Köngener Unternehmensberatung Ihre Stunde schlägt in der Reha-Phase

Wilhelm Goschy ist seit gut einem Jahr der Vorstandsvorsitzende von Staufen. Foto: Marion Brucker

Die Köngener Unternehmensberatung Staufen setzt bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf mehr als ein abgeschlossenes Studium. Und sie baut vor, um für die erwartete Zunahme an Aufträgen im kommenden Jahr gerüstet zu sein.

Köngen - Sie gehört zu den verborgenen Größen auf dem Feld der Unternehmensberatung: die Firma Staufen mit Sitz in Köngen. Doch auch sie hatte im vergangenen Jahr aufgrund der Coronapandemie mit heftigem Gegenwind zu kämpfen: „Die Krise hat uns ordentlich getroffen, weil wir nicht reisen, und bei den Kunden keine Berater vor Ort sein durften“, erklärt Wilhelm Goschy. Der 59-Jährige hat im Juli 2020 den Vorstandsvorsitz im Köngener Schloss übernommen, nachdem Martin Haas, Mitbegründer des Unternehmens, nach gut 25 Jahren von der Firmenspitze in den Aufsichtsrat gewechselt hatte.

 

Empathie und Kommunikationsfähigkeit sind gefragt

Vor der Krise habe Staufen jährlich 120 Projekte von 80 bis 100 Kunden betreut, sagt Goschy, der seit 1999 bei der Beraterfirma arbeitet und seit 2011 dem Vorstand angehört. „Wir haben bisher nur Wachstum gekannt.“ Doch während der Pandemie wurden die 320 Mitarbeiter zum Teil in Kurzarbeit geschickt. Im vergangenen Jahr sei es knapp die Hälfte gewesen, dieses Jahr noch rund 20 Prozent; doch seit April seien wieder alle voll beschäftigt, sagt Goschy. Mehr noch: Das Unternehmen suche wieder Mitarbeiter. Zehn bis 15 zusätzliche Beraterinnen und Berater möchte Groschy gerne einstellen, vorzugsweise Ingenieure, da es bei Staufen um Fachberatung in der Industrie geht. „Wir sind dabei, fleißig neue Kollegen und Kolleginnen einzustellen, um uns für das Wachstum, das auch 2022 stark ausfallen wird, zu wappnen“, erklärt Goschy. Dabei wolle er auch den noch etwas niedrigen Frauenanteil in der Beratung erhöhen.

Allerdings ist man auch mit den Neueinstellungen noch nicht wieder beim früheren Niveau angelangt. Laut dem Vorstandsvorsitzenden hätten vor der Pandemie jedes Jahr zwischen 23 und 30 Beraterinnen und Berater neu bei Staufen angefangen – bei 2000 Bewerbungen. Wer bei dem Köngener Unternehmen einsteigen möchte, sollte indes nicht nur einen akademischen Abschluss mitbringen, sondern auch Empathie und Kommunikationsfähigkeit, um komplexe Sachverhalte und Strukturen zu präsentieren und Bilder im Kopf der Kundschaft entstehen zu lassen. „Sie brauchen das Glänzen in den Augen, müssen mit Herz und Begeisterung dabei sein. Es muss erkennbar sein, dass sie es machen wollen“, sagt Goschy.

Kein familienfreundlicher Job

Er verweist aber auf die Nachteile, die eine Tätigkeit mit einem Reiseanteil von 80 Prozent mit sich bringt. Das sei kein familienfreundlicher Job. „Da muss das private Umfeld absolut stabil sein“, macht er klar. Viele aus dem Beraterteam seien deshalb jung. Das Durchschnittsalter bei Staufen liege bei 41 Jahren. Er selbst zähle mit 59 Jahren zu den ältesten, doch das Lean-Management-Virus habe ihn – wiewohl verheiratet und Vater – nie losgelassen.

Bei Lean-Management – auf Deutsch „Schlankes Management“ – geht es darum, die gesamte Wertschöpfung eines Industrieunternehmens effizient zu gestalten. Die Beraterinnen und Berater sollen Menschen neugierig darauf machen, aus der Routine herauszukommen und Veränderungen als positiv zu betrachten. Goschy setzt dabei auch auf Schwarmintelligenz.

Die Firma komme aber nicht in der Notarzt-, sondern in der Reha-Phase zum Einsatz, um das Unternehmen fit für Wachstum zu machen. Daher habe es auch selten mit Entlassungen zu tun. „Wir sind mehr auf der Sonnenseite, um den Wandel zu gestalten“, sagt der Betriebswirt, der vor seinem Studium schon eine Ausbildung im Automobil-Bereich gemacht hat. Erst danach kam er mit seinen Eltern aus Rumänien nach Deutschland und holte in Stuttgart das Abitur nach.

Auch Seminare werden angeboten

An der Uni in Erlangen habe ihn dann das Lean-Management-Fieber erfasst, erzählt Wilhelm Goschy. Vor seiner Staufen-Zeit lebte er seine Leidenschaft von 1995 bis Anfang 1999 bei Projekten von Porsche aus. Seine Augen funkeln, wenn er darüber spricht, wie wichtig es sei, den Wandel zu gestalten – gerade in Zeiten von Elektromobilität und Digitalisierung. Es brauche mehr Menschen, die mitdenken und mitgestalten, ist er überzeugt. Die Geschwindigkeit des Wandels sei höher als die der Organisationsentwicklung. Goschy nennt als Beispiele die Gewinner der Coronakrise wie die Medizintechnik und die Lebensmittelbranche. Da müssten plötzlich Kapazitäten hochgefahren werden – aber die Mitarbeitenden fehlten. Einkauf, Vertrieb und Service gelte es rasch anzupassen. Oder es gehe bei der Internationalisierung von Unternehmen darum, Prozesse zu optimieren, um im globalen Wettbewerb nachhaltig Spitzenleistungen zu bringen.

Um Schwung in Veränderungsprozesse zu bringen, geht die Köngener Unternehmensberatung aber nicht nur in Unternehmen, sondern sie bietet in ihrem zweiten Geschäftszweig, der Staufen Akademie, auch Seminare an. Vor der Coronakrise hätten jedes Jahr rund 7000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Staufen-Kurse besucht, sagt Goschy. Bis zu 130 Trainern und Coaching-Experten standen bereit, um die Menschen im Sinne der Lean-Philosophie „Respect for People“ zu unterrichten.

Große Unternehmensberatung im kleinen Köngen

Die Firma
Die Staufen-Unternehmensberatung wurde 1994 von Martin Haas
und Ralf Stokar von Neuforn gegründet und beschäftigt heute weltweit 320 Mitarbeiter. Die Gründer haben früh damit begonnen, ein Generationenmodell aufzubauen und haben so ihre Anteile sukzessive an nachfolgende Leistungsträger im Unternehmen weitergegeben. Das heutige Führungsteam besteht aus Wilhelm Goschy (CEO),
Michael Hahn,
Markus Riegger
und Martin Haas (Vorsitzender des Aufsichtsrats).

Zahlen 
2020 war erstmals seit Bestehen des Unternehmens der Umsatz rückläufig. Er belief sich auf 51 Millionen Euro, nach 69 Millionen 2019. Dieses Jahr wird ein Umsatz von 60 Millionen Euro angepeilt. Die Beratungsfirma unterhält Büros in Deutschland, der Schweiz, China, Italien, Brasilien und Mexiko sowie in Mittel- und Osteuropa.

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