Kolumne Anna Katharina Hahn Estland – einfach unwiderstehlich

Auch sehr schön: Estlands größte Insel Saaremaa Foto: Imago/Zoonar/Nando Lardi

Estland, das verwechselt so mancher gern mal mit Island oder Lettland. Das ist ein großer Fehler, wie unsere Kolumnistin weiß.

Sie fragen: „Na, wie war es in Island?“ Oder: „Hattet ihr schöne Ferientage in Lettland?“ Die ganz Schlauen ziehen sich mit „Wie war’s im Baltikum?“ aus der Affäre. Trotzdem fuchst es mich jedes Mal, wenn Freunde und Verwandte es partout nicht schaffen, sich den Namen jenes kleinen Landes zu merken, das immerhin seit 2004 Mitglied der Europäischen Union ist: Estland.

 

Gleichzeitig merke ich nach den estnischen Tagen wieder, dass mein innerliches Gegrummel eigentlich einem schlechtem Gewissen entspringt, denn ohne meine estnische Schwägerin und ihre Familie wäre deren alte Heimat auch für mich nur ein Name, obendrein einer, der nicht so mit Leben und Bildern gefüllt ist wie der vieler französischen oder italienischen Städte oder griechischen Inseln.

Totentänze und das Leben spüren

Estland besitzt eine liebliche Ostseeküste, endlose Kiefernwälder, in denen 700 Bären leben, es gibt dort Seen und Inseln, dazu hat seine fleißige IT-Wirtschaft etliche Champions hervorgebracht. In der mittelalterlichen Hansestadt Tallinn, gegürtet von einer Stadtmauer mit fast zwanzig Wehrtürmen, kann man nicht nur einen der wenigen erhaltenen Totentänze besichtigen, sondern auch Tag für Tag das Leben spüren: in den zahllosen Cafés, Kneipen und Restaurants, unter einem Himmel, der bis in die späten Nachtstunden hell bleibt.

Das Land mit Hilfe seiner Literatur erforschen

All dies ist mittlerweile nichts Neues mehr; jeder kann dieses Wissen erwerben, ohne sich auf den weiten Weg zu machen. Lesend lässt sich Estland auch von der Couch aus erforschen – mit Hilfe seiner Literatur. Anton Hansen Tammsaares Romanzyklus „Wahrheit und Recht“ handelt von der bitterarmen Bauernfamilie Paas und ihren zahlreichen Kindern auf dem Hof Wargamä. Indrek, einer der Söhne, wird nach Tartu zur Schule geschickt und lernt dort Mathematik und Latein inmitten einer polyglotten Schar von Mitschülern aus aller Herren Länder. Polen, Russen, Letten und Esten, Kasachen und Deutsche leben unter dem Dach des Instituts von Herrn Maurus, einer Lehrergestalt von großer Komik und Tragik. Wie Indrek und Miralda, Maurus’ Tochter, gemeinsam ein paar Tassen des neuen Schulgeschirrs die „Ohren“ abbrechen und der junge Mann diese Trümmer wie einen Schatz verwahrt, gehört zu den rührendsten Liebesszenen, die ich kenne.

Was klingt schöner als „lumelhelbeke“?

Mit Lydia Koidula und Marie Under findet man starke Dichterinnen, auch wenn Juhan Liivs karge, tragische Lyrik in ihrer Unbedingtheit mir noch besser gefällt. Am bekanntesten ist wohl Jaan Kross, der mit seinen historischen Romanen ein Weltpublikum erreicht hat und dessen Statue in der Altstadt von Tallinn steht.

Doch keine Übersetzung kann den Wohlklang der estnischen Sprache einfangen. Schon um den ganzen Tag von ihr umgeben zu sein, lohnt sich die Fahrt! Mag sie noch so schwierig zu erlernen sein, aber wer kann Wörtern widerstehen wie „lumelhelbeke“ (Schneeflocke) oder „vihmavari“ (Regenschirm)?

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