Knastprogramm in der JVA Rottenburg Freizeit hinter Gefängnismauern

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Freizeit im Gefängnis – ein Widerspruch? Die Inhaftierten der JVA Rottenburg können von Sport bis Kultur viele Kurse belegen. Wie in einer Volkshochschule. Mitunter entsteht daraus Kunst für das breite Publikum.

Neue Chance: der Rapper OMP ging nach seiner Entlassung mit dem Bundesjugendballett auf Deutschlandtournee. Foto: Marcus Renner
Neue Chance: der Rapper OMP ging nach seiner Entlassung mit dem Bundesjugendballett auf Deutschlandtournee. Foto: Marcus Renner

Rottenburg - Uriah Heep hat hier gespielt, SWR-Frontmann Matthias Holtmann bei Pop und Poesie gegenüber den Gefangenen sofort den richtigen Ton getroffen. Und nach einem Gespräch mit Peter Maffay waren die Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rottenburg (Kreis Tübingen) so beeindruckt, dass sie eine Spendenaktion für Kinder in Maffays Heimat Rumänien ins Leben riefen. „Das sind Highlights“, sagt der Anstaltsleiter Matthias Weckerle. Aber auch an normalen Tagen gibt es ein durchaus umfangreiches Freizeitprogramm für die Häftlinge.

Im Falle eines Gefängnisaufenthaltes von Freizeit zu sprechen, mag etwas widersprüchlich klingen. Aber nach getaner Arbeit und dem Hofgang bleibt in der ­Justizvollzugsanstalt Zeit für freiwillige Beschäftigungsmöglichkeiten. Der zuständige Mann dafür heißt Gerhard Brüssel. Er hat die Berufsbezeichnung Bereichsdienstleister Freizeit und Sport und kümmert sich seit mehr als zwei Jahrzehnten um dieses Thema. Das rund 60 Angebote umfassende Programm liest sich fast so wie das einer Volkshochschule, auch die Kurszeiten sind ähnlich – von 17 bis 19 Uhr. Sprachkurse gehören ebenso dazu wie Kraftsport, Gymnastik und sogar Fitnessboxen ist dabei. „Bei dem Vorschlag haben zunächst Alarmglocken geschrillt“, sagt Brüssel und lächelt. Erst als deutlich­ wurde, dass es sich bei dieser Sportart nicht um einen Kampfsport handelt, sondern eher um Gymnastik mit Boxhandschuhen, wurde Fitnessboxen schließlich doch ins Programm aufgenommen.

Fechten und Bogenschießen gehen nicht

Viele Ideen für diese Freizeitbeschäftigungen stammen von ehrenamtlich engagierten Bürgern, die den Gefangenen etwas Gutes tun wollen. Die eher defensiv ausgerichtete japanische Kampfkunst Aikido wurde von den Verantwortlichen positiv bewertet, Fechten und Bogenschießen dann aber doch nicht als geeigneter Freizeitsport angesehen. „Bevorzugt werden Kraftsportarten“, sagt JVA-Chef Weckerle. Das Training führe zum Aggressionsabbau.

Aber auch ein Spanischkurs wurde zunächst sehr begrüßt im Kreis der Häftlinge. „Doch angesichts der Hausaufgaben fehlten manchem dann doch die Geduld und das Durchhaltevermögen“, beobachtet Gerhard Brüssel. Spielegruppen seien zwar gefragt, Skat oder Schach würden von jüngeren Leuten aber kaum noch beherrscht. Es gibt noch weitere Angebote wie etwa die „Gesprächsgruppe Sucht“ oder „Leben ohne Gewalt“. Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff Bedrohtensport? Weckerle und Brüssel berichten von Gefangenen, die vor ihren Mithäftlingen geschützt werden müssen. Sexualstraftäter gehören dazu, aber erst recht Männer, die Kinder missbraucht haben. Es geht auch um Insassen, die ihre betrügerischen Aktivitäten im Gefängnis fortgesetzt haben und deswegen bei ihren Mithäftlingen alles andere als beliebt sind. Zu ihrem eigenen Schutz ist diese Gruppe getrennt von den anderen untergebracht und hat eine eigene Sportgruppe. Die Gefangenen sind stigmatisiert. Wer einmal zu diesem Kreis gehört hat, wird es schwer haben im Gefängnisleben.