Kolonialismus und Kolonialgeschichte Der Westen weiß es besser
Es ist richtig, Kulturschätze aus den ehemaligen Kolonien zurückzugeben. Auf Vorschriften und Belehrungen zum Umgang damit sollte man aber verzichten.
Es ist richtig, Kulturschätze aus den ehemaligen Kolonien zurückzugeben. Auf Vorschriften und Belehrungen zum Umgang damit sollte man aber verzichten.
Stuttgart - Man muss sich einfach einmal vorstellen, wie es wäre, wenn vor zweihundert Jahren sämtliche Kirchen geplündert, die Fresken von den Wänden geschlagen, die Kreuze und Heiligenfiguren abtransportiert und ins Ausland verfrachtet worden wären. Wenn man noch den Kindern verboten hätte, in der Schule Deutsch zu sprechen, wie stünde es dann heute um die deutsche Kultur? Was wäre es, was uns Menschen in diesem Land vereint?
Manchmal ist es hilfreich, die Dinge umzukehren – und doch bleibt schwer vorstellbar, was sich während des Kolonialismus ereignete. Denn in den Kolonien wurde gemordet und Kulturgut gestohlen. Damit wurden die Menschen um ihr kulturelles Erbe, um ihre Identität gebracht. Als französische Truppen 1892 zum Beispiel das Königreich von Dahomey in Westafrika zerstörten, brachten sie die Kulturschätze des Landes nach Europa und zwangen die Bewohner, fortan Französisch statt Fon zu sprechen. Erst 1960 gründete man dort einen neuen Staat, der an das alte Königreich anknüpfte, das heutige Benin.
Wenn sich heute junge Afrikanerinnen und Afrikaner für ihre Kultur interessieren, müssen sie nach Berlin, Paris oder auch Stuttgart reisen, um etwa im Linden-Museum das bestaunen zu können, was in ihrer Heimat fehlt, weil es während des Kolonialismus in kriegerischen Auseinandersetzungen erbeutet oder schlicht gestohlen wurde. Allein das Linden-Museum Stuttgart besitzt mehr als 23 000 Objekte aus kolonialzeitlichem Kontext. Die Bezeichnung Objekt verrät schon viel über das Dilemma, denn etliche dieser Gegenstände sind für die afrikanischen Gesellschaften keine Objekte, sondern eher Subjekte, Gegenstände, denen eine besondere Energie innewohnt. Nach ihrem Verständnis gehören sie in einen rituellen Kontext – und nicht ins Museum hinter Glas.
In den vergangenen Monaten wurde viel diskutiert über die Zehntausende Artefakte in den europäischen Museen, so dass der Eindruck entstehen könnte, es bewege sich etwas. Der Westen beginnt endlich, sich seiner Verantwortung zu stellen und anzuerkennen, was frühere Generationen angerichtet haben. Baden-Württemberg ist mit gutem Beispiel vorangegangen und hat kürzlich – begleitet von großem Medieninteresse – die Peitsche und Bibel des Nama-Anführers Hendrik Witbooi an den namibischen Staat zurückgegeben. „Zwei geraubte Objekte“, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ gallig, „ist das 2019 nicht ein bisschen wenig für ein Museum, das Tausende besitzt?“
Auch wenn zwei Rückgaben wenig erscheinen, ist es ein Schritt, der längst überfällig war. Immerhin ist es fast hundert Jahre her, dass Deutschland mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages seine Kolonien verlor. Trotzdem hat bis heute keine offensive Auseinandersetzung stattgefunden, die meisten Deutschen wissen sogar herzlich wenig von dieser Zeit. „Die deutsche Kolonialgeschichte ist eine Lücke in unserem Gedächtnis“, meint die baden-württembergische Kulturministerin Theresia Bauer. Daran soll unter anderem die Pädagogische Hochschule Freiburg nun etwas ändern und Unterrichtsmaterialien entwickeln, in denen die deutsch-namibische Geschichte erwähnt wird.
Wenn es nach Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin, und dem Ökonom Felwine Sarr ginge, sollten die Europäer alles zurückgeben, was sie unrechtmäßig besitzen – ohne Wenn und Aber. Savoy und Sarr haben im vergangenen Jahr für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron einen Bericht erstellt über Kolonialkunst in Frankreichs Museen und darin unmissverständlich klargemacht, was viele gar nicht so genau wissen wollten: dass das meiste, was in deutschen oder französischen Museen ausgestellt wird, in direktem Zusammenhang mit der Kolonialzeit steht.
Seither ist einiges ins Rollen gekommen. In den Museen wird verstärkt geforscht, an welchen Objekten Blut klebt. Es wird diskutiert, ob man Bestände zurückgeben sollte, und wenn ja, an wen, an die Communities oder den Staat – wie man es im Fall von Peitsche und Bibel nun getan hat. Baden-Württemberg hat auch eine Namibia-Initiative gestartet und will mit namibischen Wissenschaftlern, Studierenden und Vertretern der Stämme Nama und Herero zusammenarbeiten. Sie sollen dabei helfen, die Objekte aus der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, zu identifizieren. Denn die Europäer brachten zwar kistenweise Kulturgut aus den Kolonien mit nach Hause, worum es sich dabei aber konkret handelte, war ihnen größtenteils herzlich egal.
So sinnvoll der Austausch mit Wissenschaftlern und Vertretern der Ursprungsgesellschaften ist, hat es doch einen Beigeschmack, wenn das Landesarchiv Baden-Württemberg nun ein Trainingsprogramm für das Nationalarchiv Namibia anbietet und beratend tätig werden will. Denn es gibt durchaus Stimmen in Afrika, die es als herablassend empfinden, dass ihnen schon wieder Europäer den Weg weisen und die korrekte museale Praxis beibringen wollen. Es erinnert sie an die Kolonialzeit, als der Westen sich kulturell überlegen fühlte. Ein Denken, das noch immer in Köpfen herumgeistert – und das der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon vor einiger Zeit erst wieder ganz selbstverständlich formulierte.
Es wäre ungerecht, den europäischen Museumsleuten pauschal ein solches Überlegenheitsgefühl zu unterstellen. Sie befinden sich in einer schwierigen Situation. Denn auch wenn es ihnen ein Anliegen ist, Objekte zurückzugeben, haben sie als Ethnologen und Konservatoren das westliche Denken doch verinnerlicht. Sie haben gelernt, dass Kulturgut gehegt, gepflegt, erforscht und ausgestellt werden muss. Alles andere ist für sie undenkbar.
Trotzdem sollte man sehr vorsichtig damit sein, die Musealisierung von Gegenständen zum Maß aller Dinge zu erklären. Denn die Idee des Museums ist eine westliche, weshalb Felwine Sarr auch immer wieder betont, dass viele der Gegenstände aus Afrika keineswegs dazu bestimmt seien, im Museum zu stehen. Für ihn ist klar, dass die Gesellschaften selbst entscheiden müssen, wie sie mit ihren Artefakten umgehen.
Trotzdem werden bei den Gesprächen zur Rückgabe ganz selbstverständlich auch Forderungen gestellt. Das, was hier seit Jahrzehnten im Museum lagert, soll auch in Afrika wissenschaftlich und konservatorisch fachgerecht behandelt und ausgestellt werden. Statt den einstigen Besitzern also zu überlassen, wie sie ihren Besitz nutzen, will man ihnen diktieren, wie sie mit den Artefakten umzugehen haben.
Ein heikler Punkt, denn zwingt man die ehemaligen Eigentümer, die Objekte auch in Afrika in Vitrinen zu legen, oktroyiert man nicht nur die eigenen Werte, Maßstäbe und Weltanschauungen. Letztlich legitimiert man – wenn auch unbewusst – im Nachhinein das Unrecht von einst. Denn es hieße, dass die Europäer das Kulturgut gerettet haben – und es also gut war, es den Ursprungsgesellschaften zu entreißen, die es genutzt statt konserviert hätten.
Man sollte also genau überlegen, welches Signal man bei den Verhandlungen aussendet. Denn natürlich geht es auch um Macht, wenn etwa das Auswärtige Amt eine Museumsagentur installiert, um afrikanischen Staaten beim Museumsbau zu helfen. Wenn in Afrika mit deutscher Tatkraft Museen westlichen Zuschnitts eingerichtet werden, so auch, um Einfluss zu nehmen beziehungsweise zu behalten.
Man mag es für übertrieben halten, hinter heutigem Verhalten noch die alten kolonial geprägten Strukturen zu vermuten. Trotzdem staunt man, wie selbstverständlich etwa Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in Interviews sagt, dass die Museen in Afrika Schulungen bräuchten. Eine ähnlich unkritische Haltung spricht übrigens auch aus Parzingers Vorstellung, im neuen Humboldt Forum in Berlin einen Gedenkraum einzurichten – als könne man das sensible und weitreichende Thema Kolonialismus in einen Gedenkraum auslagern und damit plump abhandeln.
Für das christliche Abendland ist es selbstverständlich, dass sich christliche Kunst in Museen befindet und auch Kirchen wie Museen wahrgenommen werden. Deshalb wurde nach dem Brand in Notre-Dame auch vor allem von einem wichtigen Denkmal, einem Wahrzeichen von Paris und von verlorenem Erbe gesprochen, aber nur selten von einem religiösen Ort, an dem man mit Gott in einen Dialog treten konnte. Christen stören sich auch nicht daran, wenn Reliquien und kultische Gegenstände als rein ästhetische, materielle Objekte wahrgenommen werden. Diese Form der Rezeption, bei der das Spirituelle eine untergeordnete Rolle spielt, ist so selbstverständlich, wie christliche Kunst auf dem Kunstmarkt zu verkaufen.
Es mag für westliche Ohren befremdlich klingen, dass andere in Objekten Subjekte mit spiritueller Dimension sehen. Aber man zollt den afrikanischen Gemeinschaften nur dann Respekt und begegnet ihnen auf Augenhöhe, wenn man die gestohlenen Stücke vollkommen bedingungslos zurückgibt – und den Akteuren auf der gegenüberliegenden Seite entsprechend eine ganz eigene Weltsicht zugesteht.
Bei der Debatte um die Rückgabe geht es also auch darum, den Umgang mit der eigenen Kultur nicht mehr absolut zu setzen. Die ethnologischen Museen stellt das vor besondere Herausforderungen. Künftig werden sie nicht mehr so selbstverständlich Kultgegenstände in Vitrinen stellen können. Statt wie einst klischierte, koloniale Vorstellungen der Wilden zu vermitteln, müssen sie sich heute fragen, ob man den Artefakten mit der hiesigen Museumspraxis überhaupt gerecht werden kann und was ein solches Museum leisten soll.
Deshalb ist der Westen sogar ein denkbar schlechter Berater für die afrikanischen Gemeinschaften. Sie müssen selbst Wege finden, wie sie mit ihrem Erbe umgehen, das man ihnen bisher vorenthalten hat. Es ist fraglich, ob die westliche museale Praxis des Wegsperrens als Vorbild dienen kann, schließlich geht es für die afrikanischen Gemeinschaften um viel mehr, nämlich darum, ihre Vergangenheit und kulturelle Identität anhand dieser Subjekte sozusagen wieder aufzuwecken.
Es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis sich eine vernünftige Gangart im Umgang mit den geraubten Stücken herauskristallisiert, denn schnelle Lösungen kann es nicht geben. Man wird Fehler machen – und trotzdem ist es wichtig, sich mit der Rückgabe von Kulturgut intensiv zu befassen. Denn über diese Debatte wird letztlich der Weg geebnet, sich irgendwann auch den anderen dunklen Kapiteln des Kolonialismus zu stellen.
Bénédicte Savoy spricht hierbei gern vom Heilen der Geschichte. Ihr und Felwine Sarr geht es nicht um Schuld oder Wiedergutmachung, schließlich könne die heutige Generation nicht verantwortlich gemacht werden für die Taten ihrer Vorfahren. Ihnen geht es darum, wie man sich zu den Ereignissen von damals verhält. „Man sollte die Geschichte kennen und reflektieren“, sagt Felwine Sarr – und dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass die politischen und wirtschaftlichen Probleme Afrikas durchaus mit der gemeinsamen Vergangenheit zu tun haben und wir wiederum bis heute von der Ausbeutung des Kontinents profitieren.
So kann man nur hoffen, dass die Debatte diesmal nicht wieder sang- und klanglos versandet. Denn Deutschland und Frankreich waren schon einmal an einem ähnlichen Punkt wie heute. Savoy und Sarr entdeckten bei ihren Recherchen in Paris und Berlin stapelweise Akten, die belegen, dass die Rückgabe kolonialzeitlicher Sammlungen in den europäischen Museen zwischen 1978 und 1982 intensiv diskutiert wurde. Es sei durchaus denkbar, Kulturgüter zurückzugeben, sagte damals Hildegard Hamm-Brücher, die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt war. Die Kunsthändler waren alarmiert und die Museen unkooperativ, sie weigerten sich strikt, sich mit dem Thema zu befassen. Es hat sich also mittlerweile doch einiges geändert, was man auch an der Wortwahl ablesen kann. So sagte 1979 der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz überheblich, dass man dem „Nationalismus der Entwicklungsländer“ ganz sicher nicht nachgeben werde.