Kreis Ludwigsburg Klinikenchef fordert eine Reform
Die Kliniken in Deutschland machen auf ihre wirtschaftliche Situation aufmerksam. Wie sieht es im Kreis Ludwigsburg aus?
Die Kliniken in Deutschland machen auf ihre wirtschaftliche Situation aufmerksam. Wie sieht es im Kreis Ludwigsburg aus?
Die Krankenhauslandschaft und die medizinische Versorgung in diesem Bereich zukunftssicher aufstellen: nicht weniger hat sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf die Fahnen geschrieben und spricht selbst von einer Revolution. „Nicht die Ökonomie, sondern die Patienten müssen wieder im Mittelpunkt stehen“, lautet sein Credo.
Künftig sollen mehr Untersuchungen möglich sein, ohne dass die Patienten im Krankenhaus übernachten, es sollen neue Pflegeschlüssel eingeführt und Kinderkliniken gestärkt werden. Der wohl wichtigste Punkt der Reform betrifft die Finanzierung.
Statt eine bestimmte Summe für einen Eingriff – die sogenannten Fallpauschalen – sollen die Kliniken künftig auch sogenannte Vorhaltebudgets für Personal oder Technik erhalten. Diese sollen ein Drittel der Leistungen abdecken, der Rest weiterhin durch die Pauschalen. Die Hoffnung: weniger Druck für die einzelnen Häuser. Bund und Länder hatten sich zuletzt angenähert.
Die Reform könnte bereits Anfang des kommenden Jahres in Kraft treten. Einzelheiten sind noch zu klären: dass medizinische Leistungen in Gruppen eingeteilt werden und Krankenhäuser diese nur noch abrechnen dürfen, wenn sie der entsprechenden Leistungsgruppe zugeteilt sind, gilt als wahrscheinlich. Ob Krankenhäuser in sogenannte Level – nach dem Grad der Spezialisierung – eingeteilt werden, darüber wird noch gestritten.
Jörg Martin, Chef der Regionalen Kliniken-Holding (RKH), die die Krankenhäuser in Ludwigsburg und Bietigheim betreibt, sieht die Pläne insgesamt positiv. „Eine Krankenhausreform ist dringend notwendig und auch richtig“, sagt der Klinikenchef. Er hat aber auch klare Forderungen diesbezüglich: die Reform müsse strukturiert und dann auch ordentlich finanziert werden. Darüber bräuchten die Kliniken schnell Klarheit.
Laut dem RKH-Chef arbeiten 70 Prozent der Kliniken im Land defizitär, seinen eigenen Häuser prognostiziert er in diesem Jahr ein Defizit von 21 Millionen Euro. „Das hatten wir so noch nie.“ Dass die Krankenhäuser für ambulante Leistungen deutliche weniger abrechnen können wie für stationäre, ist eine Folge, die sie schon jetzt spüren. Nachwehen von Corona spielen ebenfalls eine Rolle, steigende Sachkosten sowie Tariferhöhungen auch.
In diesem Jahr hat die RKH die steigenden Löhne eingepreist, im kommenden Jahr rechnet der Konzern mit 35 Millionen zusätzlich für Gehälter. Diese Lücke müsse finanziert werden, genauso wie die steigenden Energiekosten – und ein Ausgleich für die Inflation brauche es eigentlich auch. Trotz allem, Jörg Martin „will nicht nur jammern“. Die Holding sei insgesamt gut aufgestellt. Kleine Häuser wie in Marbach, Vaihingen und Bad Urach wurden bereits geschlossen, weil absehbar war, dass das Personal künftig nicht mehr ausreichen wird. Bereiche, die eng zusammenarbeiten und sich ergänzen, wurden an Standorten zusammengefasst.
Martin meint, insgesamt gehe aber noch deutlich mehr: mit Angeboten aus der Telemedizin könne man die Versorgung in ländlichen Gebieten sicherstellen, weniger Bürokratie würde dafür sorgen, dass Personal mehr Zeit am Bett verbringt. „Aber bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist es wie beim Eurovision Songcontest: wir liegen auf dem letzten oder vorletzten Platz.“ Für die RKH sieht Martin trotz der Lücken in den Büchern keine Insolvenzgefahr, weil notfalls der Landkreis einspringt. Für gemeinnützige und private Träger möglicherweise schon, weil niemand da ist, der sie stützt. „Wobei man die nicht einfach an die Wand fahren darf“, sagt Martin.
Dass es in seinen Häusern teils zu längeren Wartezeiten kommt und nicht alle Betten belegt werden können, sei keine Frage des Geldes sondern fehlendem Personal geschuldet – vor allem in der Pflege. Aber: „die Akutversorgung ist gesichert. Immer und überall“, verspricht der Klinikenchef. Ob der Plan aufgeht, dass Personal von Krankenhäusern, die bei der Reform auf der Strecke bleiben und geschlossen werden müssen, einfach ins nächstgelegene wechselt, kann Martin nicht sagen. „Die Frage ist ja, wollen die Leute überhaupt weiter fahren?“
Standorte
Die Regionale Kliniken-Holding (RKH) betreibt im Landkreis das Klinikum in Ludwigsburg, das Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen sowie die orthopädische Klinik in Markgröningen. Im Verbund mit weiteren Kliniken in Karlsruhe und im Enzkreis gehört das Unternehmen dem größten kommunalen Klinikenverbund im Land an.
Zahlen
Die Klinik in der Barockstadt ist mit mehr als 1000 sogenannten Planbetten und rund 2900 Mitarbeitern in Teil- und Vollzeit einer der größten Arbeitgeber im Kreis, in Bietigheim sind 884 Menschen beschäftigt. In Ludwigsburg werden in 17 Fachabteilungen und vier Instituten jährlich rund 41 000 stationäre und rund 120 000 ambulante Patienten versorgt. In Bietigheim sind es um die 32 000 ambulante und etwa 18 000 stationäre Fälle. In den vergangenen Jahren hat die RKH Projekte bei der Digitalisierung und der Nachhaltigkeit forciert, die helfen sollen, den Betrieb zukunftssicher aufzustellen. Der Standort Ludwigsburg soll um- und ausgebaut werden. Die Planungen laufen.