Kolumne Alles Binko Warum mancher Bürgermeister gerne ein Double hätte

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Der Markgröniger Bürgermeister Rudolf Kürner hat in der Fanset einen Doppelgänger mit Phantommaske. Das regt die Fantasie unseres Kolumnisten Rafael Binkowski an – mit Vorschlägen für andere Schultesse.

Ein Phantom als Bürgermeister – in manchen Kommunen ist das schon Realität. Foto: dpa
Ein Phantom als Bürgermeister – in manchen Kommunen ist das schon Realität. Foto: dpa

Ludwigsburg - Die Rathäuser sind besetzt. Selbst in so beschaulichen Orten wie Markgröningen wird närrisch regiert. Der Schultes Rudolf Kürner hat sich aber etwas Geniales ausgedacht, um der Machtübernahme zu entgehen: Er hat sich ein Phantomkostüm mit weißer Halbgesichtsmaske übergestülpt und – listig, listig – einen Doppelgänger ebenfalls mit Maske angeheuert. Der raffinierte Plan: Während die Zigeunerprinzessin den falschen Bürgermeister peinlich befragt, kann der echte aus dem Hinterausgang verschwinden.

Das ist – wie immer in der Fasnet – gescheitert. Aber wie praktisch wäre in Doppelgänger für manchen Kommunalpolitiker? Etwa für den Bietigheimer Schultes Jürgen Kessing, der auf zwei Hochzeiten tanzt. Der echte Oberbürgermeister könnte im Gemeinderat die Haushaltsrede halten, während das Double bei der Leichtathletik-WM als DLV-Präsident auf der Bühne sitzt und huldvoll dem Volke zuwinkt. Und die alte Rivalität zwischen Bietigheim und Bissingen ließe sich befrieden: Der OB geht nach Bietigheim, das Double nach Bissingen.

Jürgen Kessing in Bietigheim, das Phantom bei DLV

Oder umgekehrt, damit sich niemand als zweitklassig wähnt. Böse Zungen behaupten ja, dass Jürgen Kessing, wenn er im Zug zur DLV-Zentrale in Wiesbaden nach Stuttgart fährt, gute Chancen hat, sich selbst im Gegenzug nach Wiesbaden zu begegnen. Oder denken wir an unseren Landrat Rainer Haas. Wenn er mal wieder einen kontroversen Vorschlag macht, sagen wir mal einen Stadtbahntunnel durch Ludwigsburg, und das Echo verheerend ausfällt, kann er galant auf den „anderen“ Landrat verweisen: „Ich weiß auch nicht, was mein Doppelgänger sich gedacht hat.“

Denken wir auch an die Kornwestheimer Oberbürgermeisterin Ursula Keck. Ihre Kommune steigt kulturvergessen wegen läppischer 10 000 Euro Jahresbeitrag aus der Kooperation für die Kunstschule Labyrinth aus und überlässt Ludwigsburg und Bietigheim das Feld? Auch hier der Verweis auf das Double, garniert mit einem vielsagenden Augenrollen: „Tja, mein Alter Ego hat einfach nichts für Kunst und Kultur übrig. Da bin ich machtlos.“

Der Doppelgänger in der Feldschlacht

Überhaupt würde so ein Doppelgänger manche Schärfe aus politischen Kontroversen nehmen. Spontan fällt uns die Grünen-Fraktionschefin Elfriede Steinwand-Hebenstreit ein, die ihren Kollegen Korruption unterstellt und damit den Auszug von CDU- und Freie-Wähler-Stadträten provoziert hat. „War da was?“, könnte sie zukünftig bei ähnlichen Dramen unter ihrer Phantom-Maske hervorsäuseln: „Die andere Elfriede Steinwand ist da wohl mal wieder übers Ziel hinaus geschossen.“

Oder nehmen wir Klaus Herrmann, den Fraktionschef der CDU. Bei ihm müssen wir schon bei der Zahl der Anträge, die er regelmäßig schreibt, die Adjutanz eines Ghostwriters unterstellen. Und irgendwie kommt es einem nach manchen seiner Wortbeiträge auch so vor, als hätten gerade zwei Personen geredet – und seien zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Das kann wiederum bei dem Freien-Wähler-Häuptling Reinhardt Weiss kaum passieren: Dessen Reden sind so kurz, dass ein zweiter Reinhardt Weiss noch bequem innerhalb der Redezeit sprechen könnte.

Nun gäbe es aber auch sinnvolle, ja heroische Einsatzmöglichkeiten für einen Ersatz-Schultes. Wenn in Oberriexingen wieder ein Stück Stadtmauer ausbricht und der Bürgermeister Frank Wittendorfer mitten in der Nacht THW-Helfer beherbergen muss – dann könnte am nächsten Morgen ein ausgeschlafener Phantom-Schultes den Kaffee überreichen.

So unscheinbar wie ein Phantom

Manchmal erscheinen Rathauschefs auch als Phantome, obwohl sie es gar nicht sind. Wenn etwa wie in Steinheim der umstrittene Bürgermeister Thomas Rosner abgewählt wird, aber ab und zu noch durch die Rathausflure zu geistern scheint.

Ja, und dann gibt es noch den Typus von Stadtoberhaupt, der so unscheinbar ist, dass man ihn praktisch das ganze Jahr über gar nicht sieht. So grau und seriös, so faltenfrei glatt gebügelt, dass auf dem Wochenmarkt oft die Frage fällt: „Wie hieß doch gleich noch mal unser Chef?“ Wir nennen an dieser Stelle bewusst keine Namen – das überlassen wir der Fantasie der Leser. Enden wir mit einem Zitat aus dem Musical „Phantom der Oper“, das so mancher Kommunalchef bestimmt schon heimlich vor sich hin geflüstert hat: „Wenn die Nacht kommt wird die Sehnsucht klarer. Alle Träume sind im Dunkeln wahrer.“