Entlassung am Klinikum Esslingen „Kann man so nicht akzeptieren“ – warum wurde der Chefarzt entlassen?

, aktualisiert am 30.05.2026 - 22:15 Uhr
Im April wurde Ludger Staib vom Klinikum Esslingen fristlos entlassen. Foto: Archiv/Roberto Bulgrin

Das Klinikum Esslingen entlässt einen Chefarzt fristlos. Vier Ex-Chefärzte halten die Gründe für vorgeschoben und äußern Kritik. Was wird Ludger Staib vorgeworfen?

Ein Chefarzt am Klinikum Esslingen wird fristlos entlassen – kurz darauf wird von „fadenscheinigen Begründungen“ gesprochen. Vier ehemalige Chefärzte des Klinikums erheben in einem gemeinsamen Ehrenschreiben schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit der Entlassung des nun ebenfalls ehemaligen Chefarztes der dortigen Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Ludger Staib. Das Klinikum bestätigt, dass „ein Chefarzt aus zwingenden Gründen“ fristlos entlassen wurde – ohne sich dabei konkret auf Ludger Staib zu beziehen. „Den Unterzeichnern drängt sich allerdings der schwerwiegende Eindruck auf, dass hier händeringend nach einem Vorwand gesucht wurde, um das Arbeitsverhältnis eines verdienten und leistungsfähigen Chefarztes drei Jahre vor seinem Ruhestand vorzeitig zu beenden“, heißt es im Ehrenschreiben. Eine entscheidende Frage bleibt offen: Was sind denn die konkreten Entlassungsgründe?

 

Vier Chefärzte wenden sich an OB Klopfer

Zum Hintergrund: In dem Schreiben wandten die vier Ärzte sich zugunsten ihres ehemaligen Kollegen an Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats des Klinikums Esslingen ist. Unterschrieben wurde die Erklärung von den Ex-Chefärzten Jürgen Degreif, Thorsten Kühn, Matthias Leschke und Florian Liewald. Sie legen in ihrem Schreiben den Verdacht nahe, dass ein Chefarzt aus seiner Position entfernt werden sollte, weil er bestimmte Fallzahlen nicht erreicht hatte. Diese seien benötigt worden, um ein Zertifikat des Darmzentrums zu erhalten. „Der Krankenhausleitung war wohl im Vorfeld der fristlosen Freistellung mitgeteilt worden, es habe ernste Gespräche zwischen Geschäftsführung und Herrn Prof. Staib gegeben zur Erreichung der Fallzahlen“, heißt es in der Erklärung, die unserer Redaktion vorliegt. Der Betroffene selbst äußert sich auf Anraten seines Anwalts nicht gegenüber unserer Zeitung.

Vorwurf der Aktenmanipulation

Laut Matthias Leschke, einem der Unterzeichner des Briefes, habe die Klinikverwaltung großes Interesse am Erreichen dieser Fallzahlen, da das Klinikum sonst die Berechtigung verliere, bestimmte Operationen durchzuführen. „Aber oft ist dies schwierig, weil es um bestimmte Krankheitsbilder geht, die es nicht an jeder Ecke gibt“, sagt Leschke.

In ihrem Ehrenschreiben kritisieren die Ärzte allerdings lediglich das Vorgehen der Klinik, ohne auf die Vorwürfe einzugehen, die Ludger Staib zur Last gelegt werden sollen und die sie für vorgeschoben halten. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußerten sie sich konkreter: „Uns wurde zugetragen, dass es um Aktenmanipulation geht, dass Vermerke in einer Patientenakte gelöscht oder überschrieben worden seien“, sagt Jürgen Degreif. Anfangs sei es seines Wissens um Aktenfälschung gegangen, was später aber auf Aktenmanipulation heruntergestuft worden sei.

Das Klinikum Esslingen bestätigt die Entlassung eines Chefarztes. Foto: Roberto Bulgrin

Offenbar habe es laut Florian Liewald, der ebenfalls betont, dass er diese Informationen nur aus der Belegschaft des Krankenhauses erfahren habe, zudem den Fall gegeben, dass Ludger Staib eine Patientin operiert habe, die schriftlich verfügt habe, dass sie nicht von ihm operiert werden wollte. Laut dem Kenntnisstand der Ex-Chefärzte habe es sich dabei um eine sogenannte Revisionsoperation gehandelt – also eine Folgeoperation nach Komplikationen. Zudem habe es sich offenbar um einen aus medizinischer Sicht notwendigen Eingriff gehandelt. Da es an diesem Tag einen personellen Engpass gegeben habe, so erklären die Ärzte im Gespräch, habe Ludger Staib bei dem Eingriff assistiert – er soll also nicht selbst operiert haben. Die Alternative wäre laut den Ärzten wohl gewesen, dass der Eingriff nicht stattgefunden hätte.

Ex-Chefärzte sind sich einig: „Maximal ein Abmahnungsgrund“

Auf die Frage, welche Konsequenzen gerechtfertigt gewesen wären, wenn dies alles zutreffende Anschuldigungen sind, sind sich die Ärzte einig: „Maximal ein Abmahnungsgrund“. Was die Ex-Chefärzte allerdings mehr besorge, sei der Umgang des Klinikums mit dem Fall: „Das kann man so nicht akzeptieren. Ich bin besorgt über die Gesamtreputation des Klinikums“, sagt Leschke. „Ich finde die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde, beschämend. Wenn was gewesen wäre, gehört es doch dazu, dass man das anspricht, vernünftige Bedingungen stellt und es der Öffentlichkeit darstellt.“

Was sagt das Klinikum Esslingen zu den Vorwürfen?

Das Klinikum bestätigt nicht, dass die Vorgenannten die Kündigungsgründe sind: „Zu Personalangelegenheiten äußern wir uns in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht. Patientenschutz, ärztliche Schweigepflicht und personalrechtliche Vertraulichkeit sind nicht verhandelbar“, heißt es in einer Stellungnahme. Allerdings heißt es zu der fristlosen Entlassung des nicht namentlich benannten Chefarztes: „In der öffentlichen Debatte werden Darstellungen und Behauptungen verbreitet, die der dokumentierten Sachlage nicht entsprechen. Klinikum und Stadt als Träger weisen diese mit Nachdruck zurück.“

Das Klinikum sieht sich in seinem Vorgehen im Recht: „Der zugrunde liegende Sachverhalt ist umfassend dokumentiert, die rechtliche Bewertung eindeutig. Eine andere Entscheidung war nicht vertretbar.“ Der Sachverhalt sei den zuständigen Stellen zur Kenntnis gebracht und die erforderlichen Schritte eingeleitet worden. Aufsichtsrat und Betriebsrat seien ordnungsgemäß eingebunden; der Betriebsrat sei nach den Vorgaben des Betriebsverfassungsgesetzes angehört worden.

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