Klimaschutz in Weinstadt Trotz sinkender Emissionen: Weinstadt liegt hinter Klimazielen zurück

Die Stadt Weinstadt möchte bis 2035 klimaneutral werden (Symbolfoto). Foto: Gottfried Stoppel (Archiv)

Auf dem „richtigen Pfad“, aber bisher nicht weit genug – so lässt sich die Bilanz des jüngsten Klimamonitorings für Weinstadt zusammenfassen.

Weinstadt ist auf einem guten Weg“, urteilt der städtische Klimaschutzmanager Lennard Volk mit Blick auf die Bemühungen der Stadt, den Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren. So hat dieser in den Jahren von 2019 bis 2023 von nicht ganz 140.040 CO₂-Äquivalenten um sechs Prozent auf knapp 134.330 abgenommen. In der Maßeinheit CO₂-Äquivalent sind unterschiedliche Treibhausgase in einem Wert zusammengefasst, entsprechend ihres Erwärmungspotentials im Vergleich zu Kohlenstoffdioxid (CO₂ ).

 

Bis Weinstadt sein im Oktober 2021 selbst gestecktes Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden, erreicht, ist es indes noch ein weiter Weg. Zumal die tatsächlichen Emissionen ein gutes Stück über dem Reduktionsziel liegen, wie Volk anhand von mit dem Bilanzierungs- und CO₂-Tool Baden-Württemberg, kurz Bico, erstellten Absenkungspfaden verdeutlicht. Mit der einheitlichen Bilanzierungsmethodik kann zum Klimamonitoring die Entwicklung der CO₂-Emissionen dargestellt werden.

Weinstadt: Klimaziele 2035 und 2040 in Gefahr

Die jüngste Bilanzierung für Weinstadt ist von 2023. Darin sind zwei Szenarien entworfen, einmal für die vom Gemeinderat gesteckte Zielvorgabe, bis 2035 Klimaneutralität zu erreichen, und einmal, wie es im Klimaschutzgesetz des Landes festgeschrieben ist, bis 2040. Beide Kurven verlaufen jedoch unter den zuletzt für Weinstadt ermittelten Werten.

Trotzdem sagt Volk: „Wir sind auf dem richtigen Pfad.“ Bislang würde zwar nur zu einem Anteil von 18 Prozent erneuerbare Energien in Weinstadt genutzt. Doch nehme die Brutto-Gesamtleistung von Photovoltaik (PV) in der Stadt zu, im vergangenen Jahr um rund 2400 Kilowatt Peak auf insgesamt 15.370. Dabei ist die Entwicklungskurve nach einem eher schleichenden Beginn Anfang der 1990er Jahre in den vergangenen fünf Jahren geradezu explodiert. „Das Ziel sind 75.000 Kilowatt Peak.“

Meilensteine auf dem Weg dorthin seien die Solarparks Schönbühl und Ellenrain mit einer Gesamtleistung von 20.000 Kilowatt Peak. „Das ist ein gewaltiger Schritt.“ Dazu komme die Energiedrehscheibe mit der Abwassernutzung und dem großen Pufferspeicher. „Damit ist Weinstadt fast einzigartig in der Region, was maßgeblich an den Stadtwerken liegt und ihrem Betriebsleiter Herrn Meier als treibender Kraft.“

Derweil ist man auch bei der Stadt nicht untätig. So hat man vergangenes Jahr eine Wärmepumpenkampagne gemacht, eine Solar-Offensive gestartet, bei der Bürger mit einer Bündelungsaktion bei der Anschaffung eigener Photovoltaikanlagen unterstützt werden, intern städtischen Mitarbeiter für das richtige Heizen und Lüften sensibilisiert sowie Hausmeister zusammen mit der Energieagentur Rems-Murr zum Thema geschult. „Für Lehrer gab es eine Veranstaltung zum Thema Hitzeschutz“, zählt Volk weiter auf und ist damit bei nächsten Thema, das in der Stadt immer mehr eine Rolle spielen soll: die Klimaanpassung.

Klimaanpassung: Weinstadt plant kühlende Oasen und Schutzmaßnahmen

Basierend auf dem Bundesklimaanpassungsgesetz habe das Land es Großen Kreisstädten zur Pflichtaufgabe gemacht, bis Juni 2031 ein Konzept hierzu entwickeln, erklärt Volk. Dabei sollen in einer Klimawirkungsanalyse zunächst gegenwärtige und zukünftige klimatische Zustände und Risiken ermittelt werden, die im nächsten Schritt, der Betroffenheitsanalyse, bewertet werden, um im dritten Schritt daraus einen Maßnahmenkatalog abzuleiten. Kurz: Was kann im Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels getan werden? „Bei der Umgestaltung der Strümpfelbacher Straße wird schon darauf geachtet, mit Bäumen und Wasserspielen, die eine kühlende Funktion haben“, sagt Volk. Doch spiele bei der Klimaanpassung nicht allein die Stadtplanung eine Rolle. „Auch Hochwasser- und Starkregenschutz sind wichtige Themen.“

Um sich ein solches Konzept erstellen zu lassen, würde Weinstadt eine Landesförderung von vier Euro pro Einwohner bekommen, insgesamt rund 108.000 Euro. Im kommenden Jahr wollte die Stadtverwaltung eigentlich bereits loslegen. Doch der Gemeinderat vereitelte mehrheitlich den Aufstellungsbeschluss dazu und verschob das Vorhaben auf 2029 – sehr zum Missfallen des Klimabündnisses Weinstadt. In einer Pressemitteilung kritisiert der Verein die Ratsfraktionen, welche diese Entscheidung bewirkt haben, scharf. „Trotz Hitze, Trockenheit und Starkregen wollen CDU und Freie Wähler im Gemeinderat von Weinstadt lieber abwarten statt handeln. Verantwortung sieht anders aus.“ Unverständlich sei es, dass die Ratsmehrheit gegen den Vorschlag der Stadtverwaltung gestimmt habe – obwohl das Land Geld dafür bereitstelle, der Stadt daher keine Kosten entstehen würden.

Klimabündnis erinnert an die Auswirkung des Starkregens vor zwei Jahren

„Es geht um Leben und Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, um Erhalt der Kulturlandschaft, der Infrastruktur und der Wirtschaft mit ihren vielen Arbeitsplätzen“, betont das Klimabündnis die Relevanz eines solchen Konzepts und erinnert an die Auswirkungen des Starkregens vor knapp zwei Jahren im Wieslauftal. „Rutschende Hänge, weggespülte Straßen und Schienen der Wieslauftalbahn, schwimmende Autos, vollgelaufene Keller, viele beschädigte Häuser und Betriebsgebäude sowie zwei Tote waren die Folgen des Hochwassers Anfang Juni 2024, an deren Beseitigung zum Teil heute noch gearbeitet wird“, schreibt das Bündnis.

Weinstadt verpasst Chance zur Klimaanpassung: Fehlentscheidung?

Während der Landkreis für die kleineren Gemeinden bereits in diesem Jahr mit dem Klimawandelanpassungskonzept starte, habe Weinstadt eine Chance vertan, sich frühzeitig auf solche Szenarien vorzubereiten. „Wir hoffen alle, dass niemand diese Fehlentscheidung bereuen muss. Noch wäre Zeit für eine Korrektur!“

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