Im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden markiert der Spatenstich für eine Bewegungstherapiehalle den Start eines historischen Umbaus. Was folgt, geht weit über Sport hinaus.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Schlosspark in Winnenden (Rems-Murr-Kreis): Frische Erde liegt aufgeschüttet, blanke Spaten glänzen in der Sonne. Hände greifen zu, ein kurzer Schwung – der erste Stich ist getan. Doch was hier beginnt, ist mehr als ein Neubau. Es ist ein Zeichen.

 

Mit dem Bau der neuen Bewegungstherapiehalle am Zentrum für Psychiatrie im Schloß Winnenden beginnt ein weitreichender Umbruch in der psychiatrischen Versorgungslandschaft Baden-Württembergs. Der moderne Hallenbau bildet den ersten sichtbaren Schritt im Konzept für den sogenannten Maßregelvollzug, der bis 2030 am Standort entstehen soll.

Der symbolische Spatenstich zum ersten Baustein des Maßregelvollzugs am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden ist gesetzt. Foto: ZfP

Wie das Klinikum mitteilt, entsteht mit „Haus Q“ ein zentraler Ort für sport- und bewegungstherapeutische Angebote, die für die Behandlung psychisch erkrankter Menschen – insbesondere im forensischen Kontext – eine tragende Rolle spielen. Die Halle wird künftig sowohl Patienten als auch Mitarbeitenden sowie in Randzeiten lokalen Sportvereinen zur Verfügung stehen.

Bewegungstherapiehalle setzt Zeichen für offene Psychiatrie

Die 16 mal 20 Meter große Halle mit sechs Metern Höhe, Kletterwand und energieeffizienter Ausstattung soll nicht nur therapeutisch wirksam sein, sondern auch ein Zeichen setzen: für eine offene, moderne und sichere Psychiatrie. Nach Jahren behelfsmäßiger Nutzung von Kellerräumen und Festsaal zieht die Bewegungstherapie in ein funktional und architektonisch durchdachtes Gebäude um.

Für den Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth hat das Bauprojekt eine doppelte Bedeutung. Foto: Gottfried Stoppel

Für den Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth hat das Projekt mehrere Dimensionen: „Das Hauptanliegen ist, bei psychiatrischen Erkrankungen Angebote zu schaffen, die Körper und Geist zusammenbringen und Heilungsprozesse ermöglichen.“ Gleichzeitig, so Holzwarth weiter, profitiere auch die Stadtgesellschaft durch die Mitnutzung am Abend – ein doppelter Gewinn.

Zugang für Vereine: Sporthalle öffnet sich in die Stadt

Eine entsprechende Rahmenvereinbarung mit dem Land Baden-Württemberg sichert der Stadt Belegungszeiten in den Abendstunden zu. Für Sportgruppen von außen werden separate Umkleiden und Duschen eingerichtet, der Zugang bleibt strikt getrennt vom Klinikbetrieb. So soll Sicherheit gewährleistet sein, ohne das Prinzip der Offenheit aufzugeben.

Der Neubau ist Teil eines umfassenden Umbauprozesses auf dem Klinikgelände: Weil der Maßregelvollzug auf dem Areal des bisherigen Hauses C entstehen soll, wird dessen Suchtstation in einen Ersatzneubau verlagert. Der Spatenstich für die Bewegungstherapiehalle markiert damit den Auftakt für eine komplexe bauliche Neuordnung.

Maßregelvollzug: Therapie statt Strafe für suchtkranke Straftäter

Der Maßregelvollzug nach Paragraf 64 des Strafgesetzbuches richtet sich an Personen, die aufgrund einer Suchterkrankung straffällig geworden sind und bei denen Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie besteht. Sie werden nicht in Justizvollzugsanstalten untergebracht, sondern in spezialisierten forensisch-psychiatrischen Kliniken behandelt – mit dem Ziel, Rückfälle zu vermeiden und eine langfristige Reintegration zu ermöglichen.

Diese Einrichtungen sind keine Gefängnisse, sondern Krankenhäuser mit besonderen Sicherungsanforderungen. Neben medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung gehören auch Bewegungstherapie, Sozialarbeit und berufliche Qualifizierung zum Behandlungskonzept.

70 gesicherte Plätze ab 2030: lange umstritten, nun beschlossen

Der geplante Maßregelvollzug in Winnenden soll 2029 oder 2030 in Betrieb gehen und rund 70 gesicherte Therapieplätze umfassen. Lange war das Projekt in der Stadt umstritten: Der ursprüngliche Standort mitten im Schlosspark stieß auf heftigen Widerstand aus der Nachbarschaft – aus Angst vor Ausbrüchen, der Nähe zu Schulen und genereller Unsicherheit gegenüber dem Konzept.

Erst nach intensiven Dialogverfahren, Standortverlagerung und klaren Sicherheitszusagen konnte das Vorhaben politisch durchgesetzt werden. Der neue Standort liegt abgeschirmt auf dem Klinikgelände, mit dem gesetzlich geforderten Abstand zur Wohnbebauung.

Winnenden schließt Versorgungslücke im Land

Winnenden ist bis dato der einzige Standort im Netzwerk der baden-württembergischen Zentren für Psychiatrie ohne eigene Maßregelvollzugseinheit. Das soll sich mit dem Neubau ändern. Angesichts überfüllter forensischer Stationen im Land ist die neue Einrichtung kein Prestigeprojekt, sondern dringend notwendiger Teil eines überfälligen Ausbaus.

Mit dem Maßregelvollzug kommt nicht nur ein neues Gebäude, sondern auch ein neuer Auftrag. Er fordert die Stadtgesellschaft heraus – aber er sichert auch Arbeitsplätze, modernisiert die Klinik und stärkt die regionale Versorgung.