Abu Dhabi - Politiker haben sich jüngst mit Ankündigungen einer emissionsfreien Welt übertroffen. Doch beim jüngsten Weltenergiekongress wurde deutlich, dass solche Absichtserklärungen mit der Realität wenig zu tun haben. Es war ernüchternd, sich die Diskussionen auf dem Kongress anzuhören, der am Donnerstag in Abu Dhabi zu Ende gegangen ist. Zwar ist Nachhaltigkeit und die Reduzierung der Kohlendioxidemissionen das absolut dominierende Thema gewesen. Doch die Beteuerungen vieler Sprecher entpuppen sich als Lippenbekenntnisse, wenn es um konkrete Planungen geht. Die arabischen Ölstaaten sagen klar, dass sie nicht gewillt sind, weniger Öl zu exportieren, als möglich ist. Und Indien, eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften, lässt keinerlei Zweifel daran, dass es auch Kohle nutzen wird, um seinen Energiehunger zu stillen. Aus indischer Perspektive ist das nachvollziehbar: Denn erstens reklamiert das Schwellenland natürlich sein Recht auf Entwicklung, und die hängt stark von der Verfügbarkeit von Strom ab. Und zweitens nutzen indische Haushalte, die elektrifiziert werden, kein Holz mehr, um zu kochen oder zu heizen. So betrachtet ist Kohlestrom ein Fortschritt.
Erderwärmung begrenzen
Das Ziel, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, ist so aber nicht erreichbar. Auch wenn sich ein großer Teil der Länder weltweit darauf vor vier Jahren in Paris verständigt hat, darunter auch Nationen wie Indien, Brasilien, China und Ölstaaten wie Saudi-Arabien. Es ist völlig klar: Die Zukunft des Klimas entscheidet sich nicht in Deutschland und auch nicht in Europa, sondern in Asien, Afrika, Russland und Südamerika. Der afrikanische Kontinent verbraucht heute etwa eineinhalb mal so viel Energie wie Deutschland. Nicht lange, und es wird so viel sein wie Europa als Ganzes.
Daraus zu folgern, Europa kann in seinem Bestreben nachlassen, wäre falsch. Erstens muss jeder seinen Beitrag leisten. Und Deutschland steht auf der Liste der Länder mit den größten CO2-Emissionen auf Platz sechs. Zweitens bietet der Wandel just für Europa erhebliche Chancen. Sie zu nutzen ist von vitaler Bedeutung.
Kein Vorbild
Die deutsche Energiewende – einst Vorzeigeprojekt – hat nur teilweise zu einem überzeugenden Ergebnis geführt: Wind und Sonne haben Strom an der Börse so verbilligt, dass das deutlich klimafreundlichere Erdgas keine Chance hatte und Kohle die Leistung der wegfallenden Atomkraftwerke ersetzte. Deutschlands Emissionen sind in der Folge gestiegen, nicht gesunken. Das taugt nicht als Vorbild oder gar als Exportartikel.
Klar ist: Wenn der globale Energiehunger gestillt und die Erderwärmung begrenzt werden soll, müssen alle möglichen Optionen genutzt werden. Die Atomkraft, die Verpressung oder Verwandlung von Kohlendioxid sowie Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe sind dabei die Säulen, auf die es künftig ankommen wird.
Von der Atomkraft hat sich Deutschland verabschiedet. In anderen Bereichen ist es aber noch nicht zu spät, technischer Vorreiter zu werden. Deutschland und Europa müssen dabei die Referenzmärkte sein, auf denen sich die Technik beweist. Nur dann bleibt die globale Energiewende ein Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft.
Hierzulande geführte Debatten nicht hilfreich
Kleinteilige Debatten, wie man sie derzeit in Deutschland führt, sind dabei nicht hilfreich. Das Land hat sich in einem Labyrinth aus Regularien, Förderungen und Abgaben verrannt, aus dem es auszubrechen gilt. Es ist überfällig, den Strompreis für Endkunden zu entlasten und dafür den Kohlendioxidausstoß zu belasten. Die Welt steht am Scheideweg – um die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern, braucht es eine Aufbruchstimmung, auch und gerade in Deutschland.