Klimaschutz in Stuttgart-Vaihingen Eine Wand für heiße Sommertage

Insektenhotels inmitten von Pflanzen: Pia Krause (li.) und Leonie Fischer, Moritz Weckmann (li. hinten) und Hans Müller begutachten die wilde Klimawand. Foto: Lg/Max Kovalenko

Grün statt Grau: An einer Fassade in Stuttgart-Vaihingen wachsen seit Kurzem mehr als 6500 Pflanzen in der Waagerechten. Auch Fledermäuse, Insekten und Vögel sollen sich dort ansiedeln. Zu Besuch am Fraunhofer-Institut.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Seit Kurzem sieht die Fassade des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart-Vaihingen ein wenig anders aus: Statt Grau dominiert dort nun Grün, dazwischen finden sich viele kleine Farbtupfer. Zwischen waagerecht wachsender Zitronenmelisse, Rosmarin oder Lavendel fliegen Bienen und andere Insekten ein und aus, bald sollen auch Vögel und Fledermäuse an der Fassade Versteckmöglichkeiten, Futter und Schlafplätze finden. Insgesamt 17 Holzkisten wurden dafür angebracht, drumherum wachsen mehr als 6500 Pflanzen, das sind gut 70 Arten.

 

Ein „extremer Standort“ für Pflanzen

„Das Ziel ist ein kleines Ökosystem“, sagt Pia Krause, die in der Projekt- und Geschäftsfeldentwicklung des Fraunhofer-Instituts arbeitet. „Die Tiere finden ihre Nahrung direkt an der Wand.“ Das Ganze nennt sich wilde Klimawand. Sie soll die Biodiversität fördern sowie ein Baustein zur Klimaanpassung sein – denn die Wand hat auch eine kühlende Funktion. Wissenschaftler von der Uni Stuttgart und dem Fraunhofer-Institut untersuchen zudem, inwiefern die wilde Klimawand zur Luftreinigung beitragen kann. Das Ganze sei „wirklich etwas Besonderes“, sagt Leonie Fischer, Professorin am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Uni Stuttgart. Sie kenne kein vergleichbares Projekt.

Doch damit Kräuter und Blumen horizontal an einer Wand wachsen können, war etwas Vorarbeit nötig. „Für Pflanzen ist das ein extremer Standort“, sagt Fischer. „Die Richtung, in die die Pflanzen wachsen, ist falsch, die Sonne knallt auf die Fassade, der Wind rauscht durch.“ Deshalb habe man im Vorhinein genau geprüft, welche Blumen und Kräuter sich dafür eignen. Eine mit Efeu bewachsene Fassade entfalte ihre positiven Effekte aufs Klima und Artenvielfalt nämlich erst nach vielen Jahren, sagt Fischer.

Balance zwischen „schwäbischer Ordnung“ und Naturschutz

Im Herbst 2022 begannen die Planungen für die wilde Klimawand. Zunächst erstellten die beteiligten Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut und der Uni Stuttgart eine Art Wunschliste der Pflanzen, die sie gerne an der Wand hätten. Dann kam Hans Müller ins Spiel, der Geschäftsführer des Pflanzenherstellers Helix aus Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg): Er sortierte alle Pflanzen aus, die nur ein Jahr lang blühen, in Stuttgart schlechte Chancen haben oder durch das waagerechte Wachstum brechen könnten.

Im Februar begann der Experte dann mit der Vorkultivierung der Pflanzen; zunächst senkrecht wachsend. Parallel baute ein Schlosser eine Unterkonstruktion an die Fassade des Fraunhofer-Instituts, es wurden Wasserrohre nach draußen verlegt – und dann die Pflanzen an der Fassade befestigt. Zurückgeschnitten werden soll künftig nur „sehr behutsam“, sagt Hans Müller. Wenn Pflanzen braun werden oder sich Löwenzahn oder Disteln breitmachen, lässt man diese erst einmal stehen. „Wir suchen die Balance zwischen schwäbischer Ordnung und Naturschutz“, sagt Müller.

Förderung durch Bund sowie Stadt Stuttgart

Das Ganze kostet rund eine halbe Million Euro, davon werden rund 85 Prozent öffentlich gefördert. Eigentlich stecken dahinter nämlich zwei Forschungsprojekte: Die mit 78 Quadratmetern größere Klimawand wird größtenteils aus dem Klima-Innovationsfonds der Stadt Stuttgart bezahlt, das mit 38 Quadratmeter kleinere Projekt vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Zu letzterem gehören mehrere, teils verschiebbare Beete mit Kräutern und rankenden Pflanzen. „Wir wollen auch untersuchen, wie die Mitarbeiter, die in den Räumen hinter den Pflanzen sitzen, auf die Verschattung reagieren – jenseits von messbaren Größen“, erklärt Moritz Weckmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Akustik und Bauphysik.

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