Köngen Wie ein junger Arzt aus einer Bankfiliale ein Ärztehaus machen will

Aus dem Köngener Volksbank-Gebäude soll ein Ärztehaus werden. Foto: kd

Der Köngener Arzt und Apotheker André Renz will das ehemalige Volksbank-Gebäude in der Ortsmitte umfunktionieren, um die ärztliche Versorgung zu verbessern.

Satte 40 Prozent der Hausärzte im Landkreis Esslingen sind über 60 Jahre alt, die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich in den meisten Fällen schwierig. Und die Aussichten sind düster: „Es lässt sich bereits jetzt erahnen, was uns bevorsteht“, sagte Köngens Bürgermeister Ronald Scholz in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Bereits vor sechs Jahren hatte die Kommune festgestellt, das dringender Handlungsbedarf bestehe, um die ärztliche Versorgung zu unterstützen. Doch alle Bemühungen verliefen im Sand. Nun kommt aber doch wieder Bewegung in die Sache – und die Idee ist unkonventionell wie ehrgeizig.

 

André Renz, selbst Arzt und Apotheker, will aus dem Volksbank-Gebäude in der Ortsmitte auf privater Basis ein Ärztehaus machen – braucht dafür aber die Unterstützung der Gemeinde. Dafür hat der 32-Jährige das Gebäude bereits für 1,6 Millionen Euro von der Volksbank erworben, für Umbau und Sanierung rechnet Renz mit Kosten in Höhe von 5,4 Millionen Euro. Unterm Strich müssten also 7 Millionen Euro finanziert werden. Mit einem Baukostenzuschuss in Höhe von 1,6 Millionen Euro hielte sich sein finanzielles Risiko laut Renz in überschaubarem Rahmen. Kommen soll das Geld aus der Städtebauförderung des Landes, die Gemeinde Köngen hätte allerdings dabei einen Eigenanteil von 40 Prozent, also 640 000 Euro, aufzubringen.

Ärztehaus eine „einmalige Gelegenheit für Köngen“

„Das ist eine einmalige Gelegenheit für Köngen“, bewarb Renz sein ehrgeiziges Projekt – und erhielt fraktionsübergreifend Zustimmung von den Gemeinderäten. „Wir können uns davor nicht verschließen. Wir brauchen junge, motivierte Mediziner“, sagt Gemeinderätin Adina Fernengel-Kurzenberger (CDU), die selbst eine Arztpraxis in Köngen betreibt. „Das ist eine einmalige Chance und es ist bemerkenswert, dass eine Privatperson dieses Projekt in Angriff nehmen will“, befand Fraktionschef Günter Hoffelner von den Freien Wählern.

Er hob zudem positiv heraus, dass ein Ärztehaus für mehr Leben in der Ortsmitte sorgen würde – was ein weiteres leidiges Thema in Köngen ist. Immerhin könnten laut Renz pro Quartal rund 10 000 Patienten versorgt werden - und von denen würden sicherlich einige im Zuge ihres Arztbesuchs die Einkaufsmöglichkeiten in der Köngener Fußgängerzone nutzen. Auch seitens der SPD kam Zustimmung: „Das ist ein wichtiges Projekt der Daseinsvorsorge. Von uns kommt volle Unterstützung“, sagte Bernd Vogel. Er gab allerdings zu bedenken, dass es einen vergleichbaren Förderantrag aus privater Hand noch nie in Köngen gegeben habe und stellte den Antrag, dass die Renz’sche Investorenrechnung angesichts der klammen Kassen der Kommune von einem unabhängigen Sachverständigen nochmals geprüft werden soll.

Köngen stimmt einstimmig für das Ärztehaus

Letztlich fiel der Beschluss einstimmig: Die Gemeinde erklärte sich grundsätzlich bereit, für das Ärztehaus 640 000 Euro bereitzustellen. Als Anschubfinanzierung wurden 300 000 Euro bewilligt, von denen das Land bei positivem Förderbescheid 180 000 Euro tragen würde. Außerdem beantragt die Kommune beim Regierungspräsidium (RP) in Stuttgart die Aufstockung der Finanzhilfen für das Sanierungsgebiet „Ortskern IV“, in dem sich das Gebäude befindet. Aber auch der Antrag der SPD bezüglich einer erneuten Prüfung der Investorenrechnung wurde berücksichtigt. „Wenn die Fördermittel da sich, werden wir alles tun, um das Vorhaben voranzubringen“, versprach Bürgermeister Scholz. Er kündigte zeitgleich an, dass der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz (Grüne) bezüglich des Projekts bereits Kontakt zum RP aufgenommen habe: „Wir werden auch von außen unterstützt. Das Projekt wird schließlich uns allen zu Gute kommen.“

Den Bauantrag wurde bereits Ende Mai eingereicht, laut Renz starten die Rückbauarbeiten sobald die Genehmigung durch ist. Bis auf die sich noch im EG befindende Filiale der Volksbank steht das Gebäude bereits leer. Während des Umbaus soll die Filiale in ein gegenüberliegendes derzeit freies Ladengeschäft umziehen, auch hier fehlt nur noch die Baufreigabe. „Wir können sofort mit dem Rückbau anfangen – zunächst um die Bankfiliale herum, bis sie umgezogen ist“, sagt Renz.

Er rechnet mit einer Bauzeit von rund zwei Jahren - klappt alles, könnte das neue Ärztehaus im Sommer 2027 eröffnen. Auch mit potenziellen Mietern seien die Gespräche schon weit gediehen: „Die Besetzung der großen allgemeinmedizinischen Praxis im ersten Obergeschoss, wo drei bis vier Arztsitze geplant sind, steht eigentlich bereits“, bestätigte Renz. Darunter seien gestandene Mediziner, die ihre Einzelpraxis aufgeben wollen, ebenso wie junge Ärzte, die von den Synergieeffekten einer sogenannten Berufsausübungsgemeinschaft profitieren wollen.

Ärztehaus Köngen ist „eine Herzensangelegenheit“

Im zweiten und dritten Obergeschoss plant Renz weitere fachärztliche Praxen, darunter auf jeden Fall eine Frauenarztpraxis: „Die weiteren Fachrichtungen werden sich noch finden, es muss aber etwas sein, was einen breiten Teil der Bevölkerung abdeckt.“ Die ärztliche Besetzung rekrutiert sich dabei teils aus persönlichen Kontakten des 32-Jährigen, der aktuell als Internist in der Notaufnahme im Ruiter Krankenhaus tätig ist, teils ist er explizit auf bestimmte Personengruppen zugegangen. Auch er selbst könne sich durchaus vorstellen, mit in eine Gemeinschaftspraxis in Köngen zu gehen: „Ausgeschlossen ist das nicht.“ Wichtiger ist ihm aber zunächst, dass seine Idee Wirklichkeit wird: „Die Umsetzung des Projekts ist mir eine echte Herzensangelegenheit.“

Das neue Köngener Ärztehaus

Bestand
Das markante viergeschossige Gebäude im Kiesweg 12 stammt aus den späten 1960er Jahren und stellt mit über 1000 Quadratmetern gewerblicher Nutzfläche eine Besonderheit in der Köngener Ortsmitte dar.

Eigentumsverhältnisse
Die Volksbank Mittlerer Neckar hat das Gebäude an Dr. André Renz veräußert, bleibt aber Mieter im Erdgeschoss. Allerdings wird die Filiale nach dem Umbau um einiges kleiner als bisher.

Synergieeffekte
Im Erdgeschoss ist eine zentrale Anmeldung für sämtliche Praxen inklusive gemeinsamer Wartezimmer und Voruntersuchungsräume geplant. Im Untergeschoss sollen gemeinsame Umkleide-, Aufenthalts- und Waschräume für weitere Synergieeffekte sorgen.

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