Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat die Abkehr von Standards für den Wohnungsbau begrüßt. Neubauten und sanierte Gebäude sollen ab dem Jahr 2025 doch nicht besser gedämmt werden. Darauf hatte sich die Bundesregierung mit Vertretern der Bau- und Wohnungswirtschaft vor dem Beginn des Baugipfels am Montag geeinigt und sich gegen den sogenannten Dämmstandard EH 40 ausgesprochen, das geht aus einem Beschlusspapier hervor.
Winfried Kretschmann (Grüne) sieht in dieser Entscheidung keine Entscheidung gegen den Klimaschutz. „Es kommt nämlich auf etwas ganz anderes an“, sagte der Ministerpräsident auf der Landespressekonferenz am Dienstagmittag.
Es komme darauf an, Treibhausgase zu vermeiden
Ein Gebäude mit EH 40 würde nur 40 Prozent der Energie eines Vergleichsneubaus verbrauchen. Den Energiesparstandard hatte die Ampel im Koalitionsvertrag für 2025 verankert. Kritiker hatten befürchtet, dass die zusätzlichen Standards die Baupreise weiter anheizen. Nun soll es beim Standard EH 55 bleiben, bei dem ein Neubau 55 Prozent der Energie eines Vergleichsneubaus benötigt. Die Abkehr von EH 40 ist eine von insgesamt 14 Maßnahmen, mit denen die Ampelkoalition erreichen will, dass wieder mehr gebaut wird.
Allein die Energieeffizienz von Gebäuden zu betrachten, hält Kretschmann für falsch. Denn die beim Hausbau benötigte Energie sei fünf bis acht Mal so hoch wie jene, die für Heizen, Kühlen oder Elektrogeräte benötigt werde. „Es kommt darauf an, Treibhausgase zu vermeiden, und nicht auf die Energieeffizienz des Gebäudes während seiner Betriebszeit“, sagte er.
“Die Leute machen nicht das, was sie sollen“
Auf dem Weg, Treibhausgase wie CO2 zu vermeiden, befinde man sich laut des Ministerpräsidenten. Er verweist auf die Holzbauinitiative des Landes, durch die Holz verstärkt als Baustoff verwendet werden soll. Holz bindet klimaschädliches CO2 aus der Atmosphäre. Emissionen, die bei der Herstellung energieintensiverer Baustoffe wie etwa Stahl und Beton entstehen, fallen nicht an.
An der Sinnhaftigkeit von noch höheren Energiesparstandards zweifelt Kretschmann auch aus einem weiteren Grund: Untersuchungen hätten ergeben, dass hohe Energieeffizienzstandards in 70 Prozent der Fälle nichts bringen würden, weil die Leute nicht das machen würden, was sie sollten, kritisiert Kretschmann. „Sie lüften, obwohl man gar nicht mehr Lüften soll, wenn man ein Haus mit diesem Standard hat.“ Die Diskussion um Energiestandards sei deshalb ein klassisches Beispiel, dass in der Praxis vieles anders aussehe als in der Theorie.
Schon seit Jahren fehlt in Deutschland Wohnraum, vor allem in den Ballungsgebieten. Die Preise auf dem Miet- und Kaufmarkt schossen in die Höhe. Verbände wie der Zentralverband des Baugewerbes oder der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie begrüßen deshalb die Pläne der Bundesregierung.