Vor einer Woche saß ich mit meiner Tochter am späten Abend auf einer Bank im Stuttgarter Hauptbahnhof. Diesmal war es mein Sohn, den es samt großem Gepäck abzuholen galt. Vom Zug aus dirigierte er uns auf Gleis 5. Die Infotafel zeigte eine pünktliche Ankunft an. Das passte. Allerdings fuhr dann ein Nahverkehrszug ein, der als Ersatzverkehr nach Böblingen gekennzeichnet war. Na ja, dachten wir, der verschwindet wieder. Niemand stieg aus, dafür fanden sich neue Passagiere ein. Ein Mann schimpfte, er warte bereits seit einer Stunde auf den Zug. Jedoch: Es tat sich nichts. Irgendwann verließ der Lokführer den Triebwagen. Sofort war er von ratlosen Menschen umringt, die er mit dem Hinweis beschied, dass er jetzt Feierabend mache – und der Zug auch.
Zwischendurch landeten weitere Reisende an Gleis 5 an – in der fatalen Erwartung, in den roten Doppelstock-Waggons nach Wien mitgenommen zu werden. Ich muss noch erwähnen, dass an jenem Abend die Lautsprecheranlage des Hauptbahnhofs still blieb. Vielleicht aus Scham. Ziemlich klein war auf der Infotafel an Gleis 5 vermerkt, dass ein Zug nach Wien ausfalle. Plötzlich klingelte das Handy. Mein Sohn fragte ungeduldig nach unserem Verbleib. Er warte. Sein ICE – nun zehn Minuten vor der Zeit unterwegs – war auf einem anderen Gleis eingefahren. Leider vergaß ich in der Hektik, auf den ICE zu achten. Schon seit längerem versuche ich, einen dieser einstmals weiß glitzernden Flitzer zu finden, der nicht von vorne bis hinten schlammbraun verdreckt ist. Bei mir löst das jedes Mal ein Gefühl des Fremdschämens aus, vor allem beim Blick auf Passagiere, von denen anzunehmen ist, dass sie aus dem Ausland kommen. Wer steigt gern in einen Zug ein, der von außen so aussieht wie die Toiletten im Bahnhofsklo von innen?
Weshalb beschreibe ich diese alltäglichen Szenen? Sie kamen mir in Erinnerung, als ich die Reaktionen auf die Aktion von Klimaaktivistinnen auf dem Stuttgarter Flughafen wahrnahm. Oben auf der Empörungswelle: Hans-Ulrich Rülke, der FDP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Auch Innenminister Thomas Strobl ließ sich nicht lumpen. Tenor: Solche Klimaaktivisten sind Kriminelle. Strobl: „Wir brauchen für diese Straftaten deutlich schärfere und höhere Strafen.“ Rülke: „Diese so genannten Aktivisten gefährden die Sicherheit des Flugverkehrs und zerstören die Urlaubspläne unschuldiger Bürger.“ Daniel Lindenschmid von der AfD steuerte die Einschätzung bei, die Aktivistinnen seien „eher Terroristen“. Zur Erinnerung: Die zwei Frauen betraten nicht die Start- und Landebahn. Der Flugverkehr war laut Bundespolizei nicht beeinträchtigt.
Ich bin noch nicht entschieden, ob ich diese mit Adrenalin aufgepumpten Wortmeldungen als lachhaft oder erbärmlich einordne. Es handelt sich bei Rülke und Strobl um Vertreter von Parteien, welche die Bahn über Jahrzehnte heruntergewirtschaftet haben. Parteien, die in der neoliberalen Hochphase die Bahn für die Börse auf Gewinn frisierten, bis die Infrastruktur vor die Hunde ging. Parteien, die bei den martialischen Bauernprotesten ihre Klimapolitik wegwarfen wie einen verwurmten Apfel. Parteien, die meinen, in der Stuttgarter Innenstadt gebe es noch nicht genug Autos. In der AfD-Fraktion wird der Diesel, so scheint es, morgens in der Kaffeekanne serviert. Dies allerdings könnte manches erklären. By the way: Die SPD, am wenigsten die Grünen, haben ihren Anteil am Zustand der Bahn, hielten im aktuellen Fall aber wenigstens den Mund.
Man mag über die Klimaaktivisten denken, was man will. Aber sie haben ein ernstes Anliegen. Politische Wortführer reagieren in einer wutschnaubenden, verschwitzten Spießerpose. Nicht zuletzt, um Verantwortlichkeiten ihrer politischen Verbände für eine heruntergekommene Infrastruktur zu überdecken. Für die kommenden Wahlkämpfe lässt dies Schlimmes erwarten. Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, schreibt in seinem Buch „Verkaufte Zukunft“: „In einer um 2 oder 2,5 Grad erwärmten Welt, in der große Teile des Wohlstands für die Reparatur von Klimaschäden und die Klimaanpassung aufgebracht werden müssen, wird es sehr viel schwieriger sein, demokratische soziale Ordnungen oder auch nur ein friedliches Zusammenleben zu organisieren.“ Rülke, Strobl und andere Verteidiger des Niedergangs im Status quo haben dann ihre Wahlschlachten geschlagen. Vielleicht funktioniert bis dahin ja der digitale Bahnknoten Stuttgart. Oder auch nicht.