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Klimawandel Politisieren geht über studieren

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Hat der Weltklimarat mit seinem Bericht irgendjemanden überzeugt, der nicht schon vorher an den Klimawandel glaubte? Der Psychologe Dan Kahan hält das für unwahrscheinlich: Partei zu sein ist wichtiger, als Argumente abzuwägen.

Neuer Lesestoff – aber für wen? Youba Sakona vom African Climate Policy Centre hält am 13. April in Berlin den dritten Teil des Weltklimaberichts in die Kamera. Foto: AFP
Neuer Lesestoff – aber für wen? Youba Sakona vom African Climate Policy Centre hält am 13. April in Berlin den dritten Teil des Weltklimaberichts in die Kamera. Foto: AFP

Stuttgart - Vergangene Woche habe ich in einem Artikel geschrieben, dass der natürliche Treibhauseffekt auf der Erde rund 30 Grad ausmache. Es ging in dem Beitrag um den Exoplaneten Kepler-186f, der noch größere Mengen Treibhausgase benötigt als die Erde, um auf Temperaturen zu kommen, die für Leben erträglich wären. Ein Leser, der mir nicht zum ersten Mal in Sachen Klima schrieb, hat mich daraufhin für verrückt erklärt. „Können Sie einen Punkt anführen, wie man zu so etwas kommen kann?“, fragte er in einer E-Mail und hob hervor, sieben Jahre Physik studiert zu haben. Das passt zu einer Studie des Yale-Psychologen Dan Kahan: Seiner Ansicht nach hat die Einstellung zum Klimaschutz nichts mit Bildung zu tun.

Kahan hat mit seinen Kollegen US-Amerikaner gefragt, ob sie den Klimawandel als Bedrohung sehen. Ihre Antworten lagen auf einer Skala von 0 (keine Gefahr) bis 10 (extreme Gefahr) im Durchschnitt bei 5,7. Kahan traktierte die Versuchspersonen auch mit einigen Wissens- und Textaufgaben. Der Wissenstest stammt von der National Science Foundation und wird seit einigen Jahren genutzt, um die Bekanntschaft mit Biologie und Physik zu ermitteln. Gefragt wird zum Beispiel, ob Elektronen kleiner sind als Atome und ob Antibiotika auch Viren töten. Bei den Textaufgaben muss man aufpassen, weil die naheliegende Antwort falsch ist. Eine Beispielaufgabe: Die Seerosen in einem Teich verdoppeln ihre Fläche jeden Tag. Wenn der See nach 48 Tagen komplett mit Seerosen bedeckt ist, wie lange hat es gebraucht, bis er zur Hälfte bedeckt war? (Die Antwort „24 Tage“ liegt zwar nahe, ist aber falsch.)

Ob ein Proband den Klimawandel als Bedrohung ansah, hing in der Online-Umfrage nicht davon ab, wie viele Punkte er oder sie beim Test erreichte. Und das, obwohl man etwas anderes hätte erwarten können: dass nämlich die Versuchspersonen mit einem größeren Interesse an – und einem größeren Verständnis von – Naturwissenschaften besser in der Lage sind, die Erkenntnisse zum Klimawandel zu interpretieren. In einer neuen Studie (noch nicht veröffentlicht, aber hier als PDF zu lesen) prüft Kahan eine Erklärung dafür: Seiner Ansicht nach nehmen Klimaskeptiker die Ergebnisse der Klimaforschung nicht ernst, weil sie gerne zu den Klimaskeptikern gehören. Menschen leben nun einmal in Gruppen und bemühen sich, ihre Zugehörigkeit laufend zu bestätigen. Im Fall von politischen Gruppen bekennen sie sich immer wieder zu den Überzeugungen, die für diese Gruppe entscheidend sind. Das ist ihnen so wichtig, dass sie im Zweifelsfall lieber Fakten übergehen oder verdrehen, als innerlich aus der Gruppe auszutreten.

Mit Statistiken können viele ohnehin nicht umgehen

In dem neuen Experiment mussten die Probanden etwas leisten, das Wissenschaftsjournalisten nicht fremd ist: Sie sollten eine Tabelle mit Studienergebnissen interpretieren. In der Medizin werden neue Wirkstoffe – in Kahans Experiment ging es um eine Creme gegen Ausschlag – oft mit einem Placebo verglichen: Der Ausschlag geht manchmal von alleine weg, daher muss die Creme mehr leisten, als nur diejenigen zu heilen, die auch ohne Behandlung gesund geworden wären. Kahan und seine Kollegen legten den Versuchspersonen diese Zahlen vor: Bei 223 der behandelten Patienten wurde der Hautausschlag besser, bei 75 schlechter. In der Placebo-Gruppe ging es am Ende 107 Patienten besser und 21 schlechter. Entscheidend ist die Erfolgsquote: 223 von 223+75 Patienten hat die Salbe geholfen, das sind 75 Prozent. Kein schlechtes Ergebnis, könnte man denken. In der Placebo-Gruppe, die ohne Wirkstoff behandelt worden ist, ging es aber 107 von 107+21 Patienten besser – das sind mehr als 80 Prozent. Die Salbe mit dem Wirkstoff hat also schlechter abgeschnitten als der Verzicht auf eine wirksame Therapie.

Solche Zahlen zu interpretieren, fällt vielen Menschen schwer. Mehr als die Hälfte der rund 500 Probanden scheiterte. Nur die wenigen Probanden, die zuvor fast alle Mathe-Textaufgaben gelöst hatten, schnitten überdurchschnittlich gut ab. Doch dieses Bild änderte sich, als die Psychologen bei 500 weiteren Versuchspersonen den Kontext der Aufgabe veränderten: Nun ging es nicht um eine Salbe, sondern um US-amerikanische Städte, die ihren Bewohnern verboten haben, mit Pistolen bewaffnet durchs Alltagsleben zu gehen. Die Zahlen blieben dieselben: In 223 Städten habe das Pistolenverbot die Kriminalitätsrate gesenkt und in 75 Städten erhöht. In den übrigen Städten ohne Verbot sei die Kriminalität in 107 Fällen gestiegen und in 21 Fällen gesunken. Wie bei der Salbe spricht diese Statistik also nicht dafür, dass ein Waffenverbot den gewünschten Effekt hat.

Kahans Hypothese war, dass in diesem Fall die mathematischen Fähigkeiten nichts nützen, wenn die Zahlen den eigenen politischen Überzeugungen zuwiderlaufen. Nehmen wir zunächst die Probanden, die sich als liberal und als Anhänger der Demokraten bezeichneten: Selbst diejenigen mit hohen mathematischen Fähigkeiten lösten die Aufgabe in weniger als der Hälfte der Fälle richtig. Die Erfolgsquote stieg jedoch, wenn Kahan die Daten umkehrte, sodass sie darauf hinwiesen, dass das Waffenverbot die Kriminalitätsrate wie gewünscht senkt. Die konservativen Republikaner gingen mit der Aufgabe anders um: Die meisten erkannten, dass die Zahlen gegen das Waffenverbot sprechen – aber sie erkannten dies auch, wenn Kahan die Daten umkehrte. (Im PDF der Studie wird das im Schaubild 7 auf Seite 21 gezeigt.)

Wie deprimiert muss man sein?

Auf Kahans neue Studie hat mich ein Beitrag aufmerksam gemacht, mit dem das Nachrichtenportal Vox.com vor zwei Wochen seinen Betrieb aufnahm. Der Journalist Ezra Klein zieht darin ein deprimierendes Fazit: Den Leuten gehe es nicht um die richtige Antwort, sondern darum, dass ihre Antwort die Richtige ist. Das Fazit finde ich vorschnell. Ich mag es nicht, wenn Menschen durchweg als Dummköpfe beschrieben werden, obwohl ich viele Beispiele verzerrter Wahrnehmung und falscher Schlussfolgerungen aus der Psychologie kenne. Ich glaube schon, dass die Beispiele auf menschliche Schwächen hinweisen, aber ich glaube auch, dass sie nur einen Teil der Wahrheit darstellen. Manche Dinge können Menschen sehr gut: etwa abschätzen, ob neue Informationen ins bisherige Weltbild passen.

Also habe ich an Dan Kahan geschrieben („Dear Prof. Kahan“) und ihn gefragt, ob es nicht sein könne, dass die Probanden geahnt haben, dass er die Zahlen zu Versuchszwecken erfunden hat. Dann wäre es doch ganz rational, dass sie sich davon nicht beeindrucken lassen. Kahan antwortet freundlich („Hi, Alex“), dass er darin keinen Widerspruch zu seiner Theorie sehe. Die Wissenschaft habe bisher keine verlässlichen Zahlen zu den Wirkungen eines Waffenverbots präsentiert (er verweist auf diese Stellungnahme der US-Akademie der Wissenschaften), daher könnten sich die Versuchspersonen bloß auf Statistiken berufen, die sie persönlich für die wahren halten. Aber eine solche Argumentation bestätige doch seine Theorie: Die Versuchspersonen geben sich Mühe, ihre eigene Antwort weiterhin als die Richtige erscheinen zu lassen. Und überhaupt, fragt er zurück: warum sind die Probanden, die ihre politische Überzeugung durch die Statistik bestätigt sahen, nicht ebenfalls skeptisch geworden? Er beantwortet seine Frage gleich selbst: eben weil ihnen die Daten in den Kram passten, hatten sie keinen Grund, lange darüber nachzudenken.

Sollte ich nun auch deprimiert sein? Da fällt mir eine Bemerkung von Wolfgang Cramer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein. In einer Telefonkonferenz zum zweiten Teil des neuen Weltklimaberichts sagte er, dass inzwischen alle 195 Mitgliedsstaaten des Weltklimarats IPCC konstruktiv miteinander reden würden – selbst Saudi-Arabien und die USA. Ob das an den guten Argumenten der Klimaforscher liegt oder an neuen politischen Freundschaften, weiß ich nicht. Aber es deutet zumindest an, dass Menschen ihre Meinung ändern können, und dass es sich womöglich lohnt, dicke Bretter zu bohren.

Nachtrag: Den Satz, dass die mathematischen Fähigkeiten nichts nützen, wenn es um politische Fragen geht, muss ich korrigieren. Vielmehr müsste es heißen: Die mathematischen Fähigkeiten werden nicht genutzt, wenn die Statistik so aussieht, als würde sie die eigene Überzeugung bestätigen. Die Pointe der Aufgabe ist ja gerade, dass es eine naheliegende, aber falsche Antwortmöglichkeit gibt. Auf die fallen selbst die mathematisch Begabten herein, wenn das Ergebnis auf den ersten Blick ihre Ansichten zu bestätigen scheint. Sie erkennen ihren Fehler aber, wenn die Statistik gegen ihre Überzeugung zu sprechen scheint – und kommen dann darauf, dass man die Zahlen anders interpretieren muss.