Kolumne: Das erste Mal Die Entdeckung der Stäffelesquitten

Wird zu einem erhabenen Gebäck: die Quitte Foto: imago/Westend61

Bei einer Stäffele-Tour in Stuttgart entdeckt Anna Katharina Hahn Quitten und kann nicht anders, als sie mitzunehmen und sie in Goethes Lieblingsnaschwerk zu verwandeln.

Stuttgart - Auch wenn Jan Böhmermann und andere Kerlchen in jüngster Zeit meine Stadt so grimmig wie lustvoll schmähen, verfügt Stuttgart über außergewöhnliche Orte: so ihre durch sämtliche Hügel herablaufenden Treppen. Wer länger hier lebt, nennt sie mit ihrem einheimischen Namen Stäffele. Auf den spektakulärsten Stäffele hockt man im Sommer, um zu rauchen, zu knutschen oder Eis zu schlotzen. Auf den weniger bekannten steht man zu allen Jahreszeiten zum Verschnaufen. Genießt den Blick rundum. Oder verharrt planlos, schaut in struppige Gärten, auf graffitiverzierte Mauern, in fremde Fenster – auf alles, was sich um einen solchen Treppenweg herum auftut.

 

Die erste Quitte

Im Spätherbst 2011 erkundete ich Heslach auf der Suche nach einem passenden Garten für Peter, einen jungen Mann, der in meinem Roman „Am Schwarzen Berg“ vorkommt. Auf der Elsterstaffel stolperte ich über verstreutes Fallobst. Knallgelb, flaumig und glockenförmig dünsteten die Früchte einen starken, seifigen Geruch aus. Zum ersten Mal hielt ich eine Quitte in der Hand. Begegnet waren sie mir bisher nur in Form von Gelee oder in Büchern. In Vladimir Parals Großstadtsatire „Privates Gewitter“ von 1973 legt eine Frau Quitten als Duftspender zwischen die Unterhosen ihres Mannes in den Wäscheschrank.

Aus Sammellust schleppte ich eine Handtasche voll Stäffelesquitten nach Hause, fragte mich aber, was mit ihnen anzufangen war, außer sie genüsslich zu beschnüffeln und ihnen den Pelz zu streicheln. Cydonia oblonga ist roh ungenießbar. In einem alten Kochbuch fand ich ein Rezept, das mir sympathisch war, weil es vorschrieb, das Obst nur zu waschen, die feinen Härchen abzureiben und es samt Schale und Kernhaus in wenig Wasser weich zu dünsten. Schon bald hatte ich eine unansehnliche, aber wunderbar riechenden Masse im Topf, aus der ich unter vielen Verwünschungen die Kerne pickte und alles mit dem Pürierstab zerschredderte.

Ein erhabenes Gebäck

Quitten enthalten viel Pektin, gelieren daher leicht. Mit Zucker aufgekocht veränderte der Fruchtbrei seine Farbe von Gelbbraun in schimmerndes Bernsteinrot. Auf ein sanft geöltes Backblech gegossen und glatt gestrichen, trocknete der glänzende Fladen tagelang vor sich hin. Das leise schmatzende Geräusch beim Wenden des wie platt gedrückte dunkelorangefarbene Götterspeise aussehenden Quittenlappens gehört inzwischen zur Vorweihnachtszeit, ebenso wie der Tag, an dem ich ihm mit dem Pizzaschneider zu Leibe rücke, ihn in regelmäßige Rauten zerradle, diese mit Zucker paniere und auf Seidenpapier bette. Auf dem Gutsleteller benimmt sich das aufwendige Quittenbrot neben bunt bestreuselten Ausstecherle und fix hingepfuschten Kokosmakronen so hochnäsig wie ich mir Adlige unter Bürgern vorstelle. Leider darf es sich was einbilden, soll es doch Goethes Lieblingsnaschwerk gewesen sein.

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