Klinikum Winnenden Eine zweite Chance für Suchtkranke

Die Patienten Dennis und Dennis warben im Gespräch mit Moderator Martin Schmitzer (rechts) für den Maßregelvollzug. Foto: Frank Eppler

Das Zentrum für Psychiatrie prüft, ob am Standort Winnenden eine neue Station für suchtkranke Straftäter gebaut wird. Eine Diskussion der Stadt darüber stieß auf wenig Interesse bei den Bürgern, dafür konnten zwei Patienten besondere Einblicke geben.

„Schade, dass so wenig gekommen sind“, sagte Anett Rose-Losert, die Geschäftsführerin der drei nördlichen Klinik-Standorte des Zentrum für Psychiatrie, zu Beginn des Montagabends. Außer Gemeinderäten und einem Dutzend Mitarbeiter des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) hatte gerade mal eine Handvoll Bürger den Weg in die Hermann-Schwab-Halle gefunden. Doch das Bedauern war schnell vergessen. Die Experten gingen gar nicht erst auf die Bühne, sondern setzten sich zum Publikum – und aus der Podiumsdiskussion entstand eine sehr persönliche Gesprächsrunde.

 

Das Kräftemessen in Heidelberg beeinflusst auch Winnenden

Anlass zu der Diskussion sind Pläne des ZfP, am Klinikum in Winnenden eine neue Abteilung für die Behandlung suchtkranker Straftäter anzusiedeln. Die Einrichtung, die in Baden-Württemberg an acht Standorten insgesamt 65 000 Patienten pro Jahr stationär und 100 000 ambulant betreut, denkt über mehrere mögliche Standorte nach – im Gespräch sind auch Schwäbisch Hall und Weinsberg. Um den geplanten Standort in Heidelberg – das ehemalige Frauengefängnis am „Faulen Pelz“ – gebe es zurzeit ein regelrechtes „Kräftemessen zwischen Stadt und Land“, sagte Rose-Losert.

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Der Bedarf an Plätzen für suchtkranke Straftäter ist in den letzten vier bis sechs Jahren stark angestiegen. Zunächst habe man darauf reagiert, indem man Zwei-Bett-Zimmer mit vier Patienten belegte und Container aufstellte, berichtete Rose-Losert. Das reiche jedoch nicht mehr. Auch die bereits in Bau befindlichen Erweiterungen an den Standorten Calw und Wiesloch deckten den Bedarf auf lange Sicht nicht. Aktuell sind die tausend Betten, die die Einrichtung für solche Patienten bietet, mit 1300 Leuten belegt. In fünf bis sieben Jahren wären die bis zu 75 zusätzlichen Betten in einem Neubau in Winnenden deshalb hochwillkommen.

Hier sollen keine psychisch kranken Straftäter behandelt werden

Dass diese Pläne in Winnenden Sorgen auslösen, ist den Klinikvertretern bewusst. Der Standort hier liege als einziger so nah an einer Stadt, sagte Marianne Klein, die Ärztliche Direktorin des Klinikums Winnenden. Schon deshalb sehe man davon ab, hier psychisch kranke Straftäter zu behandeln. Eine Rolle spiele aber auch der Amoklauf von 2009, unter dem laut OB Hartmut Holzwarth noch immer viele leiden. Mit der Zusage, dass in Winnenden nur suchtkranke Straftäter behandelt werden, die nach Paragraf 64 verurteilt wurden, ist die wichtigste Forderung des Gemeinderats schon vorab erfüllt.

Auch bei Entwichenen kommt es auf das Vertrauensverhältnis an

Matthias Michel, der Ärztliche Direktor der forensischen Psychiatrie in Wiesloch, erläuterte trotzdem noch einmal, wie selten Ausbrüche vorkämen. Dass im vergangenen Jahr vier Patienten in Weinsberg ausgerissen waren, hatte viel Aufsehen erregt – es war der erste Fall seit dem Jahr 2005. Voriges Jahr sind 32-mal Patienten in Baden-Württemberg für kurze Zeit entwichen. Bei „Entweichungen“ handelt es sich meist um Patienten, die ihre Lockerungen missbrauchen. Michel schilderte einen solchen Fall: Der Ausbruch der vier Weinsberger habe wenige Tage später einen seiner Patienten zu einer „Entweichung“ veranlasst. Er sei praktisch während des gesamten Zeitraums mit dem Mann telefonisch in Kontakt gewesen – bis dessen Frau den Patienten, vom schlechten Gewissen geplagt, kurz darauf an der Klinikpforte ablieferte. „In solchen Situationen sieht man, wie gut das Vertrauensverhältnis trägt, dass wir am Anfang aufbauen“, erklärte Michel. Auch zwei Patienten waren gekommen, um aus Sicht von Betroffenen Einblicke in den Maßregelvollzug zu geben. Die beiden jungen Männer plädierten dafür, weniger Angst vor Kriminalität zu haben: „Geben Sie Leuten eine Chance, die was aus ihrem Leben machen wollen“, sagte einer der beiden, der wegen Beschaffungskriminalität verurteilt worden ist. Die Sorge einer Bürgerin, die Klinik könne zu mehr Drogenhandel an den benachbarten Schulen führen, konnten sie ihr nehmen: „Wir haben zu viel zu verlieren, um so etwas zu machen.“

Ob der Neubau ausgerechnet an der einzigen Stelle des Geländes entstehen müsse, die an ein Wohngebiet grenze, fragte ein Anwohner aus der Albert-Schweitzer-Straße. Da sei das letzte Wort noch nicht gesprochen, signalisierte OB Hartmut Holzwarth. Anett Rose-Losert will die in der Gesprächsrunde geäußerten Sorgen in die Prüfung einfließen lassen. Eine Entscheidung über die Ansiedlung könnte noch dieses Jahr fallen.

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Warum der Bedarf an Plätzen für suchtkranke Straftäter so groß ist

Ziel
 Im Maßregelvollzug ist das Ziel, die suchtkranken Patienten so weit zu heilen, dass sie möglichst keine Straftaten mehr begehen. Dieses Ziel wird weitgehend erreicht – 60 Prozent bleiben laut dem Zentrum für Psychiatrie für ein bis zwei Jahre abstinent.

Rückfälle
Falls die Patienten rückfällig werden, begehen sie jedoch anschließend weniger schwere Straftaten.

Strafnachlass
 Ein Grund für die aktuelle Überbelegung ist auch die gesetzliche Regelung: Verurteilte im Maßregelvollzug bekommen einen größeren Strafnachlass gewährt – nämlich bis zur Hälfte. Im Strafvollzug wird hingegen maximal auf zwei Drittel reduziert. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern arbeitet deshalb zurzeit an einer baldigen Reformierung des Gesetzes.

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