Wissenschaftler sagen über die fortschreitende Klimakrise: Es ist fünf vor zwölf. Sollte weiter Zeit verstreichen, ohne dass die Menschen stärker als bisher versuchen, den globalen Temperaturanstieg zu stoppen, kippen ökologische Systeme. Das wiederum hätte Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Beschlossen werden mehr oder weniger ehrgeizige Ziele in klimatisierten Räumen, umgesetzt werden müssen sie aber auf lokaler Ebene wie dem Landkreis Esslingen. Welche unterschiedlichen Ansatzmöglichkeiten es gibt, erläutert die stellvertretende Landrätin Marion Leute-Mohr.
Frau Leuze-Moor, Forscher erwarten, dass die Zahl der Hitzetage in den kommenden Jahren in Süddeutschland stark ansteigt. Was könnte das für den Kreis Esslingen bedeuten?
Der Landkreis kann, wie alle anderen Regionen auch, von einer zunehmenden Zahl an Hitzetagen betroffen sein. In unserem Aufgabenbereich gibt es viele Handlungsfelder, die berührt sind. Nehmen wir die Wald- und Forstwirtschaft, die Landwirtschaft, Naturschutz, Wasserhaushalt, Tourismus, Gesundheitsschutz sowie die Stadt- und Raumplanung. Ein Instrument, an dem wir arbeiten, ist der Hitzeaktionsplan. Darin geht es zum Beispiel um die Nutzung von Hitzewarnsystemen, die Reduzierung von Hitze in Innenräumen, aber auch um die langfristige Stadtplanung und das Bauwesen.
Können Sie sich vorstellen, demnächst Hitzewarnungen ausgeben zu müssen?
Hitzewarnungen werden vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ausgegeben. Auch der Deutsche Wetterdienst betreibt ein Hitzewarnsystem. Das Bestechende daran ist, dass man diese Warnungen auch landkreisbezogen abrufen kann.
Die Zunahme von Extremwetter hat nach heutigem Forschungsstand viel mit dem globalen Klimawandel zu tun. Was tut der Landkreis, um die weltweit angestrebten Klimaziele zu erreichen?
Als Landkreis orientieren wir uns am Klimaschutzgesetz von Baden-Württemberg, was ja im Moment überarbeitet wird. Wir haben bereits 2020 ein Integriertes Klimaschutzgesetz beschlossen und sind eifrig dabei, es Schritt für Schritt umzusetzen. Das sind insgesamt 95 Maßnahmen. Ein großes Projekt daraus, das zurzeit läuft, ist das Photovoltaikprojekt.
Der Klimawandel trifft auch die Vegetation. Welche Möglichkeiten hat der Landkreis, in der Forstwirtschaft gegenzusteuern?
In der Forstwirtschaft werden zehnjährige Planungen gemacht, wo man ganz genau schaut, was der Wald im Moment braucht. Wir sind dabei, klimaresiliente Baumarten zu etablieren. Bäume, die schon jetzt den veränderten Klimaverhältnissen standhalten können wie die Buche und die Eiche, aber auch die Linde, mischen sich dann mit neu gepflanzten Arten wie der Elsbeere.
Der Klimawandel führt auch zunehmend zur Einwanderung von invasiven Tierarten. Wird dies seitens des Landratsamtes beobachtet?
Zu beobachten sind invasive Schadinsekten wie der Maiszünsler vor allem in der Landwirtschaft. Was wir in unserem Landkreis mit sehr vielen Streuobstwiesen sehen, ist der Vormarsch der Kirschessigfliege. Insgesamt aber spielen invasive Tierarten im Zusammenhang mit dem Klimawandel weniger eine Rolle. Zum Beispiel stammt der Waschbär aus Nordamerika. Er kam vor etwa 100 Jahren durch Pelzhändler nach Europa.
Derzeit kommen der langfristige Klimawandel und die kurzfristige Erdgaskrise zusammen. Bei allen negativen Folgen der Energiekrise: Treibt der unerwartete Mangel an Erdgas den ökologischen Umbau der Gesellschaft voran?
Das ist eine schwierige Frage. Die Folgen der aktuellen Energiekrise in Bezug auf die Klimaziele sind zwiespältig. Einerseits sehen wir, dass auch bei uns im Landkreis wieder verstärkt auf fossile Energieträger gesetzt und auf die klimaschädliche Kohle zurückgegriffen wird – das Kraftwerk Altbach ist hier ein Beispiel. Andererseits gibt es einen großen Schub für den Ausbau der erneuerbaren Energien und Energieeffizienzmaßnahmen. Dazu bekommen wir auch viele Anfragen bei unserer Stabsstelle Klimaschutz.
Klimawandel findet auch in Privathaushalten statt. Welche Möglichkeiten hat der Landkreis, um die Menschen zu unterstützen?
Tatsächlich können die Klimaschutzziele nur dann erreicht werden, wenn alle an einem Strang ziehen. Das ist der Landkreis, das sind die 44 Städte und Gemeinden, aber auch Privatpersonen und Unternehmen. Viel macht da unsere Klimaschutzagentur, bei der der Landkreis ja zu 50 Prozent Gesellschafter ist. Mit ihr machen wir Unternehmen und Privatpersonen Angebote, die auch sehr stark nachgefragt sind. Die Agentur arbeitet seit einem Jahr und betreut unter anderem die 28 Städte und Gemeinden, die sich in einem kommunalen Klimaschutzverein zusammengeschlossen haben, aber eben auch Privatpersonen, die Rat brauchen.
Zur Person: Marion Leuze-Mohr
Position
Marion Leuze-Mohr ist im Landratsamt des Kreises Esslingen Erste Landesbeamtin und Allgemeine Stellvertreterin des Landrats. Sie leitet das Dezernat 4, das heißt, sie ist zuständig für Klimaschutz, Bauen und Naturschutz, Umweltschutz, Katastrophenschutz, Feuerlöschwesen, Wasserwirtschaft, Bodenschutz, Gewerbeaufsicht, Kommunalaufsicht, ÖPNV, Forstamt, Landwirtschaft. Als Landesbeamtin ist sie verantwortlich für die staatliche Seite der Behörde, weil ein Landratsamt nicht nur eine Kreis-, sondern auch eine staatliche Verwaltungsbehörde ist.
Klimaschutz
Eine der Aufgaben von Marion Leuze-Mohr ist der Klimaschutz – eine klassische Querschnittsaufgabe, die inzwischen in fast jedem kommunalen Amt eine Rolle spielt. Ein wichtiges Arbeitsprogramm auf Landkreisebene findet sich im Klimaschutzkonzept, mit dem der Landkreis seinen Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen leisten will.