Klinikum Ludwigsburg Wenn im Schockraum jede Sekunde zählt

Die Kommunikation zwischen militärischem und zivilem medizinischem Personal bei der Übergabe eines Patienten ist eine Herausforderung für sich. Foto: Bundeswehr

Erstmalig haben das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr und das Klinikum in Ludwigsburg an zwei Tagen gemeinsam die Übergabe von schwerst verletzten Patienten geübt.

Es ist eine Premiere: Ein Militärhubschrauber des Kommandos Spezialkräfte (KSK) bringt einen schwerverletzten Patienten in das Krankenhaus nach Ludwigsburg. Zwischen Notruf und Eintreffen des Patienten liegen gerade einmal vier Minuten. „Bei der Simulation sind alle gehörig ins Schwitzen gekommen. Und das lag nicht an den sommerlichen Temperaturen, denn im Schockraum ist es sehr kühl“, sagt Stefan Weiß. Er ist der ärztliche Direktor des Zentralbereichs Katastrophenschutz und Leiter des Simulationszentrums.

 

Das Klinikum Ludwigsburg zählt mit seinem Traumazentrum nach Einschätzung von Markus Arand, dem ärztlichen Direktor der Unfallklinik, zu den Top 15, was Verletzungsschwere und Anzahl der eingelieferten Patienten anbelangt – knapp 300 jährlich sind es.

Die Übung angeregt hat Stefan Weiß. Zwar sei das KSK militärisch vor allem im Ausland im Einsatz. Die jüngsten Erfahrungen während der Hilfseinsätze des KSK im Ahrtal nach der Flutkatastrophe hätten jedoch gezeigt, wie wichtig das Hand-in-Hand-Arbeiten ist. „Und wie im Sport können wir eben nur das verbessern, was wir gemeinsam geübt haben“, sagt Weiß zur Einladung des KSK. In insgesamt vier Übungen – im Fachjargon auch Simulation genannt – sind in den vergangenen zwei Tagen fiktive Patienten mit schwersten Kopf-, Brust- oder Bauchverletzungen vom KSK zum Klinikum transportiert und dann von den Ludwigsburger Notfallärzten weiter behandelt worden. „Wenn es also heute Abend wirklich passiert wäre, hätte es funktioniert. Und: Es hätte gut funktioniert“, bilanziert Stefan Weiß die gemeinsamen Übungen. „Lemmy“ stimmt ihm zu. Der ärztliche Leiter im Verband des KSK, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennt, ist hinter seiner Maske vermummt, die er zum Schutz seiner Identität trägt. Ein weiterer militärischer Begleiter möchte erst gar nicht namentlich genannt werden.

Überlebenschancen deutlich gestiegen

Lemmy sagt über die Kooperation: „Natürlich haben wir gemeinsame Erkenntnisse bei der Versorgung von Schwerstverletzten“, denn schwerste Traumaverletzungen kommen im zivilen Bereich häufig vor – von Explosionsopfern einmal abgesehen.“ Doch weil beim Militär die Übergabe häufig unter extrem schwierigen Bedingungen und starkem Zeitdruck stattfindet, sei eine besonders strukturierte, präzise Übergabe zwischenzeitlich bei allen Militärs weltweit gebräuchlich. „Wenn ein Hubschrauber im feindlichen Gebiet landet, ist das Zeitfenster für die medizinische Übergabe sehr klein“, beschreibt Lemmy, warum eine knapp gehaltene Kommunikation so wichtig sei.

Die Überlebenschancen eines eingelieferten Patienten haben sich übrigens in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert“, sagt Markus Arand. „Noch zu Beginn meiner Laufbahn als Arzt haben wir 20 Prozent der schwerstverletzt eingelieferten Patienten verloren.“ Heute hingegen würde man bei Traumaverletzten nur noch rund drei Prozent nicht retten können. So habe man früher versucht, alles gleichzeitig zu behandeln. Heute jedoch gehe man nach der Regel „treat first, what kills first“ vor. Dabei behandle man also zuerst die lebensbedrohenden Verletzungen und kümmere sich erst dann um nachrangige Traumen“, beschreibt Arand die Änderungen in der Vorgehensweise sowohl auf militärischer wie ziviler Seite.

Straffe Kommunikation beim Militär

Eine der größten Herausforderungen war dabei die unterschiedliche Kommunikationsstruktur bei den zivilen und den militärischen Medizinern. Obwohl beide Seiten fachlich bestens ausgebildet werden und das Klinikum Ludwigsburg Teil des „Trauma-Netzwerks“ ist, hat sich beim Militär eine vergleichsweise knappe, gleichwohl präzise Sprachregelung etabliert.

„Rückblickend haben wir von unseren militärischen Kollegen viel profitiert“, fasst Markus Arand seine Erfahrungen zusammen. Das sieht auch Lemmy als ärztlicher Leiter des Kommandos Spezialkräfte so. Er freue sich bereits auf die Einladung des Klinikums Ludwigsburg im nächsten Jahr.

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