Aids, Armut, Dürre: Was Jugendliche mit Afrika assoziieren, hängt auch mit Lehrplänen zusammen – und insbesondere damit, wie Schulen das Thema Kolonialismus behandeln. Experten zufolge ist der Umgang immer noch stiefmütterlich.

Digital Unit: Sebastian Xanke (xan)

Stuttgart - Politikunterricht, Klasse sieben: „Was kommt euch in den Sinn, wenn ihr an Afrika denkt?“, fragt Karim Fereidooni seine elf- bis zwölfjährigen Schüler. Die Antworten, so schreibt es der Juniorprofessor in einer Publikation, könnten einseitiger kaum sein. „Das Positivste an Afrika sind die Pyramiden, ansonsten verbanden meine Schülerinnen und Schüler mit Afrika die folgenden Dinge: Aids, Armut, Dürre, Hunger, Kriege, Lehmhütten und staubige Straßen.“

Ein Zufall sei das nicht, führt Fereidooni weiter aus. In vielen Kinder- und Schulbüchern werde ein rückständiges Bild Afrikas vermittelt, ursprünglich und noch immer gezeichnet von den „weiß-europäisch-christlichen“ Kolonialherrschern. Mit dieser Beobachtung ist Karim Fereidooni nicht allein. Viele Bildungsexperten kritisieren, das Thema Kolonialismus werde in deutschen Schulen zu wenig und wenn, dann zu tradiert angegangen.

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„Der Rest der Welt folgt“

Lehrerinnen und Lehrer unterrichteten Kolonialismus fast ausschließlich als Vorgeschichte zum Ersten Weltkrieg, sagt etwa Bernd-Stefan Grewe. Der Historiker bildet an der Universität Tübingen künftige Geschichtslehrer aus. „Dabei wird Geschichte so erzählt, als läge die gesamte Dynamik in Europa“, erklärt Grewe. „Der Rest der Welt folgt, reagiert und leistet vielleicht mal Widerstand.“

Dass die Realität anders aussah, ist längst klar: Schon vor Ankunft der Europäer in Afrika oder Nordamerika waren die Kontinente bevölkert und damit „entdeckt“, auch afrikanische Menschen lebten in komplexen Gesellschaftssystemen unterschiedlicher Natur, die Liste lässt sich fortführen. Trotzdem geht es im derzeit geltenden Bildungsplan beim Thema Kolonialismus hauptsächlich um europäisch geprägte Begriffe wie „Imperium“ oder „Nationalstaat“. Europa werde damit als leuchtendes Beispiel für die Welt, andere Gesellschaften dagegen als weniger wertvoll inszeniert, so die Kritik.

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Mehr Weiß als Schwarz

Die Sicht der vom Kolonialismus Betroffenen falle dabei schnell unter den Tisch, stellt der Politikwissenschaftler Steffen Vogel in einer Analyse für die Rosa-Luxemburg- Stiftung fest. Vogel untersuchte die „aktuellen Oberstufen-Lehrwerke der drei größten Schulbuchverlage“. Das Ergebnis: Ein Verlag „widmet dem deutschen Kolonialismus in seinem neuen, fast 700 Seiten starken Gesamtwerk gerade mal eine Seite.“ In einem anderen Buch werde sich „auf die innen- und europapolitische Bedeutung der Kolonien“ konzentriert, der Völkermord im heutigen Namibia bleibe unerwähnt.

Und auch die in den Büchern zu Wort kommenden Zeitzeugen sind laut Vogel oft ungleich ausgewählt. Bei zwei Verlagen liege „das Verhältnis der afrikanischen zu den europäischen Quellen im Kolonialismus-Kapitel bei 1 zu 4“. So nimmt die Perspektive der Weißen mehr Raum ein, als die der betroffenen Schwarzen.

Das romantische Afrika?

Letztlich lege das Kultusministerium fest, welche Schulbücher im Unterricht herangezogen werden, sagen Samrawit Araya und Yasmin Nasrudin von der Initiative „Black History in Baden-Württemberg“. Die Initiative fordert in einer Petition eine „Anti-Rassistische Überarbeitung des Lehrplans“ im Südwesten. 101 363 Menschen haben das Schreiben bereits unterzeichnet. „In Schulbüchern wird Afrika oft romantisiert dargestellt“, so Nasrudin.

Im Unterricht tauchten Fragen auf wie: „Stell dir vor, du kommst aus Europa und gehst als Entdecker nach Afrika, was begegnest du dort?“ Oder: „Stell dir vor, du bist ein Sklave und schreibst einen Brief an deine Familie.“An dieser Stelle liege das Problem nicht nur in den Büchern, sondern auch bei denen, die den Unterricht gestalten sollen. „Es hängt an den Lehrkräften, wie sie zum Beispiel das Modul der ‚Entdeckung’ Afrikas oder Amerikas behandeln“, sagt Nasrudin.

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Ein schwerer Weg zur Veränderung

An die ehemalige baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat die Initiative ihre Petition bereits vor einem Jahr weitergeleitet – und auch eine Antwort erhalten: „Eine vertiefende inhaltliche Auseinandersetzung mit Rassismus, Migration und der Kolonialgeschichte ist in den einzelnen Fachplänen aller Schularten fest verankert“, schrieb Eisenmann in einem längeren Brief. Zudem arbeite man an einer entsprechenden Broschüre, die mitunter zur Fortbildung von Lehrkräften herangezogen werde.

Für Nasrudin und Araya ist das nicht genug. In wenigen Jahren werde der nächste Bildungsplan beschlossen, bis dahin müsse sich etwas ändern. Einfach wird das nicht, weiß der Tübinger Historiker Bernd-Stefan Grewe. Bevor der neue Bildungsplan feststeht, durchlaufe er viele verschiedene Gremien, darunter solche von Eltern, Kirchen oder Parteien. Gremien, in denen vor allem weiße Menschen ihre Gewichtungen einbringen.