Es war die perfekte Lage für das Kolping Bildungswerk Württemberg (KBW). Jahrelang residierte die Unternehmenszentrale in einem fünfstöckigen Bürohaus direkt am Stuttgarter Rotebühlplatz, den täglich Tausende von Menschen passieren. Egal, von wo man auf die große Kreuzung kam – der Schriftzug „Kolping Bildung“ an zwei Seiten war unübersehbar.
Inzwischen sind die Leuchtschilder abmontiert. Vor gut zwei Jahren ist die KBW-Gruppe ausgezogen, das Gebäude scheint leer zu stehen und kommt zusehends herunter. Mit dem Eigentümer prozessierten zwei Kolping-Firmen bis Ende 2024 vor dem Landgericht; es ging um etwa eine halbe Million Euro Mietnachforderungen. Dann schloss man einen Vergleich, über den wie stets geschwiegen wird.
Neuer Firmensitz am Rand der Innenstadt
Die neue KBW-Zentrale liegt nur einen Steinwurf entfernt, im einstigen Firnhaber-Bau am Rand der Innenstadt. Weniger sichtbar, aber deutlich moderner logieren dort nicht nur die Unternehmensleitung um Klaus Vogt, sondern auch eine Designschule und mehrere Berufskollegs. Von hier aus wird ein privater Bildungsträger gesteuert, der sich selbst als „einen der bedeutendsten“ in Süddeutschland bezeichnet.
Tatsächlich ist das Kolping Bildungswerk Württemberg mit seinen Kitas, Schulen und Hochschulen sowie Angeboten zur beruflichen Weiterbildung inzwischen fast omnipräsent: An 65 Standorten in 25 Städten werden jährlich etwa 20 000 Teilnehmer „beschult“, mehr als 170 staatlich anerkannte Schulen nehmen jedes Jahr etwa 2500 neue Schülerinnen und Schüler auf. Für die Bildungsangebote beschäftigt man mehr als 2000 qualifizierte Mitarbeiter.
Motto: Was der Mensch aus sich macht, das ist er
Die Arbeit basiere auf den Werten des katholischen Sozialreformers Adolph Kolping (1813 bis 1865), heißt es. Für jeden und jede, so dessen Vorgabe, solle Bildung erreichbar sein. Im Zentrum stehe immer der Mensch „und ganz besonders die Persönlichkeitsbildung“. Es gilt die Devise des Kolpingwerk-Urvaters: „Was der Mensch aus sich macht, das ist er.“
Zur heutigen Größe hat sich das „KBW“, in Jahren stetigen Wachstums, erst unter Klaus Vogt entwickelt. Als der vormalige Wirtschaftsförderer der Stadt Stuttgart 2010 die Geschäftsführung übernahm, gab es gerade einmal 250 Beschäftigte, der Umsatz lag bei 18 Millionen Euro. Heute sind es mehr als 130 Millionen, Tendenz weiter steigend. Jahr für Jahr werden Millionengewinne erwirtschaftet, die gemäß den Vorgaben für Gemeinnützigkeit in den weiteren Ausbau des Verbundes fließen – teils organisch und durch die Entwicklung neue Geschäftsfelder, oft durch Übernahmen.
Radius reicht weit über Württemberg hinaus
Wo immer private Schulen um Nachfolgelösungen ringen oder mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen, ist Kolping zur Stelle. Längst reicht der Radius des Bildungswerks weit über Württemberg hinaus: es gibt eine Akademie in Freiburg, Gymnasien in Mannheim und Heidelberg, etliche Standorte nördlich der Landesgrenzen und sogar in Berlin und Schwerin. Dort, im Einzugsbereich von anderen Kolping-Bildungswerken, firmiert man – im Rahmen einer „Mehrmarkenstrategie“ – unter anderem Namen. Gleichwohl sind die örtlichen Kolping-Akteure nicht immer glücklich über die Konkurrenz von außen.
Wirtschaftlich ist das Kolping Bildungswerk Württemberg also eine Erfolgsgeschichte, als Unternehmer hat der promovierte Betriebswirt Vogt viel vorzuweisen. Viele Millionen Staatszuschüsse fließen jährlich an den Schulkonzern, der schon mit seinem Namen für Seriosität bürgt. Beim Kolping Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart, aus dem das Werk einst hervorging, könnte man mithin rundum zufrieden sein. Doch seit vielen Jahren besteht ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen dem Namensgeber und dem Nutzer des Namens. Der Grund: Organisatorisch hat sich das Bildungsunternehmen mehr und mehr von Kolping abgekoppelt.
Aus dem Verein wird eine Stiftung
Einen weiteren, entscheidenden Schritt gab es Mitte 2022. Da löste sich der bisherige Trägerverein auf und übertrug sein gesamtes Vermögen auf den neuen Träger, die frisch gegründete Stiftung Kolping Bildungswerk. Präsident wurde Klaus Vogt, der auch in der der Stiftung gehörenden KBW-Gruppe das Sagen hat. Vorstand und Aufsichtsrat der Stiftung sind durchweg mit Leuten seines Vertrauens besetzt. Man sichere damit die langfristige Entwicklung des Bildungswerks, hieß es in einer Festschrift; eine Stiftung sei gleichsam „auf Ewigkeit“ angelegt.
Abgeschirmt gegen „äußere Einflüsse“ könne man künftig noch schneller und flexibler agieren. Nur die „Ungebundenheit“ ermögliche dynamisches Wachstum. Äußere Einflüsse – damit sind auch der Kolping-Verband und die katholische Kirche gemeint. Vor 30 Jahren kam es zum Konflikt, als die Diözese Rottenburg-Stuttgart entschied, die neue Grundordnung für „kirchliche Arbeitsverhältnisse“ sei auch für das Bildungswerk anzuwenden. Das hätte Mehrkosten von einer Million Mark bedeutet, angeblich untragbar. Das Bildungswerk ging vor Gericht und siegte in allen Instanzen. Man sei eben kein Teil der kirchlichen Struktur, wurde jubiliert, nie mehr müsse man sich „vom Bischof dreinreden“ lassen. Diesen Geist atmet auch das neue Konstrukt. Insider sehen die Gründung der Stiftung als Antwort auf Versuche des Kolping-Diözesanverbands, wieder etwas mehr Einfluss auf „sein“ Bildungswerk zu gewinnen.
„Wo Kolping drauf steht, soll Kolping drin sein“
Hinter den Kulissen wird jedenfalls seit längerem um Beteiligung und Kontrolle gerungen. „Wo Kolping drauf steht, soll auch Kolping drin sein“ – inhaltlich sehen das Kolpingwerk Deutschland und der Diözesanverband diesen Anspruch erfüllt. Man begrüße die wertvolle Arbeit des Bildungswerks, betont die Generalsekretärin Alexandra Horster aus der Kölner Zentrale ebenso wie ihre Mitstreiter aus Württemberg. Auch Klaus Vogt streicht regelmäßig heraus, wie konsequent die Kolping-Werte – etwa Hilfe zur Selbsthilfe, Gemeinschaft und Verantwortung für die Gesellschaft – im Schulalltag gelebt würden. Gerne zitiert er Leitsätze des Gründervaters, so die Devise: „Schön reden tut’s nicht, die Tat ziert den Mann.“ Nur mit der Mitsprache der Arbeitnehmer, einem der Kolping-Anliegen, ist es nicht so weit her: Ein Konzernbetriebsrat besteht nicht, nur da und dort existieren örtliche Betriebsräte.
Doch bei den organisatorischen Fragen gibt es erhebliche Differenzen. „Aufgrund der Historie und der Namensführung“ betrachte man die KBW-Stiftung als Teil des Kolpingwerkes, unterstreichen beim Diözesanverband der Vorsitzende Eberhard Vogt und der Geschäftsführer Robert Klima. Daraus ergäben sich „inhaltliche und strukturelle Rechte und Pflichten“. Leider habe man sich bei der Stiftungsgründung „mehrheitlich nicht durchsetzen“ können. Für Klaus Vogt haben die Kolping-Gliederungen dagegen „nach wie vor großen Einfluss“ beim Bildungswerk, nämlich „in dem sie wertvolle Kolping-spezifische Impulse und Werte einbringen“.
Der KBW-Chef ist ein bestens vernetzter Profi
Es ist ein ungleicher Machtkampf zwischen den braven Kolping-Leuten und dem ausgebufften Profi Vogt. Der 57-Jährige verfügt über ein breites Netzwerk und weiß, an welchen Strippen er ziehen muss, damit sich die Dinge in seinem Sinne bewegen. Seine Kontakte aus dem Rathaus und der CDU waren dabei sicher dienlich. Mit seinem früheren Chef, Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), arbeitete er auch beim KBW eng zusammen. Ein Manager dort war früher Geschäftsführer bei der Landes-CDU, die einst ebenfalls in den Räumen am Rotebühlplatz residierte. Eine einflussreiche Stuttgarter CDU-Frau holte er frisch in den Aufsichtsrat der Stiftung – offiziell natürlich wegen ihrer Expertise, nicht wegen des Parteibuchs. Meist agierte Vogt geräuschlos abseits der breiten Öffentlichkeit. Nur hin und wieder gab es Wirbel – etwa um die große Feier zu seinem 50. Geburtstag oder um seinen aus der Slowakei stammenden, geheimnisumwitterten Doktortitel.
Auf allen Ebenen wird derweil an einer Annäherung gearbeitet. Man stehe mit den württembergischen Akteuren „in einem guten Kontakt, um die Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Region weiter zu stärken“, sagt die Kolping-Generalsekretärin Horster. Die Diözesan-Funktionäre Vogt und Klima verweisen auf eine Kooperationsvereinbarung, nach der sich Stiftung und Verband „gemeinsam den Zukunftsfragen“ stellen wollen. Das Forum dafür soll ein neuer, gemeinsamer Beirat bilden. Beide Seiten seien darin mit gleich viel Mitgliedern vertreten, heißt es beim KBW, der Vorsitz wechsele regelmäßig.
Mitte Februar soll das Gremium seine Arbeit aufnehmen.