Knigge für den Nachwuchs Wie lernen Kinder gutes Benehmen?

Hier besteht noch Nachbesserungsbedarf. Foto:  

Was sich früher gehörte, ist heute unter Umständen überholt. Was nicht heißt, dass es gar keine Benimmregeln mehr gibt, die Kinder lernen sollten.

„Früher hätte es das nicht gegeben“, murmelt die Oma. Und der Großonkel konstatiert: „Der Junge braucht ein paar hinter die Ohren.“ Dabei hat selbiger nur ein bisschen mit seinem Cousin herumgealbert bei der Kommunionfeier, gerade als der Vater mit einer Gabel an sein Glas geschlagen hatte, um ein paar Worte an die Gäste zu richten.

 

Gerade sitzen, Hände auf den Tisch und nur sprechen, wenn man von einem Erwachsenen angesprochen wird: So haben es Großeltern in ihrer Kindheit erlebt. Insofern kann man es ihnen nicht verdenken, dass sie mitunter ein anderes Verständnis von gut erzogenen Kindern haben als die heutige Elterngeneration. Fröhlich plappernde Kinder bei der Familienfeier – das hätte es zu Großmutters Zeiten wohl nicht gegeben. Doch was sich früher gehörte, ist heute unter Umständen überholt. Was nicht heißt, dass es gar keine Benimmregeln mehr gibt, an die sich Kinder halten müssten.

Gutes Benehmen ist mehr als angepasstes Verhalten

Gutes Benehmen, das bedeutet für Malgorzata Diebel, Trainerin für Business-Etikette und Vorstandsmitglied der Deutschen-Knigge-Gesellschaft, „respekt- und rücksichtsvolles Verhalten anderen gegenüber“. Wer sich gut benehme, zeige damit, „dass er andere Menschen wahrnimmt und nicht nur an sich selbst denkt“. Wirklich schwer ist das nicht: Beim Essen ordentlich am Tisch sitzen, anderen nicht ins Wort quatschen, nicht drängeln, „bitte“ und „danke“ sagen und in der Öffentlichkeit nicht rülpsen und schon gar nicht pupsen: Es gibt viele Benimmregeln, die eigentlich jedes Kind kennt und meist unter „Das macht man nicht“ abgespeichert hat. Gutes Benehmen ist aber mehr als angepasstes Verhalten. Als „Schmiermittel“ der Zivilisation hat der Soziologe und Kulturphilosoph Norbert Elias Höflichkeit, Rücksichtnahme und Dankbarkeit bezeichnet. Ohne geht es eben nicht, wenn Menschen in einer Gesellschaft respektvoll miteinander umgehen wollen.

Alles korrekt – aber vielleicht etwas übertrieben im Alltag. Foto: AdobeStock/belamy

Solche Kleinigkeiten machen das Zusammenleben angenehm – und auch Kinder sollten sie beherrschen, zumindest ab einem gewissen Alter. Wer seine Mitmenschen mit einem freundlichen „Guten Tag“ begrüßt, zeigt damit, dass er andere achtet. Bei Tisch signalisiert das „Guten Appetit“ den gemeinsamen Beginn des Essens und dass einem die Gesellschaft wichtig ist. Und ein höfliches „Entschuldige bitte“, wenn man aus Versehen jemandem auf den Fuß getreten ist, lässt Schmerz vielleicht erst gar nicht aufkommen. Wer sich öfter mal auch für Selbstverständliches bedankt, drückt damit seine Wertschätzung für andere aus und sorgt für gute Stimmung.

„Bitte in ganzen Sätzen sprechen“

„Ein nettes Lächeln ist die Weltsprache, jeder versteht das. Das ist der erste Schritt zu anständigem Verhalten“, sagt Diebel. „Wer lächelnd auf seine Mitmenschen zugeht, benimmt sich schon vorbildlich.“ Und wer dann auch noch die drei Zauberworte „bitte“, „danke“ und „Entschuldigung“ beherrscht, ist schon bei guten Umgangsformen angekommen. „Auch in ganzen Sätzen zu sprechen, ist eine Form guten Benehmens: Man macht sich die Mühe, auszuformulieren, was man sagen will, und überlässt es nicht dem anderen, den Satz zu vervollständigen.“

Und auch Tischmanieren seien bedeutsam, meint Diebel, die auch Benimmkurse für Kinder anbietet. „Esse ich ordentlich, drücke ich damit Respekt aus – vor den Nahrungsmitteln und meinen Tischnachbarn.“

Wichtig dabei: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – und müssen sich deshalb auch nicht so benehmen. Einen Zweijährigen fürs Nasebohren auszuschimpfen, muss nicht sein – genauso wie man von einem Vierjährigen mit starkem Bewegungsdrang nicht erwarten kann, ewig still am Tisch zu sitzen, weil „man das so macht“. Andersherum kann man dem Vierjährigen aber schon erklären, warum der Finger in der Öffentlichkeit nicht in die Nase wandern sollte – und ab dem Schulalter auch einen gewissen Grad an Impulskontrolle voraussetzen, sodass Herumrennen am Esstisch vielleicht kein Thema mehr ist.

Kinder lernen durch Nachahmung – zu Hause und im Kindergarten

Hinzu kommt: An verschiedenen Orten gelten verschiedene Regeln – das begreifen Kinder spätestens dann, wenn sie in den Kindergarten oder die Schule gehen. Dort stellen andere die Regeln auf. Welche Regeln zu Hause gelten, legen Familien selbst fest – auch durch den täglichen Umgang miteinander. Da können die Meinungen schon mal auseinander gehen: Während der eine Wert auf gute Tischmanieren legt, besteht die andere auf einer anständigen Begrüßung. Für wieder andere ist das Zuhause hingegen eine komplett Knigge-freie Zone.

Und wie lernen Kinder nun, sich richtig zu benehmen? Ganz einfach: durch Nachahmung. „Wie die Eltern sich benehmen, das färbt auf das Kind ab“, erklärt Etikette-Expertin Diebel. „Es sieht im täglichen Umgang, wie Mama und Papa sich anderen gegenüber verhalten. Das schaut sich das Kind ab, es kennt es erst mal nicht anders.“ Wenn also die Mama selten „bitte“ oder „danke“ sagt, hält es das Kind auch nicht für nötig. Und wie und wo gegessen wird, beeinflusst natürlich auch, welche Tischmanieren vorgelebt werden.

Loben bringt mehr als zu tadeln

„Eltern sollten ihren Kindern von Anfang an gutes Benehmen vorleben und schon die Kleinsten höflich behandeln“, rät auch Andrea Schmelz, Ärztin und Buchautorin. „Hat man sein Kind versehentlich gestoßen, sollte man sich sofort entschuldigen.“ Zum respektvollen Umgang gehöre es beispielsweise auch, sein Kind nicht unvermittelt aus dem Spiel zu reißen, sondern mit etwas Vorlauf anzukündigen, wenn man gleich weg muss. Wichtig außerdem: nicht primär Fehler des Kindes tadeln – sondern es vor allem kräftig loben, wenn es etwas gut gemacht hat. Dann prägen sich auch Benimmregeln leichter ein. Und ein bisschen Erziehung darf auch mit dabei sein: Wer am Tisch die Aufforderung „Gib mir das Wasser“ so lange ignoriert, bis sich das Kind an das Zauberwort „bitte“ erinnert, erzeugt einen Lerneffekt.

Auch in Kindergarten und Schule sind Vorbilder wichtig. Wenn Erzieherinnen und Lehrer Wert auf Höflichkeit legen, wirkt das bestärkend. „Der Einfluss von außen ist stark“, so Knigge-Expertin Diebel. „Wenn das Umfeld in Kita und Schule respektlos ist, kann das dazu führen, dass Kinder Benimmregeln verlernen.“ Denn Kinder schauen sich auch untereinander viel ab.

„Bitte“ sagen hilft – aber bitte nicht zwanghaft

Auch Dreijährige können sich einen höflichen, respektvollen Umgang schon aneignen, betont Andrea Schmelz. „Dabei gilt die Faustregel, dass andere so behandelt werden sollten, wie man es auch selbst gerne haben möchte.“ Dazu gehört eine freundliche Begrüßung genauso wie ein „Bitte“, wenn man etwas haben möchte. „Kinder lernen sehr schnell, dass man mit einem ‚Bitte‘ viel eher – wenn auch nicht jedes Mal – die Erfüllung seiner Wünsche erreicht.“ Genauso, dass man sich gleich besser fühlt, wenn einem jemand durch das Wort „Entschuldigung“ zeigt, dass es ihm leidtut, wenn er einem wehgetan hat.

Mit all dem sollte man es aber auch nicht übertreiben, rät Schmelz. „Gute Umgangsformen sind wichtig, doch deswegen muss ein Kind noch lange nicht zum dressierten Äffchen werden.“ Kein Kind müsse Küsschen und Umarmungen erdulden oder gar verteilen, wenn es das nicht möchte. Und das Kind in Leierkastenmanier mit der Frage „Wie sagt man?“ jedes Mal zu den Zauberwörtchen „bitte“ und „danke“ zu nötigen, sollte man sich auch verkneifen. „Es reicht, sich auf das Wesentliche zu beschränken“, so Schmelz. Sonst erreicht man mitunter das Gegenteil: „Möglicherweise beginnt ein Kind dann, sich absichtlich schlecht zu benehmen, um einen zu provozieren.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Kinder Familie