Königsbau in Stuttgart Warum der Abstand zwischen den Säulen so ist wie er ist

Von Eva-Maria Bast 

Mehr Säulen bedeuten mehr Pracht – das weiß jeder König. Warum haben die Säulen des Königsbaus in Stuttgart dann einen Abstand von fast zwei Metern? Die Erklärung liefert Heimatkenner Volker Karcher.

Volker Karcher hätte zu keiner Zeit Probleme gehabt, zwischen den Säulen durchzukommen. Damen mit Reifröcken ging es da anders– zumindest beinah. Foto: Eva-Maria Bast
Volker Karcher hätte zu keiner Zeit Probleme gehabt, zwischen den Säulen durchzukommen. Damen mit Reifröcken ging es da anders– zumindest beinah. Foto: Eva-Maria Bast

Stuttgart - Es ist ein ausgesprochen beliebter Platz: Auf den Stufen vor den Säulen des Königsbaus lässt es sich prima sitzen, um den Blick auf das gegenüberliegende Neue Schloss zu genießen. Und wenn’s zu regnen beginnen sollte, ist das auch kein Problem: Dann kann man flugs zwischen den Säulen hindurch ins Trockene schlüpfen, in den Königsbaupassagen shoppen gehen oder bei Kaffee und Kuchen abwarten, bis das Unwetter vorbei ist. Keine der Frauen, die diesen Weg nimmt, und sei sie noch so beleibt, wird sich wohl darüber Gedanken machen, ob sie auch zwischen den Säulen hindurchpasst.

Das war früher anders. Oder besser: Es wäre anders gewesen, wenn König Wilhelm I. (1781-1864) nicht zwei so kluge und an die Damenwelt denkende Berater gehabt hätte – Christian Friedrich von Leins (1814-1892) und Hofbaumeister Johann Michael Knapp (1791-1861). „König Wilhelm I., der ja um die 50 Jahre in Stuttgart regierte, wünschte Pariser Pracht in seiner Stadt“, erzählt der Heimatkenner Volker Karcher. Deshalb habe der König den Schloßplatz nach dem Vorbild der Place de la Concorde gestalten lassen. „Und sozusagen als Pendant ließ er den Königsbau in den Jahren 1855 bis 1859 errichten.“ Es sollte ein Bauwerk sein, in dem Veranstaltungen stattfinden können und das zudem über eine Ladengalerie sowie über Wohnungen verfügt.

Seine Architekten machten sich eifrig ans Werk. Es war Johann Michael Knapp, der die Säulenhalle vorschlug, was dem König gut gefiel. Dennoch war er enttäuscht. „Er wollte mehr Säulen – mehr Säulen bedeuteten mehr Pracht“, erklärt Karcher den royalen Wunsch.

Die Erklärung ist denkbar simpel

Hätte der König seinen Kopf durchgesetzt, wäre es für die Damenwelt eng geworden, denn damals waren Reifröcke in Mode. Und selbige waren bekanntlich ausladend. Als der Königsbau errichtet wurde, trug man (ab 1830) diese Reifröcke als „Krinoline“. Das Wort leitet sich vom französischen Crin ab und bedeutet Rosshaargewebe. Der Unterrock der Damen war nun mit Rosshaar verstärkt, bisher hatte man mehrere Stoffunterröcke übereinander getragen. Eine Variante war ab 1856 die Federstahlbandkonstruktion, die sich gegen Fischbein und aufblasbare Gummischläuche durchgesetzt hatte. Das Ergebnis war allen Reifröcken gemein: Sie waren ausladend, um 1868 hatte die Krinoline einen Umfang von sechs bis acht Metern, was einem Durchmesser von 1,80 bis 2,50 Metern entspricht.

Inzwischen war der Hofbaumeister krank geworden, weshalb man ihm den Architekten Friedrich von Leins zur Seite stellte. Nach Knapps Tod übernahm er die Bauleitung für den Säulenbau. „Leins war es dann auch, der den König auf die Problematik mit der Mode hinwies“, erzählt Karcher. „Er riet dem König von mehr Säulen ab – mit der Begründung, die Damen würden dann mit ihren Reifröcken nicht durch die Zwischenräume zwischen den Säulen kommen. Der König wünschte Damenbesuch und ließ sich überzeugen“, sagt Karcher. Vielleicht erschreckten ihn auch die vielen Unfälle, die es vor allem in den ersten Jahrzehnten der Reifrockmode gegeben hatte. 3000 Frauen sollen allein in Großbritannien gestorben sein, weil ihr Rock Feuer gefangen hatte. Auch gab es zahlreiche Unfälle, weil sich Röcke in Wagenrädern verfingen.

Mode wandelte sich

Wobei beide Gefahren in Stuttgart freilich auch dann nicht gegeben gewesen wären, wenn die Säulen enger gestanden hätten. Die Damen wären nur einfach nicht dazwischen hindurchgekommen. Und das will man ja nicht bei einem Gebäude, das neben mehreren Festsälen – in den größten passten über 2000 Personen – auch Geschäfte beherbergte, die naturgemäß schon immer die Frauen besonders angezogen haben. Zu Gunsten der Damen verzichtete Wilhelm I. nun also auf einige Säulen an seinem 500 000 Gulden teuren und 114 Meter langen Bau und ließ die verbleibenden mit einem Abstand von etwa, wie Karcher nachgemessen hat, 1,96 Metern setzen. Wobei sich die ionischen Säulen mit zwei Portiken, die mit korinthischen Kapitellen geschmückt sind, angenehm abwechseln. Die Damen kamen also auch nach der damals neuesten Mode hindurch.

Kurz nach dem Tod des Königs im Jahre 1864 hätten sie dann aber auch durch enger stehende Säulen gepasst: Um 1870 kam die Tournüre in Mode und löste die Krinoline ab. Der Reifrock umspannte nun nicht mehr die ganze Frau, nur das Gesäß wurde durch Halbgestelle aus Stahl, Fischbein oder Rosshaar betont – und um 1888 war es dann vorbei mit der bauschigen Pracht.

Heute muss sich niemand mehr Gedanken darüber machen, ob er – respektive sie – durch die Säulen passt. Selbst beleibtere Menschen haben Platz. Aus der Perspektive der Nachwelt betrachtet, hätte sich Wilhelm I. also doch mehr Säulen gönnen können. Aber die Damen mit ihren Reifröcken waren seinerzeit bestimmt dankbar für diese Entscheidung Seiner Majestät.

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