Klimaschutz im Kreis Esslingen In 22 Jahren klimaneutral: Klappt das?

Die Photovoltaik-Kampagne des Landkreises ist nur ein Baustein, um die fossilen Energieträger zurückzudrängen. Das Kraftwerk Altbach/Deizisau steht wieder vermehrt unter Dampf. Foto: Roberto Bulgrin Foto: Ute Grabowsky

Der Kreis Esslingen hat wie das Land und der Bund große Ziele, wenn es darum geht CO2 –Emissionen zu vermeiden. Zurzeit ist man jedoch mehr denn je auf fossile Energieträger angewiesen. Doch die Versorgungskrise, die durch den Ukraine-Krieg ausgelöst wurde, ist auch eine Chance.

Region: Andreas Pflüger (eas)

Das Ziel ist zwar noch 22 Jahre entfernt, doch schon jetzt ist abzusehen, dass es nur schwerlich – wenn überhaupt – erreicht werden kann. 2045 möchte der Landkreis, so die Vision der im September 2021 eingerichteten Klimaschutzagentur, klimaneutral und klimaangepasst sein. Klimaneutral bedeutet – vereinfacht zusammengefasst –, dass durch den Kreis und die dort lebenden Menschen das Klima nicht weiter negativ beeinflusst wird. Klimaangepasst wiederum heißt – ebenfalls grob formuliert –, dass sich der Kreis, die Kommunen und ihre Bewohner wappnen, um den Folgen des Klimawandels gerecht zu werden.

 

Hauptpunkt, um die besagte Klimaneutralität zu erreichen, ist es, den Ausstoß von CO2 möglichst komplett zu vermeiden. Mit dem Ukraine-Krieg und der daraus resultierenden Versorgungskrise ist das zumindest nicht einfacher geworden. „Auf jeden Fall ist und bleibt es eine anspruchsvolle Aufgabe, weil die jüngsten Entwicklungen im Energiesektor mit Sicherheit einen Rückschritt darstellen“, sagt Christine Griebel. Bei der Klimaschutzmanagerin im Landratsamt laufen alle Bemühungen zusammen. Ein Stück weit konterkariert werden diese zurzeit, weil fossile Energieträger, wie Kohle oder auch Flüssiggas, eine Renaissance erleben.

EnBW-Standort bis mindestens 2026 auf Kohle angewiesen

Schon ein rein optischer Beleg dafür ist das EnBW-Kraftwerk Altbach/Deizisau. Aus allen Himmelsrichtungen ist zu sehen, dass die Kamine zurzeit nicht nur häufiger, sondern häufiger auch gemeinsam dampfen als noch im Herbst und Winter 2021. Und wer auf der B 10 entlangfährt, erkennt, dass dort, wo über viele Jahre nur noch leere Flächen zu sehen waren, sich auf einmal wieder Kohleberge türmen. Ricarda Bohn, die Pressesprecherin der EnBW, nennt den Grund dafür: „Beide Blöcke waren und sind für die Absicherung der Strom- sowie der Fernwärmeversorgung verfügbar und werden zeitweise auch gleichzeitig angefordert und betrieben.“

Während das Heizkraftwerk II mit jährlich rund 5000 Betriebsstunden nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten im Markt betrieben werde, hätten sich die Betriebsstunden im Heizkraftwerk I, das als Netzreserveanlage diene, von 500 aus dem Jahr 2021 im Jahr 2022 verdoppelt, nennt Bohn entsprechende Zahlen und ergänzt: „Bis die neue Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) 2026 betriebsbereit sein wird, ist der Standort deshalb auf Kohle angewiesen, um in beiden Heizkraftwerken weiterhin Strom und Fernwärme produzieren zu können.“

Griebel: Die momentane Situation bietet auch eine Chance

Die in Teilen der Bevölkerung vorhandenen Bedenken, dass sich die Umrüstungspläne aufgrund der Energiekrise zeitlich verzögern könnten, teilt die EnBW-Sprecherin nicht: „Das Heizkraftwerk II wird durch den Bau der GuD, also des Heizkraftwerks III, im Betrieb nicht eingeschränkt.“ Und was das Heizkraftwerk I betreffe, das seinen Kühlturm künftig zusammen mit der GuD nutzen werde, stimme man die notwendigen Umbaumaßnahmen so ab, dass ein Wechselbetrieb zwischen dem Heizkraftwerk I und dem Heizkraftwerk III stattfinden könne.

Ebenso wie Bohns Aussagen darauf hoffen lassen, dass aus der Klimaneutralität im Landkreis in absehbarer Zeit etwas werden könnte, sieht Christine Griebel die momentane Situation sogar ein Stück weit als Chance: „Es gibt in vielen Städten und Gemeinden positive Entwicklungen, weil vieles von dem, worüber jahrelang diskutiert wurde, jetzt einen anderen Stellenwert bekommen hat und umgesetzt wird.“

Die Klimaschutzmanagerin des Landkreises zählt gleich mehrere Punkte auf: das Energiesparen durch mehr Effizienz sowohl in Kommunen und Unternehmen wie auch in den privaten Haushalten, das energetische Sanieren von Gebäuden und das Modernisieren von Heizungen, die Errichtung von Photovoltaikanlagen nicht zuletzt auf kommunalen Liegenschaften und das Vorantreiben einer klimaneutralen Wärmeplanung in den Städten und Gemeinden. „Da passiert gerade überall etwas“, sagt Griebel. Dass es Hürden gebe, wie fehlendes Material oder einen Mangel an Fachkräften, sei unbestritten, ergänzt sie. „Aber im Bewusstsein der Leute ist was passiert. Der Klimaschutz ist in den Köpfen angekommen“, betont Griebel.

Zeitplan für Umrüstung des Kraftwerks Altbach/Deizisau steht nach wie vor

Projekt
 Eine neue Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) soll für den sogenannten Fuel Switch am EnBW-Kraftwerksstandort Altbach/Deizisau sorgen. Der Wechsel von Kohle – zunächst auf Erdgas – bildet die Brücke auf dem Weg zu grünen Gasen wie regenerativ erzeugtem Wasserstoff. Im Februar wurde der Antrag auf Erteilung eines Vorbescheids sowie einer Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz eingereicht. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens werden auch die umliegenden Gemeinden sowie die Öffentlichkeit beteiligt.

Bauzeit
 Das Baufeld für die GuD wird, sobald die erforderlichen Genehmigungen vorliegen, noch in diesem Frühjahr freigemacht. Die Hauptbaumaßnahmen sollen im 3. Quartal 2023 beginnen. Die Inbetriebnahme der GuD-Anlage ist für das Jahr 2026 vorgesehen. Bis 2035 will die EnBW ihre Produktion im Kraftwerk Altbach/Deizisau – wie bisher geplant – komplett auf Wasserstoff umgestellt haben, Strom und Wärme also klimaneutral liefern.

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