Kolumne Bye Bye, Berliner Luft
Oft geht es im so genannten politischen Berlin zu wie in einer Heißluftfritteuse. Abkühlung und Abstand täten zwischendurch not, meint unsere Kolumnistin Katja Bauer.
Oft geht es im so genannten politischen Berlin zu wie in einer Heißluftfritteuse. Abkühlung und Abstand täten zwischendurch not, meint unsere Kolumnistin Katja Bauer.
Berlin - Dieser Sommer hat bisher alles, was ein Sommer haben muss – Sonne, laue Abende, Kinder, die draußen spielen, bis es dunkel wird. Nur eines fehlt noch: jene Entschleunigung, die auch das politische Handeln erfasst, wenigstens für eine kleine Weile. Weil selbst die Kanzlerin mal Urlaub macht, weil die Parlamente Ferien haben, weil alle davonstieben, weg aus Berlin – wenn schon nicht in ein fernes Land, dann doch jedenfalls zurück in den Wahlkreis. Abstand ist ein gutes Gegengift gegen viele Arten von Wahnsinn. Es hilft bei Familienstreit, es hilft Freunden dabei, befreundet zu bleiben, und manchmal rückt es Dimensionen zurecht.
Das so genannte politische Berlin fühlt sich bisweilen so an, als lebe man in einer Heißluftfritteuse: Jede Menge heiße Luft wird in einen mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschlossenen Raum gepustet, dessen Betriebstemperatur dauerhaft ungesunde Höhen erreicht. Wer drin ist, muss sich aufplustern und herumwirbeln oder mithilfe atemberaubender Richtungswechsel oben bleiben. Und am Ende weiß man oft gar nicht, ob unter dem ganzen Knusper eine gute Substanz steckt oder irgendetwas ziemlich Halbgares. Das politische Geschäft unterliegt, so scheint es, in jüngerer Zeit einem eigenen Klimawandel: nicht nur wird die Luft immer heißer, auch eine vorübergehende Abkühlung ist schwieriger, vielleicht sogar unmöglich geworden. Früher hatten wir ein Ding namens Sommerloch und mittendrin saßen Gestalten wie Bruno, der Problembär. Das ist eine Weile her.
Zuletzt folgte auf den Sommer der Flüchtenden der Sommer des Bundestagswahlkampfs und darauf der Sommer der Masterplankoalitionskrise. Es ist unwahrscheinlich, dass sich in diesem Jahr, mitten im Wahlkampf vor drei Landtagswahlen, bei erodierenden Machtverhältnissen und einer Koalition auf Abruf irgendjemand von realer oder gefühlter Bedeutung mal ordentlich zurückzieht. Dabei wäre das gut, auch für uns Journalisten, die wir schön mitfrittieren. Denn Rückzug hilft: Debatten, die groß schienen, schrumpfen auf Normalmaß. Manche verschwinden in der Bedeutungslosigkeit.
Dafür kann man dann dort, wohin man sich zurückzieht - wenn man Glück hat – den Zipfel einer anderen Perspektive erhaschen. Man kann mit einem Förster im Hochschwarzwald über Fichten und Trockenzeiten sprechen, mit einem Brandenburger über riesige Waldbrände. Oder mit dem Bewohner einer Nordsee-Hallig am oberen Rand der Republik, die von Berlin aus regiert wird. Schon wer einen Besuch auf diesen kleinen Außenposten im Meer macht, versteht, dass hier sehr anders über die Wirklichkeit gesprochen wird, die in Berlin den Namen Klimawandel trägt. Sie ist nämlich einfach da und sie ist von existenzieller Bedeutung. Sie bringt Hochwasser, Sturmflut, Landunter. Seit diesem Frühjahr buddeln auf der Hallig Langeneß vier Bagger Tag und Nacht. Zum ersten Mal in mehr als hundert Jahren wird eine neue Warft gebaut. Zigtausend Tonnen Sand werden aufgespült, zu einem Deich verstärkt, hinter dem die Bewohner künftig Schutz finden sollen.
In der Wirklichkeit, fern von Berlin geht es nicht um die Frage, wie man Greta Thunberg oder Schulstreiks findet und wie die Union auf einen Youtuber reagiert. Denn der Meeresspiegel steigt hier, ganz in echt.
Vorschau
Am kommenden Dienstag, den 6. August, schreibt an dieser Stelle unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.