause erscheint nur, wenn man 1998 als Ausgangspunkt wählt. Ansonsten hat sich der klimatische Trend im vergangenen Jahrzehnt bloß etwas abgeschwächt. Ohne den Druck von Klimaskeptikern, argumentiert das Team, hätte die vermeintliche Pause nicht so viel übertriebene Aufmerksamkeit erhalten. Er begrüße die öffentliche Debatte, sagt Lewandowsky. „Aber lasst sie uns korrekt führen.“

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