Bauernkrieg-Ausstellung Der Ritter mit der eisernen Hand lebt
Vor 500 Jahren hatten die Bauern genug davon, dass man sie verspottete und ausbeutete. Eine Ausstellung an historischem Ort erweckt Persönlichkeiten der Zeit mit KI zum Leben.
Vor 500 Jahren hatten die Bauern genug davon, dass man sie verspottete und ausbeutete. Eine Ausstellung an historischem Ort erweckt Persönlichkeiten der Zeit mit KI zum Leben.
Manchmal ist der Volksmund träger als die Wirklichkeit. Die Zeiten, als der Adel selbstgerecht regierte, sind vorbei. Auch die Kirche besitzt nicht mehr die politische Macht wie vor 500 Jahren. Aber wenn einer grobschlächtig und unkultiviert daherkommt, wird er auch heute noch als „Bauer“ verlacht. Wohl deshalb nennt sich der Berufsstand inzwischen lieber Landwirt.
Es war diese Abschätzigkeit, gegen die die Bauern vor 500 Jahren aufbegehrten. Die Städter hielten sie für ungehobelt und plump. Die hohen Herren ritten bei der Jagd rücksichtslos über die frisch angelegten Felder. Als sie auch noch immer höher Abgaben leisten und als Leibeigene auf Freiheiten und Rechte verzichten sollten, begehrten sie auf. So kam es im Jahr 1525 zu einem historischen Moment, der in keinem Geschichtsbuch fehlen darf – zum Bauernkrieg.
Beim Schachspiel sind die Bauern als Bauernopfer schnelle Beute – weshalb man nun im Kloster Schussenried ein liebevoll gefertigtes Schachspiel aus dem 16. Jahrhundert bewundern und daran die alte Ständeordnung ablesen kann. „Uffrur!“ nennt sich die Große Landesausstellung, die das Landesmuseum Württemberg nun nicht etwa in seinem eigenen Haus in Stuttgart eröffnet hat, sondern im Kloster Schussenried, quasi mittendrin im damaligen Schlachtfeld. Denn die Bauern rebellierten zwar auch in Thüringen und Sachsen, in Tirol und in der Schweiz, aber eben auch in Schwaben.
In Memmingen wurden die „Zwölf Artikel“ schriftlich verfasst. Der Buchdruck machte es möglich, dass sich diese Forderungen der Bauernschaft weit übers Schwabenland hinaus verbreiteten und allerorts das Recht eingeklagt wurde, dass etwa jeder Holz aus dem Wald nutzen darf oder Wildbret, Geflügel oder Fische fangen. Einem armen Mann solche Rechte zu versagen, heißt es in den Artikeln, sei „unziemlich und unbrüderlich“.
Das Team des Landesmuseums hat versucht, die Ereignisse lebendig zu erzählen, will aber auch möglichst viele historische Schätze präsentieren, darunter zahlreiche Schriften und Dokumente. Näher am Leben sind da Objekte wie ein kleiner Zapfhahn aus dem 15. Jahrhundert. Schließlich tauschten sich die Bauern im Wirtshaus aus – oder auch in der Badestube, wovon ein Schröpfknopf zeugt. Auch ein Paar Bundschuhe sind erhalten. Der Alltagsschuh gab den ersten Aufständen den Namen: Bundschuh-Bewegung.
Mit solch schlichtem Schuhwerk gaben sich die hohen Damen und Herren freilich nicht ab. In der Zeit um 1500 nahm die Eitelkeit des Individuums sichtbar zu, sodass sich jene, die sich für bedeutend hielten, nun malen oder in Büchern verewigen ließen. Der Erzherzog Ferdinand Georg von Waldburg ließ sein Konterfei auf Porträtmünzen verewigen, Äbte saßen Künstlern stolz Modell, wie auch ein Professor der Universität Tübingen, der sich mit Pelz als edler Bürger präsentierte.
Die Reformation gab dem Protest der Bauern Rückenwind, weil sie den Pomp der katholischen Kirche ablehnte und auch das Volk stärker einbinden wollte. Auch die Ritter hatten Sympathien für die Bauern, weil sie selbst zwar adelig, aber finanziell schlechter gestellt waren als der Hochadel. Einer von ihnen war Götz von Berlichingen, der kurzzeitig als Hauptmann mit den Bauern kämpfte.
Der berühmte Ritter mit der eisernen Hand ist nun eine von acht Figuren, die das Landesmuseum mit Hilfe von künstlicher Intelligenz zum Leben erweckt hat und die in der Ausstellung von Leinwänden herab ihre Sicht auf die Dinge erklären. Auch der Maler Jan Ratgeb ist darunter oder die Bäuerin Margarete Renner aus Böckingen. Als Witwe trat sie – so war es üblich – die Nachfolge ihres Mannes an, leitete fortan also nicht nur den Hof, sondern bekam volle Rechtsfähigkeit. Sie stritt jahrelang mit dem Heilbronner Rat um zu hohe Steuern.
So beherzt die Bauern gegen Leibeigenschaft und überzogene Abgaben aufbegehrten, letztlich wurden die Aufstände mit Gewalt niedergeschlagen. Viele Bauern mussten Wiedergutmachung leisten, vereinzelt konnte man immerhin bessere Verträge aushandeln. Es kamen aber auch Tausende zu Tode. „Ich laß uoch wissen daß wir uff Dinstag etwa fünfhundert erstochen und etwa vierhundert in der Tonau ertrenkt haben“ heißt es in dem Bericht eines Kommandanten an die Stadt Esslingen.
Berührend ist in der Ausstellung ein Knochenfund, der erst 1994 entdeckt wurde. Es sind die Überreste von 26 Opfern des Bauernkriegs, die nun untersucht wurden. Ein Opfer hat noch versucht, mit der Hand die Schwerthiebe abzuwehren, die Fingerknochen sind schwer verletzt. Einem hat man dagegen in den Oberarm gestochen, damit er nicht mehr sein Schwert gegen das Unrecht erheben kann.
Wertvoll
Wie brutal die Bauernkriege zum Teil niedergeschlagen wurden, hat der Abt Jakob Murer festgehalten. Er sympathisierte mit den Bauern und dokumentierte die Ereignisse in Oberschwaben. Seine Weißenauer Chronik gilt als das bedeutendste zeitgenössische Dokument des Bauernkriegs. Die Illustrationen werden in der Ausstellung vergrößert, um auch die vielen Details erkennen zu können.
Virtuell
Die historischen Figuren in der Ausstellung kann man auch in einem digitalen Storytellingprojekt näher kennenlernen – als Protagonisten einer Graphic Novel über den Bauernkrieg: www.lautseit1525.de.
Ausstellung
„Uffrur!“, Große Landesausstellung, Kloster Schussenried. Bis 5. Oktober. Geöffnet Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Sa, So 10 bis 18 Uhr.