Kolumne – Das erste Mal Die Stille zum Schluss

Am 10. September, dem bundesweiten Warntag, wurden mit mäßigem Erfolg Warn-Apps, Sirenen und andere Einrichtungen der Warn-Infrastruktur getestet. Foto: dpa

Sirenengeheul war der Soundtrack all jener, die in den 1970er aufwuchsen. Heute dagegen dürfen wir im Ernstfall entspannt in Ruhe sterben, meint unsere Kolumnistin.

Stuttgart - Sabine ist fünf Jahre alt und steht an der Hand ihrer Eltern vor Stadtrat und Bürgermeister. „Alle Männer klatschten so tüchtig, als hätte eine Musikkapelle gespielt.“ Das kleine Mädchen erhält ein feierliches Privileg, das ihren größten Wunsch erfüllt: Sie darf alle Puddingtöpfe ihrer Heimatstadt auslecken. Sabine kommt zu dieser Ehre, weil sie den Knopf der Hauptsirene gedrückt und so die Stadt vor einer Feuersbrunst bewahrt hat: „Oben auf dem Dach war ein merkwürdiger großer Pilz. Andere Pilze stehen stumm im Wald herum. Dieser Pilz aber konnte furchtbar laut heulen: Es war eine Sirene.“

 

Das Lesebuch für bayerische Grundschulen von 1972 scherte sich nicht um die Gleichberechtigung der Frau, für die nur hinter dem Puddingpott, nicht aber unter den Regierenden Platz war. Auch mir fiel das nicht auf. Ich lauschte mit Begeisterung, wenn meine Großmutter diese Geschichte vorlas. Trotz des guten Endes lauerte ein Gruseln hinter diesem Text, denn ich wusste genau, wie sich eine Sirene anhörte. Ein wilder, aus dem Nirgendwo hervorbrechender Heulton, der anschwillt, um sich kurz zu senken und sich danach nur umso durchdringender fortzusetzen, wie ein Schreiender, der einen frischen Atemzug schöpft und anschließend mit aller Kraft weiter brüllt. In meiner Kindheit gehörte dieser Sound zum Alltag. Er zog Berichte der Erwachsenen über den Krieg nach sich. Ihre Anekdoten, die immerhin gut ausgingen, denn ihre Erzähler waren ja noch da, hatten überlebt, verwebten sich mit anderen Geschichten zu einem Netz der Angst, das jeder kennt, der in den 70er Jahren aufgewachsen ist.

In ländlichen Gegenden soll es zu Geräuschen gekommen sein

Auch Marie Luise Kaschnitz malt in ihrer Erzählung „Der Tag X“ den letzten Tag auf Erden aus. Die Mutter weiß um den bevorstehenden Weltuntergang, doch wie Kassandra glaubt ihr niemand, weder Mann noch Kinder. Der letzte Tag der Menschheit verläuft bei Kaschnitz schließlich als Alltag mit Arbeit, Schule, Abendbrot und Quartettspiel. Er unterscheidet sich von den übrigen nur dadurch, dass auf sein Ende kein neuer Morgen folgt. Die Schriftstellerin hat die Schrecken des Atomzeitalters in unterschiedlichen Texten behandelt. Ihr Gedicht über den Piloten, „der den Tod auf Hiroshima warf“ gehörte als Schullektüre zum Allgemeingut.

Inzwischen sprießen keine Heulpilze mehr auf den Dächern. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden sie abmontiert. Ich hatte meine Kinder vorbereitet. Auch wenn sie junge Männer sind, wollte ich nicht, dass sie sich ängstigen, wenn der erste Warntag anbricht und alle Heulpilze des Landes gemeinsam ihr Konzert anstimmen. 10. September 2020, 11 Uhr: Nicht ein Pieps in der ganzen Stadt. In ländlichen Gegenden soll es vereinzelt zu Geräuschen gekommen sein. Im Ernstfall dürfen wir also ganz entspannt sterben. Das ist vielleicht sogar besser, als sich so sorgenvoll abzuquälen wie die Erzählerin der Kaschnitz.

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