Klinik Schloss Winnenden protestiert Azubis wollen keine „Ehrenpflegas“ sein

So nicht: Sofie Kohly, Robin Lohmann und Jasmin Rinnebach (von links), die Jugend- und Ausbildungsvertretenden des Klinikums Schloss Winnenden, haben eine klare Haltung zur Kampagne des Familienministeriums. Foto: ZfP

Das Klinikum Schloss Winnenden distanziert sich von einer Videokampagne des Bundesfamilienministeriums. Für Pflegeazubis sind die Streifen zum „Fremdschämen“.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Winnenden - Mein Name ist Boris, ich bin 25 Jahre alt, und ich gehe erste Klasse – erste Klasse Pflegeschule. Pflegeschule nicht wie Förderschule, ich brauch keine Hilfe beim Essen. [. . .] Ich chill dann mit Alten und Kranken und so. Denk ich mal“, sagt Boris. Willkommen bei Fuck ju Pflege? Fast. In Art und etwas prolligem Duktus wohl tatsächlich an den Kino-Erfolgsstreifen „Fuck ju Göthe“ angelehnt, hat das Bundesfamilienministerium unter dem Titel „Ehrenpflegas“ eine Mini-Videoserie produzieren lassen, die seit einigen Tagen in den sozialen Medien beworben und auf dem Internetkanal Youtube ausgespielt wird. Sie soll – so jedenfalls die Intention der Familienministerin Franziska Giffey (SPD) – auf unkonventionelle Weise über den Pflegeberuf und die neue Pflegeausbildung informieren und Jugendliche angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs für eine Ausbildung in der Pflege begeistern.

 

Willkommen bei Fuck ju Pflege?

Beim echten Pflegepersonal hält sich die Begeisterung offenkundig in Grenzen. Die aufwendig produzierten Streifen – die Rede ist von einem Budget von 700 000 Euro – kommen nicht gerade als Brüller auf Breitwand an. Im Gegenteil: Nicht wenige fühlen sich verunglimpft, manche gar abgeschreckt. Denn ziemlich eingeschränkt wird nicht nur der Intellekt der Hauptfigur Boris dargestellt, sondern auch die Informationen, die nebenher über den Berufsstand eingestreut werden.

Pflegedirektor: Wir sind keine Ehrenpflegas!

Im Klinikum Schloss Winnenden ist die Kampagne des Ministeriums offenkundig so sauer aufgestoßen, dass man sich ausdrücklich davon distanziert. Das zusammenfassende Fazit von Klaus Kaiser, dem Pflegedirektor der psychiatrischen Klinik im Rems-Murr-Kreis: „Wir sind keine Ehrenpflegas!“ Diese Rückmeldung sei keine persönliche Einzelmeinung, man habe sie auch eindeutig von den eigenen Auszubildenden erhalten. Die Reaktionen seien von „Wir werden so hingestellt, als wären wir total blöd“ bis hin zu „Fremdschämen“ gegangen. Die langjährige Pflegeexpertin am Zentrum für Psychiatrie, Mandy Rosol, wird noch deutlicher: „Die Serie tritt alle Pflegenden mit Füßen, sie untergräbt die professionelle Haltung, die Fachlichkeit und die sozialen Kompetenzen, sie ist eine Ohrfeige für alle Pflegenden“, sagt sie.

Ein Palliativpfleger aus Köln hat sogar eine Online-Petition gestartet. „Frau Giffey, stoppen Sie sofort die beleidigende Ehrenpflegas-Kampagne“, lautet das Ziel. Schon mehr als 15 000 Unterstützer haben sich diesem Appell bisher angeschlossen. „In 44 Jahren als Pflegefachkraft habe ich niemals etwas derart Entwürdigendes über meine Professionalität gesehen“, heißt es auf www.change.org etwa in den Kommentaren. „Wäre ich eine Pflegefachkraft, würde ich mich angesichts dieser Kampagne fühlen, als hätte mir jemand einen Pisspott ins Gesicht geschüttet“, schreibt eine nicht direkt betroffene, aber solidarische Unterzeichnerin.

Berufsverband: Serie verletzt das Selbstverständnis

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) ist entsetzt. „Die Darstellung der Anforderungen an Pflegefachpersonen in der Miniserie ,Ehrenpflegas‘ verletzt Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe“, heißt es in einer Mitteilung. Darüber könne auch nicht hinwegtäuschen, dass in der bewusst jugendlich gehaltenen Herangehensweise eine Zielgruppe angesprochen werden solle, die zunächst überhaupt erst mal auf die Pflegeberufe als Ausbildungsoption aufmerksam gemacht werden müsse. Der DBfK: „Dass der Zuspruch in dieser Generation größer sei, kann nicht als Rechtfertigung dafür herhalten, alle anderen Vertreterinnen und Vertreter der Berufsgruppe zu verprellen.“

Was aber tun, um für eine Ausbildung zu begeistern, die den jungen Leuten tatsächlich einiges abverlangt, wie Cornelia Cantiani, die Ausbildungsleiterin für den Bereich Pflege am Winnender Zentrum für Psychiatrie, einräumt? Die Jugend- und Ausbildungsvertreter des Winnender Klinikums machen es vor: Indem sie klar und stolz Haltung zeigen gegenüber ihrem Beruf – und notfalls auch mal gegenüber einer ziemlich missglückten Kampagne.

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