Nach zehn Jahren gibt Annette Glunk die Leitung des Stuttgarter Kolping-Chores auf. Mit ungewöhnlichen Konzertformaten behält dieser reine Männerchor auch in der heutigen Zeit seine stattliche Größe, um auch schwierige und umfangreiche Werke für Männerchor realisieren zu können.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist. Das ist einer dieser beliebten Sätze, die gerne dann verwendet werden, wenn jemand dann aufhört, wenn es nicht erwartet wird. Aber ist das dann wirklich am schönsten? Annette Glunk hat es sich da nicht leicht gemacht mit ihrer Entscheidung. Zehn Jahre lang hat sie den Stuttgarter Kolping-Chor geleitet, hat mit der Corona-Zwangspause eine für den Chor bedrohliche Zeit durchgemacht, kann jetzt wieder durchstarten – und doch: Sie geht.

 

Kraft und Konzentration erforderlich

Glunk ringt um die Worte, um dies zu begründen, denn sie ist Musikerin und Chorleiterin durch und durch. Beim Kolping-Chor gibt sie den Takt vor, ebenso bei drei weiteren Chören unter dem Dach des Philharmonischen Chors Fellbach. Und dann hat sie noch einen Brotberuf, der jetzt mehr Kraft und Konzentration von ihr verlangt. „Da musste ich feststellen, dass ich das nicht alles leisten kann. Vor allem nach den großen Chorprojekten mit den Kolping-Sängern war ich sehr erschöpft, musste mich länger regenerieren“, so Glunk. So kam dann eben ihre Entscheidung: „Beim Kolping-Chor ist in den letzten zehn Jahren etwas entstanden, da kann man jetzt neue Impulse geben, neue Schwerpunkte setzen. Die Fellbacher Ensembles leite ich seit vier Jahren. Da kann ich jetzt dann richtig Gas geben und gestalten“, begründet Glunk ihre Entscheidung. Und so kann sie dann auch die zusätzlichen Herausforderungen in ihrem Brotberuf stemmen.

Gut besetzt in allen Stimmlagen

Der Kolping-Chor ist nicht irgendeiner: Es ist ein reiner Männerchor. Und von denen gibt es nicht mehr viele. Mit fast 50 Kehlen ist er immer noch gut genug besetzt in allen Stimmlagen, um auch ganz Großes und Schwieriges umsetzen zu können. Da ist es eine Herausforderung, diese Chorgröße zu halten. Und, wenn möglich, aufzustocken. Denn kontinuierlich sind vor allem die altersbedingten Abgänge. „Allein mit regelmäßigen Proben geht das nicht“, weiß Glunk aus Erfahrung. Zumal es eh schwieriger ist, Männer an solch regelmäßige Verpflichtungen zu binden als Frauen. „Man muss da Projekte anbieten, interessante Konzertformate.“ Und man muss die Zielgruppe ansprechen: „Das geht so ab Mitte 50 los. Also Männer, die noch voll im Berufsleben sind, die aber auch allmählich darüber nachdenken, was sie nach ihrer Berufszeit machen wollen“, sagt Glunk.

Am Neckarhafen und im Naturkundemuseum

Und dabei bescheinigt sie dem Vorstand des Kolping-Chores gute Arbeit. Der organisiert Reisen zu den Chortagen quer durch die Republik, er sorgt etwa für den Auftritt 2015 im Naturkundemuseum Stuttgart. „Das war ein Wandelkonzert quer durch das Museum. Der große Abschluss war vor dem Saurierskelett frei nach dem Motto ‚Der Chor als Fossil unter einem Fossil‘“, sagt Glunk. Die Reihe „Konzerte an ungewöhnlichen Orten“ wurde 2017 mit einem Auftritt auf dem Stuttgarter Neckarhafengelände fortgesetzt. „Da hat alles gepasst: das Wetter, das Wasser, die eher einfachen, aber deftigen Lieder, und das neben den großen Schrotthaufen.“

Das sind auch Annette Glunks persönliche wertvolle Erinnerungen an ihre Zeit mit dem Kolping-Chor. Wobei es für sie noch einen weiteren Höhepunkt gibt, der vor allem künstlerischer Natur ist: die Aufführung von Mendelssohn-Bartholdys „Walpurgisnacht“ 2018 zum Abschluss der Stuttgarter Chortage. „Das war eine Aufführung mit Orchester und gemischtem Chor. Vor allem die Männergesangspassagen sind da sehr herausfordernd.“

Eine attraktive Aufgabe

Jetzt geht es vor allem um die Nachfolge Glunks. Digital ist die Ausschreibung der Stelle bereits erfolgt. „Wir laden ein zu einem Probedirigat, da gibt der Chor seine Einschätzung ab. Und dann gibt es den Vorstand und eine zehnköpfige Findungskommission, in der alle Stimmen des Chores vertreten sind“, sagt Bruno Kieninger, Sprecher des Vorstands, zum Findungsprozedere. Ideal wäre für ihn, es finden sich etwa zehn Bewerber, von denen vier bis fünf in die engere Auswahl kommen. Den Kolping-Chor zu leiten sei schon eine attraktive Sache. „Es gibt generell nicht mehr viele Männerchöre. Und davon können kaum noch welche große und schwierige Aufgaben bewältigen. Und es gibt nicht viele, die quasi zu Hause so einen großen und herausragenden Konzertsaal wie die Stuttgarter Liederhalle bespielen können“, sagt Kieninger.

Abschiedskonzert am 12. Oktober

Und in der Liederhalle findet am 12. Oktober auch der nächste Auftritt statt unter dem Motto „Highlights der Chormusik“ als Abschiedskonzert von Annette Glunk. „Wir haben etwa 20 Kompositionen rausgesucht, jetzt beginnen die Proben“, so Glunk. Für den Nachfolger oder für die Nachfolgerin gibt es auch schon Auftritte: am 18. November im Waldfriedhof zum Totengedenken sowie ein weihnachtliches Singen am 16. Dezember in einer der Stuttgarter Kirchen. Nachgeholt wird noch ein Konzert, das 2020 im Uhlbacher Weinbaumuseum vorgesehen war. Das war schon ausverkauft, musste aber wegen Corona abgesagt werden. Jetzt ist der Vorstand noch auf der Suche nach einer Kelter, damit die Konzertreihe an ungewöhnlichen Orten fortgesetzt werden kann.

Männer sind nicht so schnell beleidigt

Einige Dinge wird Glunk vermissen: „Der Umgang unter Männern ist anders als unter Frauen. Da werden andere Witze gemacht, es wird über andere Dinge gelacht. Anfangs hatten einige Männer schon Probleme, von einer Frau dirigiert zu werden. Aber das hat sich bald gelegt. Man kann zu Männern herzhaft und direkt sein, sie sind nicht so schnell beleidigt“. Und was auch Kieninger schätzt: „Im Kolping-Chor wird die Fürsorglichkeit groß geschrieben, hier sind alle ein Teil der großen Kolping-Familie.“