Klinik für psychisch kranke Straftäter Besuch in forensischer Klinik: Was lässt sich für Standort Stuttgart lernen?

Zahlreiche Bäume, viele Grünflächen – die Anlage des ZfP Südwürttemberg in Weißenau wirkt wie ein idyllischer Rückzugsort. Foto: Meier

Im Rahmen des Bürgerbeteiligungsprozesses konnten sich die Bewohner von Bad Cannstatt bei Ravensburg ein Bild von der Arbeit in einer forensischen Psychiatrie machen.

Volontäre: Julian Meier (mej)

Auf einem riesigen Areal im Süden von Ravensburg stehen Häuser in einer weitläufigen Parkanlage. Bäume säumen die Straßen. Von Bistro über Bibliothek bis hin zum Kloster findet sich so ziemlich alles. Was auf den ersten Blick wie ein idyllisches Naherholungsgebiet wirkt, ist eine wesentlich ernstere Einrichtung: Im Ravensburger Ortsteil Weißenau betreibt das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg eine forensische Psychiatrie, also eine Klinik für straffällig gewordene psychisch kranke Menschen.

 

Normalerweise arbeitet man hier hinter verschlossenen Türen. An diesem Freitag macht die Klinikleitung aber eine Ausnahme: Bürgerinnen und Bürger aus Bad Cannstatt dürfen sich einen Eindruck davon verschaffen, was genau sich hinter den Begriffen forensische Psychiatrie und Maßregelvollzug versteckt. Der Termin soll ihnen ihre Bedenken nehmen, wenn sie zukünftig selbst eine solche Einrichtung in direkter Nachbarschaft haben werden.

Besuch als Teil der Bürgerbeteiligung

Nachdem vergangenen Herbst bekannt geworden war, dass im ehemaligen Rotkreuzkrankenhaus in Bad Cannstatt ein Standort für forensische Psychiatrie eingerichtet werden soll, hatte sich bei den Anwohnern Widerstand geregt. Das Sozialministerium startete daraufhin einen Bürgerbeteiligungsprozess. Unter anderem wurde die Besichtigung des Maßregelvollzugs in Weißenau angeboten.

Zehn Männer und Frauen haben den Weg von Bad Cannstatt Richtung Bodensee angetreten, darunter Vertreter der Polizei, vom Evangelischen Verein für diakonische Arbeit, vom Zentrum für Seelische Gesundheit, eine SPD-Bezirksbeirätin und Anwohner. Letztere sind vor allem mitgefahren, weil sie sich um ihre Sicherheit sorgen. Was passiert, sollten Patienten ausbrechen? Und auch die Umstände, unter denen die Wahl auf Bad Cannstatt gefallen ist, beschäftigen sie weiter.

Anwohner sehen Lage des Rotkreuzkrankenhauses als Problem

Für Unmut sorgt, dass die Bürger nun zwar beteiligt werden sollen, die Entscheidung für Bad Cannstatt aber bereits feststeht. Zwar läuft im Moment noch eine Projektstudie, ob die Einrichtung einer forensischen Psychiatrie im Rotkreuzkrankenhaus überhaupt möglich ist, weitere Standorte neben Bad Cannstatt werden aber nicht geprüft.

Auch die Lage an der Badstraße sehen die Bürger als Problem. Ein Anwohner befürchtet, dass die Patienten in Bad Cannstatt sogar rückfällig werden könnten, weil sie dort eine ganz andere Umgebung als in Weißenau auffinden werden. Das Rotkreuzkrankenhaus liegt gegenüber der Wilhelma, getrennt durch den Neckar. Eine ruhige Umgebung wie in Weißenau werden die Patienten dort nicht haben, stattdessen erwartet sie ein dicht besiedeltes Wohnumfeld im innerstädtischen Bereich, ohne Außenbereiche, wo sie sich aufhalten könnten.

Nur wenige Meter von der offenen Station (links) entfernt befinden sich Häuser und Gärten der Anwohner. Foto: Meier

Von den Teilnehmern der Besichtigungsfahrt kommt zudem der Hinweis, dass die geplante Station in Bad Cannstatt an einem Brennpunkt liege. Die Patienten seien dort gefährdeter. „Es wirkt hier so idyllisch. Aber wir sind nicht die Insel der Glückseligkeit“, entgegnet Sebastian Fesseler, der pflegerische Leiter in Weißenau. Die Patienten würden auch bewusst auf die Verführungssituation vorbereitet, fügt die ärztliche Direktorin Roswita Hietel-Weniger hinzu. Wenn jemand sich als instabil erweise, würden sofort alle Lockerungsmaßnahmen zurückgenommen. Das reicht von begleitetem Ausgang bis hin zu Einzelausgang.

Nach Bad Cannstatt sollen bis zu 80 Patienten verlegt werden, die in ihrer Behandlung schon fortgeschritten sind und sich als stabil erwiesen haben. Sowohl psychisch kranke Straftäter, die derzeit in Weißenau untergebracht sind, als auch Suchtkranke aus Zwiefalten sollen dort behandelt werden. Auch weil in Weißenau der Platz knapp wird: Die Anzahl der Patienten hat sich seit 2017 fast verdoppelt auf derzeit 216.

Offene Station zwischen Kinderkrippe und Anwohnern

Der Rundgang beginnt in der Arbeitstherapie, wo die Patienten Farbrollen montieren. Die Arbeit soll der Rehabilitation und Vorbereitung auf das Leben danach dienen. In Bad Cannstatt ist vorgesehen, 30 Arbeitsplätze einzurichten, das würde für 60 Patienten reichen. Weitere 20 könnten außerhalb der Klinik arbeiten. In Weißenau ist etwa der Supermarkt ein beliebter Arbeitsplatz.

Das Gebäude, in dem die offene Station untergebracht ist, wirkt wie ein gewöhnliches, mehrstöckiges Wohnhaus aus den 90er-Jahren. Schräg gegenüber ist eine Kinderkrippe, nur wenige Meter daneben stehen Wohnhäuser. „Das zeigt, wie stadtteilnah wir hier unterwegs sind“, meint Hietel-Weniger. Ihr Kollege Fesseler ergänzt, dass es bislang nie Probleme mit Anwohnern gegeben habe. Im Gegenteil sei es ein „nettes Miteinander“.

In Ravensburg wird die Arbeit für Stuttgart erledigt

Die Eingangstür steht von 7 Uhr bis 20.45 Uhr offen. Theoretisch können die Patienten also kommen und gehen, wie und wann sie möchten. Die Flure sind videoüberwacht; wer kommt und geht wird von den Angestellten genau registriert. „Unsere Patienten wissen, sie müssen mit uns kooperieren, damit sie wieder herauskommen“, sagt Hietel-Weniger.

In Bad Cannstatt sollen künftig Patienten aus der Region Stuttgart behandelt werden. „Jetzt ist es so, dass wir hier in Ravensburg eigentlich die Arbeit für Stuttgart machen“, sagt Hietel-Weniger. Aber es gibt noch erheblichen Redebedarf, wie ein Anwohner anmerkt, denn die ganze Aktion werde „von vielen als Schein-Beteiligungsprozess wahrgenommen.“

Bürgerbeteiligungsprozess für Bad Cannstatt

Nächster Termin
Nach der viel diskutierten Informationsveranstaltung am Montagabend folgt als letzter Schritt des Bürgerbeteiligungsprozesses noch eine Planungswerkstatt am 17. Mai von 10 bis 16 Uhr, bei dem sich Anwohner sowie Vereins- und Verbandsvertreter austauschen können.

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