Klinik Schillerhöhe Umzug wegen Corona ausgesetzt

Plätze für eine künstliche Beatmung  werden dringend benötigt. Foto: dpa/Sven Hoppe
Plätze für eine künstliche Beatmung werden dringend benötigt. Foto: dpa/Sven Hoppe

In der Klinik Schillerhöhe und im Robert-Bosch-Krankenhaus liegen derzeit 14 beatmete Patienten. Bis Jahresende wird sich die Zahl vermutlich verdoppeln – doch so viele Plätze gibt es nicht.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)
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Gerlingen - Sachlich und auf die Fakten konzentriert schildert der Klinik-Chef Mark Dominik Alscher die Situation im Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) und der dazugehörigen Klinik Schillerhöhe. Der Umzug der Lungenfachklinik von Gerlingen ins RBK nach Stuttgart ist vorerst ausgesetzt.

An beiden Standorten werden Corona-Patienten versorgt, auch intensivmedizinisch. 14 der – Stand Montagnachmittag – 43 Patienten müssen beatmet werden. 20 Beatmungsplätze werden laut Alscher für Corona-Patienten vorgehalten. Das ist gut ein Drittel aller 58 Beatmungsplätze, die es zusammengenommen an beiden Standorten gibt. Und die für alle Schwerkranken – zum Beispiel nach schweren Operationen – im Haus zur Verfügung stehen.

Doch weil das Personal in der Intensivmedizin fehle, können ohnehin nur 52 Betten belegt werden, sagt Alscher. Die Folge: Operationen müssen verschoben werden. „Schon jetzt stehen mehr als 200 Patienten auf der Warteliste“, sagt der Medizinische Geschäftsführer. Normalerweise gebe es wenigstens für dringliche Operationen keine Warteliste, nun jedoch würden lebenserhaltende, aber planbare Operationen verschoben.

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Diese vierte Welle fordere das verbliebene Personal mehr als alle anderen Pandemiewellen zuvor, auch wenn während der zweiten Welle die Zahl der hospitalisierten Corona-Patienten mit bis zu 93 höher war, als sie derzeit sei, sagt Alscher. Für ihn ist bereits absehbar, wie sich die nächsten Wochen entwickeln. Prognostiziert ist eine Verdopplung der Corona-Patienten auf der Intensivstation bis Mitte Dezember.

In dieser Situation lassen die Verantwortlichen die Umzugspläne für die Klinik Schillerhöhe ruhen. Man wolle dem Personal „jegliche Zusatzunruhe nicht zumuten“, sagt der Klinik-Chef. Dieser Tage hätte die Weaning-Station nach Stuttgart verlagert werden sollen. Auf dieser Station werden beatmete Patienten vom Beatmungsgerät entwöhnt.

Die Lungenfachklinik Schillerhöhe, vor rund 70 Jahren als Sanatorium errichtet, wird in Gerlingen aufgegeben, das ist lange beschlossen. Sie wird in das RBK in Stuttgart integriert. Doch schon die erste Welle hatte Auswirkungen auf die Pläne. Die ursprünglich bis 2025 – aus medizinischen wie wirtschaftlichen Überlegungen – geplante Verlagerung sollte aus finanziellen Gründen vorgezogen werden.

Während die pneumologische Onkologie bereits umgezogen ist, sollten in diesen Wochen neben der Weaning-Station dann die Pneumologie und bis Jahresende auch die Thoraxchirurgie folgen. „Der Umzug wäre zum 31. Dezember vollzogen gewesen.“

Geplant wird von Tag zu Tag

Auf dem Burgholzhof werden mehr als 600 Millionen Euro investiert, etwa in einen Neubau, in neue Mitarbeiterwohnungen, in ein neues Parkhaus und in die Forschung.

Die Verlagerung der Schillerhöhe war aus medizinischen Gesichtspunkten damit begründet worden, dass die Patienten auf der Schillerhöhe zunehmend interdisziplinär zu behandeln seien. Zuletzt mussten Operationen auf der Schillerhöhe mit den Spezialisten etwa der Kardiologie des RBK abgestimmt worden – damit diese die Zeit hatten, in den OP-Saal nach Gerlingen zu kommen.

Doch an Umzug denkt derzeit niemand, weder in Stuttgart noch in Gerlingen. „Wir planen von Tag zu Tag“, sagt Alscher. Die personelle Situation auf den Intensivstationen sei „deutlich schlechter als in den anderen Wellen“. Die Krankheitsquote sei höher als sonst, die Beschäftigten bitten zudem um Arbeitszeitreduzierungen. „Sie haben den Eindruck, dass die Pandemie auf ihrem Rücken ausgetragen wird“, sagt Alscher.

Ihm zufolge hätte es zwei Möglichkeiten gegeben, dies zu verhindern: 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung zu impfen oder aber die Kontakte konsequent zu reduzieren. Das eine habe die Gesellschaft nicht geschafft, das andere habe die Politik bisher nicht gewollt. „Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation, die einer fachlich gut fundierten, schnellen Entscheidung bedurft hätte.“

Auch Jüngere unter den Beatmeten

Unter den 14 Beatmeten seien auch jüngere Menschen, nahezu alle seien nicht gegen das Sars-Covid-2-Virus geimpft gewesen. Längst hat das Krankenhaus laut Alscher den Plan aufgegeben, Corona-Patienten – separiert von anderen Hospitalisierten – ausschließlich auf der Schillerhöhe zu behandeln. In der Notaufnahme des RBK gehe es bisweilen zunächst darum, den Infizierten zu stabilisieren. An eine Verlegung sei in einem solchen Situation nicht zu denken. „Die Rahmenbedingungen sind nicht einfach“, bilanziert Alscher die Situation.

Derweil hat sich zumindest ein Thema erledigt: Quarantäne-Verweigerer gibt es keine mehr. Die Schillerhöhe war eine von zwei Kliniken im Land, in denen Quarantäneverweigerer eingewiesen wurden, insgesamt waren es 19 von 23. Auch wenn für positiv Getestete weiterhin die Pflicht zur Quarantäne gilt – die flächendeckende Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter gibt es nicht mehr, eine Kontrolle also auch nicht.




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