Kolumne Allerhand Ist das Kunst oder kann das weg?

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Am Wochenende droht am Sonntag der „Shoptober“ mit einem sehr freizügigen Werbefoto. Unser Kolumnist Tim Höhn hat sich dazu einige philosophische Gedanken gemacht.

Was will uns der Künstler sagen Foto: privat
Was will uns der Künstler sagen Foto: privat

Ludwigsburg - Man muss sich das Bild genau vor Augen führen, die Pupillen fokussieren. Am besten die Arme hinter dem Rücken verschränken und leise in sich reinfühlen: „Was will uns der Künstler sagen.“ Aber vielleicht ist genau das die falsche Frage. Kann man Kunst verstehen? Was ist Kunst? Wo beginnt Kunst, und ab wann kann das weg? Und, ganz hermeneutisch gefragt: kann ein Einzelner in all seiner geschichtlichen Gefangenheit den Sinn eines Objekts überhaupt begreifen? Wusste ja schon der alte Philologe Friedrich Ast, wer kennt ihn nicht: „Der Zirkel, dass ich a, b, c und so weiter nur durch A erkennen kann, aber dieses A selbst wieder nur durch a, b, c usf., ist unauflöslich.“ Aha.

Aber man kann sich annähern. Da ist also diese Frau, elfengleich und nackt, ihre Blöße hat sie mit Blättern notdürftig bedeckt. Sie tanzt und hält entrückt die Augen geschlossen. Wer denkt da nicht an eine Figur aus La Danse von Matisse in hyperrealistischer Variante. Und dann der Bruch mit aller Konvention, die Abwendung von jedem Kanon: „Ich liebe Innenstadt Ludwigsburg“. Ein blutrotes Herz, zwei profane Worte, geschrieben auf eine Tüte.

Nähern wir uns weiter an. Was sagt uns die Nacktheit? Der ideologische Überbau unserer kapitalistisch-strukturierten Konsumgesellschaft lässt uns glauben: die Frau ist nackt, weil sie neue Kleidung kaufen will. Hat sie die Tüte an ihrem Arm gefüllt, kann sie ihr Blätterkleid ablegen, kann sie sich anziehen, endlich wärmen.

Dagegen spricht der subtile Aufbau des Werks. Die Protagonistin scheint weggezogen zu werden vom Objekt der Begierde, eine unsichtbare Hand zerrt an der Tüte, an ihrer Liebe, ihrem Ludwigsburg. Ist die Frau so arm, dass sie sich keine Kleidung leisten darf? Dass alles Glück ihr unerreichbar bleibt? Dem widerspricht ihre spielerisch-tänzerische Pose, und ihr Haar wirkt aufwendig frisiert.

Das Hören bereitet körperliche Schmerzen

Dementgegen steht überdies der Kontext, in den der unbekannte Schöpfer das Werk platziert hat. Shoptober steht in riesigen Lettern auf den Plakaten, mit denen in bester Street-Art-Manier die Stadt zugekleistert wurde. Shoptober. Ein Wort wie ein Kunstwerk, ein Kunstwort im besten Sinne. Ein Wort, das schon beim ersten Hören körperliche Schmerzen bereitet, aber das muss Kunst: Sie muss wachrütteln und die Sinne verwirren, und wenn es nötig ist, muss sie weh tun. Es ist die Kombination aus beidem, aus dem gewagten Wort und dem mutigen Bild, das uns den Schlüssel an die Hand gibt.

Wer jetzt, am kommenden Wochenende nicht zum Shoptober nach Ludwigsburg kommt und sich von allem Monetären trennt, der wird im Shopvember nur in Blätter gehüllt sein. Jedes Kind versteht nun die Metaphorik. Denn spätestens im Shopzember werden die Blätter zu Boden fallen, das ist nun mal der unaufhaltsame Lauf der Natur, und die tanzende Blonde ist endgültig nackt.

Herausgeworfen aus dem Paradies?

Wie Gott sie schuf zwar, aber herausgeworfen aus dem Paradies, aus der Ludwigsburger Innenstadt, getrennt von ihrem Herzen. Dieses Hin- und Hergerissensein spiegelt sich vortrefflich in dem gleichsam hin- und hergerissenen, tänzerischen aber trauernden Gestus der Fremden.

Wir alle sind diese Blonde, wir alle stehen vor dieser Wahl. Doch wagen wir am Sonntag den Weg ins gelobte Ludwigsburg, in das Reich paradiesischer Verzückung, müssen wir die Hölle durchsteigen. Stinken wird es da aus tausenden Rohren, Getümmel wird sein und peinigende Enge, Lärm und Gezank wird es geben.

Ist das zu viel interpretiert? Vielleicht ist es ganz anders, und die Kunstkritik lässt immer alle Antworten zu. Vielleicht ist es nur so, dass am 9. Oktober in Ludwigsburg wieder ein verkaufsoffener Sonntag ansteht. Vielleicht haben die Marketingstrategen tatsächlich gedacht, die Kombination aus Shopping und Oktober sei originell.

Vielleicht ist es wirklich so, dass ganz bequem in einem der städtischen Parkhäuser geparkt werden kann, wie es in der Ankündigung steht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist das ein Traum. Vielleicht Kunst. Vielleicht kann es auch weg.