Im Südwesten gibt es keine 24-Stunden-Versorgung mit hyperbarer Sauerstofftherapie. Die Landesregierung will das ändern – das Klinikum Ludwigsburg gilt dafür als optimaler Standort.

Ludwigsburg: Markus Klohr (mk)

Ludwigsburg - Großbrand in Deggingen im Kreis Göppingen: in der Nacht auf Montag bricht in einem Dreifamilienhaus ein Feuer aus. Ein 85-jähriger Bewohner stirbt, seine Frau, seine Tochter und ein Feuerwehrmann werden mit Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus gebracht. Im medizinischen Idealfall wären die Verletzten unmittelbar nach der Vergiftung in einer Druckkammer behandelt worden, so hätte der 85-Jährige womöglich eine Überlebenschance gehabt. Aber diesen Idealfall gibt es in Baden-Württemberg nicht.

Bundesweit gibt es lediglich sechs Druckkammern, in denen rund um die Uhr eine hyperbare Oxygenierung (HBO) sichergestellt ist. Diese spezielle Sauerstofftherapie gilt bei Medizinern als optimale Therapie bei Rauchgasvergiftungen und anderen Fällen (siehe „Das sollte es uns wert sein“). Im Südwesten gibt es keine HBO-Notfallversorgung – noch nicht. Die Landesregierung will diese Lücke offenbar baldmöglichst schließen. Als idealer Standort dafür gilt Ludwigsburg, auch wegen der zentralen Lage im Herzen des Landes.

Ministerien „arbeiten an einer Lösung“

„Wir haben die Problematik erkannt“, sagt Hermann Schröder, der als Landesbranddirektor im Innenministerium für das Rettungswesen zuständig ist. Schröder bestätigt auf Anfrage, dass „wir gemeinsam mit dem Sozialministerium an einer Lösung arbeiten“. Eine HBO-Notfallversorgung an einem Standort wie in Ludwigsburg, wo die Druckkammer direkt im Klinikum untergebracht ist, sei eine Notwendigkeit. Die Ministerien werden laut Schröder gemeinsam mit den Kassen über die Finanzierung so einer Bereitschaft verhandeln.

Zwar könnte das Land per Sicherstellungsauftrag die Kassen hierzu auch zwingen. Doch Schröder glaubt nicht, dass dieses Instrument nötig sein wird. Ähnlich wie bei der Finanzierung der Notfallsanitäter „werden wir auf jeden Fall eine Verordnung als Rechtsgrundlage brauchen“. Die Kassen selbst wollen sich zu den Verhandlungen nicht äußern, wie Heiko Pappenberger, Sprecher der AOK in Stuttgart, mitteilt. Bislang hatten es die Kassen stets abgelehnt, die 24-Stunden-Bereitschaft zu finanzieren – mit Verweis auf die Kosten, die selten auftretenden Notfälle und die Druckkammern in Hessen oder Bayern.

„Das ist für uns ein Hoffnungsschimmer“

Hoch erfreut von der Zusage der Landesregierung zeigt sich Matthias Ziegler, Regionaldirektor am Klinikum Ludwigsburg: „Das ist für uns ein echter Hoffnungsschimmer.“ Seit dem Umzug der Druckkammer aus Stuttgart nach Ludwigsburg im vorigen Herbst verhandelt er mit den Kassen über die Finanzierung der dortigen HBO-Behandlung. Doch nach ersten positiven Signalen habe er kürzlich ein Absageschreiben erhalten. Die Kassen könnten „nicht erkennen, dass wir ein Spezialanbieter sind“, sagt Ziegler.

Das sei schwer nachvollziehbar, weil es im Südwesten kein vergleichbares Versorgungszentrum mit Druckkammer, umfassender Intensivstation und – ein bundesweites Unikum – einer Kinderstation gibt. Im ersten Halbjahr 2015 sei im Schnitt pro Woche ein Klinikpatient in der Druckkammer behandelt worden, großteils in mehreren Sitzungen. Das Defizit, das nach Abzug der Fallpauschalen von den Krankenkassen, beim Klinikum hängen geblieben sei, „ist bereits sechsstellig“, sagt Ziegler.

„Gewaltige Verbesserung für das Rettungswesen“

Und noch jemand freut sich über die Ankündigung des Landesbranddirektors: „Das wäre eine gewaltige Verbesserung für das Rettungswesen im Land“, sagt Frank Knödler, der Landesfeuerwehrpräsident. Die momentane Versorgung ohne gesicherte Nacht- oder Wochenendschichten sei „sicher nicht der Optimalzustand“. Er denke dabei auch, aber nicht nur an Rauchgasvergiftungen. Davon seien Feuerwehrleute ebenso bedroht wie die Bevölkerung. Zudem könne er sich an einen Fall aus dem vergangenen Jahr erinnern, bei dem ein Feuerwehrmann einen Tauchunfall im Badischen gehabt habe. „Der wurde damals in einer Druckkammer behandelt – zum Glück“, sagt Knödler.

„Das sollte es uns wert sein“

Interview – - Es muss nicht immer ein Tauchunfall sein. Auch bei Rauchgasvergiftungen, entzündlichen Wunden und medizinischen Fehlern ist eine Therapie mit Sauerstoff in Druckkammern erste Wahl, sagt Kay Tetzlaff (54), Professor an der Uniklinik Tübingen, Experte für Tauch- und Überdruckmedizin.
Herr Tetzlaff, es gibt in Baden-Württemberg schon zahlreiche funktionierende Druckkammern. Ist da eine 24-Stunden-Bereitschaft nicht ein Luxus?
Nein, ganz sicher nicht. Die hyperbare Therapie, also Atmung von Sauerstoff bei erhöhtem Druck, hat für mehrere Krankheitsbilder ihre klare medizinische Berechtigung. Auch wenn es sich um eher seltene Notfälle handelt, sollte es uns die optimale Versorgung der Patienten wert sein, eine 24-Stunden-Versorgung zu gewährleisten.
Um welche Patienten geht es dabei?
Es geht vor allem um Gasembolien, Kohlenmonoxidvergiftungen, den Gasbrand und um Tauchunfälle.
Tauchunfälle? Hier im Südwesten?
Ja, auch in Baden-Württemberg kommen Patienten mit Tauchunfällen immer wieder vor. Rund eine halbe Million Menschen in Deutschland tauchen regelmäßig. Das können Menschen sein, die nach dem Tauchurlaub nachts aus dem Flieger steigen und Symptome bemerken. Das kann aber auch hier bei Übungen passieren.
Im hessischen Wiesbaden und Murnau in Bayern gibt es Kammern, die teilweise Notfallversorgung anbieten.
Das ist auch gut so. Aber bei vielen Fällen spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Tauchunfallpatienten etwa müssen möglichst schnell, innerhalb von etwa drei Stunden, in einer Druckkammer behandelt werden. Dann gehen solche Sachen in mehr als 80 Prozent aller Fälle ohne gravierende Folgen aus. Zu lange Transportzeiten senken die Chancen der Patienten deutlich.
Es geht aber nicht nur um Tauchunfälle.
Nein, es geht auch um Kohlenmonoxid-Vergiftungen, etwa nach einem Gebäudebrand. Auch kann es nach medizinischen Routineeingriffen zu Gasembolien kommen, die mit HBO optimal behandelt werden können. Nicht zuletzt geht es auch um Patienten mit Gasbrand. Dabei stirbt wegen Wunderregern das Körpergewebe ab. Das Sterblichkeitsrisiko ist sehr hoch.