Klinikum in Stuttgart will nachhaltiger werden Ein Klinikbett benötigt so viel Energie wie ein Einfamilienhaus

Unter Gesundheitsaspekten freilich alternativlos, aber Realität: ein Klinikbett hat einen beträchtlichen Ressourcenverbrauch. Foto: Imago Images/Westend61

Energie, Abfall und Narkosegase – Krankenhäuser stehen beim Thema Nachhaltigkeit großen Herausforderungen gegenüber. Ein Besuch im Klinikum Stuttgart zeigt, wie das Krankenhaus besser werden will.

Um 75 Prozent hat das Klinikum Stuttgart in den vergangenen 30 Jahren seinen CO2-Ausstoß nach eigenen Angaben reduziert. Doch bis zum klimaneutralen Krankenhauses ist es noch ein weiter Weg. Das Klinikum ist mit 85 Gigawattstunden dennoch der größte kommunale Energieverbraucher in Stuttgart. Krankenhäuser sind, je nach Zählweise, für fünf bis zehn Prozent der klimaschädlichen Emissionen in Deutschland verantwortlich. Vor Kurzem informierten sich die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker, der Sozialminister Manfred Lucha (beide Grüne) und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) im Klinikum Stuttgart über dessen Nachhaltigkeitsstrategie. Drei Beispiele zeigen, wie das Krankenhaus nachhaltiger werden will.

 

Krankenhausbett: Verbrauch wie Einfamilienhaus

Ein Krankenhausbett hat rein rechnerisch einen ähnlichen jährlichen Energie- und Ressourcenverbrauch wie ein Einfamilienhaus. Um diesen zu drosseln, werden die Betten im Klinikum Stuttgart zum Beispiel nicht mehr per Hand gereinigt, sondern in einer automatisierten Bettenwaschanlage. Es ist laut Angaben des Klinikums die erste ihrer Art in Deutschland.

Politiker zu Besuch im Klinikum. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie in einer Fertigungsstraße werden die Betten für erwachsene Patienten mittels Robotik durch die riesige Waschmaschine geschleust. Mit einer thermischen Dampfreinigung ohne Chemikalien werden sie dort desinfiziert. Der Wasserverbrauch sinke dadurch deutlich: statt 40 Liter würden nur noch acht Liter Wasser pro Zyklus verbraucht, der Energiebedarf habe sich halbiert, der CO2-Fußbadruck sich gegenüber der vorangegangenen Anlage um rund 35 Prozent reduziert. Ab kommendem April sollen auch die Kinderbetten des Klinikums auf diese Weise gereinigt werden.

Abfall: Weniger Einmalprodukte im Einsatz

In Krankenhäusern kommen traditionell viele Einmalgeräte zum Einsatz. Deren Anteil habe man reduziert. Stattdessen werden in der zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) jährlich fünf Millionen medizinische Instrumente gereinigt und wieder aufbereitet. Auch hier habe man seit Kurzem eine effizientere Waschstraße im Einsatz, die deutlich weniger Wasser verbrauche. Unter anderem werde das Wasser der Endreinigung aufgefangen und für die Vorreinigung nachfolgender Geräte zweitverwertet. Auch in anderen Bereichen wird eigentlich sauberes Abwasser ohne Trinkwasserqualität wiederverwertet, etwa zur Toilettenspülung.

Narkosegase: Anästhesie hat hohe Emissionen

Innerhalb des Krankenhaussystems ist vor allem die Anästhesie als Verursacher klimaschädlicher Emissionen hervorzuheben. „Die Hälfte der Emissionen nehme ich auf meine Kappe“, sagt der Ärztliche Direktor Andreas Walther. Tatsächlich sind Narkosegase besonders umweltschädlich. Je nach verwendetem Gas entspricht die CO2-Bilanz einer siebenstündigen Narkose der einer 800 bis 4000 Kilometer langen Autofahrt. So war die Anästhesie des Klinikums Stuttgart im vergangenen Jahr für rund 23 Tonnen CO2 verantwortlich; das Äquivalent einer Autofahrt von 200 000 Kilometer Länge. Klar ist: Solange es keine geeigneten Alternativen gibt, dürfen diese Emissionen unter Gesundheitsaspekten als alternativlos gelten.

Wo immer möglich setze man verstärkt auf intravenöse Anästhesie und versuche besonders klimaschädliche Substanzen zu substituieren, erläutert Walther. Dabei helfe eine Systempartnerschaft mit der Firma Dräger, einem führenden Hersteller von Beatmungstechnik. Neuentwicklungen dürfe die Klinik kostenlos testen. Erforscht werde derzeit das Recycling von Narkosegasen; das stecke jedoch noch in den Kinderschuhen, sagt Jan Steffen Jürgensen von der Klinikleitung. Im Intensivbereich arbeite man bereits mit Kohlekartuschen, die das ausgestoßene Gas binden sollen.

Energiebedarf des Klinikums

Wärme
Der Wärmeverbrauch des Klinikums ist rückläufig, unter anderem aufgrund einer großen Wärmepumpe, die die Verdunstungskälte sowie die Wärme des Stuttgarter Abwassers nutzbar macht. Krankenhäuser haben einen hohen Bedarf an Kälte, so müssen schließlich Großgeräte, Medikamente oder OP-Säle gekühlt werden.

Strom
Der Strombedarf der Klinik jedoch steigt im Gegenzug. Das liege an immer moderneren Behandlungsmöglichkeiten, die ausgefeiltere Technik erfordere, sagt der Vorstandsvorsitzende Jan Steffen Jürgensen, der hinzufügt, dass dies ökonomisch vorteilhafte Lösungen erfordere, die oft auch ökologisch sinnvoll seien. (ysch)

Weitere Themen