Kolumne Die Königin der Beeren

Ein Bild aus glücklichen Zeiten: eine frische Ernte von Mieze Schindler. Foto: nja

Für unsere Autorin kann es nur die eine geben: die Mieze Schindler, die jetzt ihren 100. Geburtstag feiert.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Müde lächelnd erreichen uns Nachrichten von amerikanischen Superstars, die die dollsten Superfood-Beeren kaufen. In der US-Edel-Supermarktkette „Erewhon“ etwa kostet eine einzige Erdbeere 19 Dollar, das macht umgerechnet 17,48 Euro, oder auch zwei Matcha Latte in einem Berliner Café, für die man gut eine halbe Stunde angestanden hat, damit der Barista einem das Getränk überreicht, als wäre es ein spirituelles Ritual.

 

Bei den teuren Prachtexemplaren handelt es sich um die Tochiaika-Erdbeere. Das ist eine besonders edle und teure Erdbeersorte, die in Japan angebaut wird. Sie sind bekannt für ihren außergewöhnlich süßen Geschmack und ihre angeblich perfekte Form. Der Name „Tochiaika“ leitet sich von der Präfektur Tochigi her, die in Japan berühmt für den Anbau dieser Erdbeeren ist, sowie von „ika“, was eine alte Bezeichnung für süß oder lecker bedeutet.

Und genau darum geht es ja bei Beeren: süß und lecker müssen sie sein. Wie immer bei Geschmack ist das subjektiv. Da ich noch nie in den Genuss der Tochiaika-Erdbeeren gekommen bin, die seit 2011 angepflanzt werden, kann ich nicht sagen, ob die wirklich was taugen.

Für mich persönlich gibt es nur eine Königin der Erdbeeren, die dieses Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Wir müssen uns sputen, um den noch gebührend zu begehen. Denn die Saison der Mieze Schindler ist fast vorbei, wenn Sie diese Zeilen lesen. Es war Mitte Juni, als die ersten süßen Früchten hinter vorgehaltener Hand gehandelt wurden. Denn Mieze Schindler ist nicht regulär käuflich zu erwerben, in keinem Supermarkt findet man sie. Sie ist eine Königin, ja feine Diva, die ihre Eigenarten hat. Die Beeren sind so empfindlich, dass sie sich nicht gut transportieren oder lagern lassen. Kein Mensch, der auf Marge aus ist, tut sich das an. 1925 war es, als Otto Schindler aus den Erdbeer-Sorten Lucida Perfecta und Johannes Müller die sehr wohlschmeckende, aber nicht sehr ertragreiche Erdbeersorte Mieze Schindler züchtete. Benannt nach dem Kosenamen seiner Ehefrau.

So süß wie die Geschichte, so ist der Geschmack, aber nicht klebrig süß, sondern lebendig, mit einer leichten Säure. Der Geschmack dieser Erdbeere ist wie ein Moment im Sommer, der, so schnell er gekommen ist, auch schon wieder vergeht. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mit einer Mischung aus Sehnsucht und Resignation zu sagen: Es war eine sehr kleine Ernte in diesem Jahr. Aber wer weiß, vielleicht wird es ja im nächsten Jahr wieder großartig. So wie die Mieze selbst.

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