Mit dem Aus des Buchhändlers Hugendubel an der Königstraße vollzieht sich der Wandel in der Stuttgarter Innenstadt noch rasanter. Insgesamt werden für vier Kernimmobilien neue Nutzer gesucht – die erste Lücke füllt die polnische Modekette Reserved.  

Stuttgart - Die bundesweit einzige Filiale, die Deutschlands zweitgrößter Buchhändler schließen wird, befindet sich an der Königstraße. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung wird Hugendubel die Haupteinkaufsmeile in der Stuttgarter City im kommenden April verlassen. Das Unternehmen begründet seinen Schritt mit einem neuen Filialkonzept. Die Innenstadt steht somit mehr denn je vor einer Richtungsentscheidung – die erste von vier prominenten Lücken schließt die polnische Modegruppe LPP mit der Marke Reserved. Die Gruppe ist in Stuttgart bereits als einer der Ankermieter im neuen Shoppingcenter Milaneo vertreten.

Die 38 Mitarbeiter des 2008 eröffneten Buchhauses wurden am späten Mittwochabend über das Ende ihrer Filiale informiert. „Die Fläche ist für den Umsatz, den wir dort erzielen, schlicht zu groß“, erklärt die geschäftsführende Gesellschafterin des Münchner Unternehmens, Nina Hugendubel. Wie am heutigen Donnerstag bundesweit bekannt wird, richtet Hugendubel sein Filialgeschäft neu aus. Die Rede ist von einem klaren Bekenntnis zum stationären Handel – allein in Stuttgart wird geschlossen. Die Mietverträge an vielen anderen Standorten werden verlängert. „Es ist ein Teil der neuen Strategie, künftig kleinere Flächen zu betreiben“, sagt Hugendubel.

„Der Buchmarkt hat sich massiv verändert“

Man sei in Stuttgart lange auf der Suche nach einer kleineren Fläche in vergleichbar guter Lage gewesen, berichtet Nina Hugendubel. Bisher jedoch ohne Erfolg. „Der Buchmarkt hat sich in den vergangenen Jahren durch das Internet massiv verändert“, erzählt sie, „darauf reagieren wir mit unserer neuen Strategie.“

Die starke Konkurrenz in Stuttgart habe mit der Entscheidung gegen den Standort an der Königstraße allerdings nichts zu tun. In den beiden neuen Einkaufszentren, dem Milaneo und dem Gerber, ist jeweils der Konkurrent Osiander eingezogen. Zudem gilt das Buchhaus Wittwer am Schlossplatz bei vielen Stuttgartern als eine Art Platzhirsch. Als Erklärung für die Verkleinerung im stationären Handel sagt die Geschäftsführerin: „Vor 15 Jahren haben wir noch die gesamte Welt der Bücher in unseren Häusern abgebildet.“ Das sei in Zeiten von E-Books, Hörbüchern und Internet jedoch nicht mehr notwendig.

Ein heißer Kandidat für die Karstadt-Flächen ist Primark

In der Stuttgarter Innenstadt werden inzwischen für zahlreiche prominente Gebäude neue Mieter gesucht. Abgesehen von den 4000 Quadratmetern, die der Buchhändler im April der polnischen Modekette Reserved überlassen wird, stehen der City weitere Neuordnungen bevor. Von Juli an werden die Räume von Karstadt an der Königstraße frei. Wenige Schritte weiter wird wenige Monate später die Fläche des Herrenausstatters Eckerle zur Verfügung stehen, der unter anderem Namen in die Stiftstraße ziehen will. Außerdem wird ein Nachmieter für die Räume des Schreibwarenhändlers Haufler am Marktplatz gesucht. Über sämtliche Flächen wird auf dem Immobilienmarkt verhandelt.

Ein heißer Kandidat, zumindest für einen großen Teil der Karstadt-Flächen, ist die umstrittene irische Modekette Primark, die ebenfalls im Milaneo vor kurzem ihre Stuttgart-Premiere gefeiert hat. Entsprechende Anfrage der Stuttgarter Zeitung wurden nicht dementiert: „Wir können dazu im Moment nichts sagen“, hieß es aus der Pressestelle von Primark lediglich.

City-Managerin will Abwertung der Königstraße verhindern

Der Geschäftsführer von Reserved, Martin Kanngiesser, bestätigt: „Wir wollen im Spätsommer auf allen drei Stockwerken von Hugendubel eröffnen.“ Eine zweite Filiale in der Innenstadt zusätzlich zu einer in einem Center wie dem Milaneo sei in der Branche eine durchaus übliche Strategie.

Die Managerin des Milaneo, Andrea Poul, bleibt angesichts dieser Nachricht betont gelassen: „Es ist kein Problem für uns, wenn unsere Mieter weitere Filialen in Stuttgart eröffnen. Auch wenn Primark das tun sollte, wäre das vollkommen normal.“

„Bei diesen Flächen handelt es sich um sogenannte Kernimmobilien für die Innenstadt“, sagt die City-Managerin, Bettina Fuchs. Aus Ihrer Sicht wäre es im Interesse der Stadt, wenn in die jeweiligen Gebäude inhabergeführter Handel oder zumindest hochwertige Geschäfte wie jüngst Boss oder Bogner einziehen würden. Wenn diese Flächen allein von großen Filialisten besetzt werden, könne ein Trading-Down-Effekt, also eine Abwertung der Königstraße, einsetzen. Auch die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann, hofft mit Blick auf die Neuausrichtung der Stuttgarter Innenstadt auf „Geschäfte, die zwar Frequenz bringen, trotzdem aber nicht zu billig daherkommen“. Apple sei beispielsweise ein Kandidat, sagt sie.

Mit Blick auf den Marktplatz sagt Hagmann: „An dieser Stelle kommt es besonders auf die Nachfolge von Haufler an. Der Platz hat definitiv weniger Anziehungskraft als früher.“ Nach dem Ende des Café Scholz und der Abkehr von Spielwaren Kurtz wurden die freien Flächen von internationalen Firmen wie Nespresso oder Thomas Sabo übernommen.

Entwicklung in der Innenstadt geht klar in Richtung Ketten

Aus Sicht der Stuttgarter Makler geht die Entwicklung in der Innenstadt klar in Richtung der internationalen Ketten. „Die Kandidaten für solche Objekte sind immer die großen Textilunternehmen“, sagt Sirin Ates, die Teamleiterin für den Bereich Handel bei Jones Lang Lasalle. Nach Meinung der Maklerin hat Stuttgart in Sachen Einzelhandel nun ein bislang vorhandenes Defizit aufgeholt. „Durch die neuen Center ist der Standort insgesamt attraktiver geworden.“

Auch Michael Bräutigam, der Geschäftsführer von Colliers International Stuttgart, sagt: „Die Flächen in der City sind in erster Linie für Textilketten oder für Marken wie Apple interessant.“ Ein lokaler Händler werde sich einen solchen Standort nicht leisten können, sagt Bräutigam. Auch die verschiedenen Branchen ließen sich in Sachen Miete kaum vergleichen: „Ein Buchhändler kann nicht so viel bezahlen, wie ein Textiler“, sagt der Makler.