Kolumne: Anna-Katharina Hahn Moin, Moin, ruft die Hansestadt

Schön, wenngleich manchmal etwas regnerisch: Hamburg Foto: dpa
Schön, wenngleich manchmal etwas regnerisch: Hamburg Foto: dpa

Auch wer schon oft nach Hamburg gekommen ist, kann sich auf Anhieb neu in die Metropole an der Elbe verlieben, meint unsere Kolumnistin.

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Stuttgart/Hamburg - Plötzlich sind sie alle zu sehen – die kupfergrüne, mehrfach durchbrochene Turmspitze von St. Katharinen und die schlichtere von St. Jacobi, der Heinrich-Hertz-Turm, die blauroten Kräne und bunten Containerstapel. Seitlich schwingt sich die Köhlbrandbrücke ins Blickfeld. Wir fahren auf den Elbtunnel zu. Vor uns liegt Hamburg, so schön wie immer, und mein Herz klopft so aufgeregt wie beim ersten Mal beim Anblick dieser Stadt. Ich wollte dort nicht nur studieren, sondern auch die größtmögliche Distanz zwischen mich und meine schwäbische Heimat legen. Statt kurzer Bahnfahrten nach Tübingen oder Freiburg sollte es eine Strecke sein, die man damals mit einer bis zu zwölf Stunden dauernden Nachtfahrt in rauchigen IC-Abteilen überwinden musste und während derer sich die Landschaft vor dem Zugfenster ebenso änderte wie die Dialekte der Schaffner.

Hamburg ist die erste Stadt gewesen, in die ich mich verliebt habe, ähnlich romantisch und bedingungslos wie der Prinz im Märchen nur das Gemälde der fremden Königstochter erblickt und sofort weiß: „Diese oder keine!“ Ein Bild war es nicht, dass mich für die Hansestadt einnahm, sondern ein Buch mit abgeschabtem, nikotingelbem Einband aus der Bibliothek meines Großvaters Georg Hahn.

Ein Gruß von Wolfgang Borchert

Auf der Vorderseite schwebte ein Jüngling, der die Leier schlug. Wolfgang Borchert, Gesammelte Werke. Gedichte, Erzählungen und ein Theaterstück, das Drama um den Kriegsheimkehrer Beckmann, das Borchert berühmt machte. Kein besonders dickes Buch, weil der Schriftsteller mit Anfang 30 starb. Auch wenn „Draußen vor der Tür“ und Erzählungen wie „Die Küchenuhr“ zu den eindrücklichsten Schilderungen der Gräuel des Zweiten Weltkriegs gehören, waren es nicht sie, die mich packten und in Richtung Norden zogen. Es waren Gedichte mit Zeilen wie „In Hamburg ist die Nacht / nicht wie in andern Städten / die sanfte blaue Frau, / in Hamburg ist sie grau / und hält bei denen, die nicht beten, / im Regen Wacht.“ Borchert schrieb vom „Lied der Schiffssirenen“ und der „Göttin Großstadt“, er machte mich so neugierig und sehnsüchtig, dass ich noch als Schülerin ein Wochenende in der Jugendherberge auf dem Stintfang über dem Hamburger Hafen verbrachte, um diese geheimnisvolle Stadt mit eigenen Augen zu sehen.

Ich lernte in diesen Tagen, dass ein Stint ein Speisefisch ist und die Hamburger nicht so zugeknöpft sind, wie die Legende will. Für über zehn Jahre wurde die Hansestadt meine Heimat. Ich habe dort studiert und gearbeitet, mein Mann ist Hamburger, und es gibt sogar noch eine Handvoll alter Freunde, zu denen der Kontakt nicht abgerissen ist. Jetzt beiße ich seit Langem zum ersten Mal wieder in ein richtiges Franzbrötchen, spüre den Wind von der Elbe her und merke, dass ich sofort wieder herziehen könnte.




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