Wenn Kinder in die Pubertät kommen, lernen Eltern, dass ihre Meinung immer weniger gefragt ist. Da muss schon mehr kommen, hat unser Autor am eigenen Leibe festgestellt. Zum Beispiel Konzertkarten.

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Kommen Kinder in die Pubertät, nimmt das Interesse an der elterlichen Meinung zu so ziemlich allem schlagartig ab. Selbst wenn man es gut meint und dem Nachwuchs zum Beispiel einen Rat gibt, wie man zu Unrecht bezahltes Geld wieder zurückbekommen könnte, kann man sich schnell einen verbalen Schwinger abholen, nach dem Motto „Ich habe gerade andere Probleme!“ oder „Was willst du überhaupt? Das habe ich von meinem Geld bezahlt!!“. Seufz.

 

Aber an dieser Stelle soll es nicht um dieses konkrete Beispiel, sondern um die positiven Aspekte der Situation gehen. Denn in einer solchen wird dem Vater seinerseits schlagartig klar, dass eine Auseinandersetzung nicht lohnt. Man ist schlicht die falsche Person für dieses Gespräch. Also zieht man sich zurück und fängt vielleicht an, wieder mal an sich selbst zu denken. Nach Jahren, in denen es vorzugsweise darum ging, wie es dem Kind gerade geht, was es braucht, sickert wieder die Frage ins Bewusstsein: „Wer bin ich? Und was will ich sonst noch?“

Es gibt nix Schöneres , als abends die Wohnung für sich zu haben

In diesem Fall dringt das lange vernachlässigte Bedürfnis nach live gehörter Musik mit als erstes durch – und trifft sozusagen kongenial mit einem weiteren positiven Aspekt des jugendlichen Desinteresses zusammen. Denn während man früher nicht mal morgens zur Arbeit gehen sollte, weil das Kind keine Minute ohne beide Elternteile sein wollte, fängt es nun an, auf Tiktok gelernte Dance-Moves aneinander zu reihen, weil es nix Schöneres mehr gibt, als abends möglichst lange die Wohnung für sich alleine zu haben – oder wenigstens die Eltern los.

Also geht „Dad“ (heutzutage gilt es bei 15-Jährigen, möglichst viele Wörter aus dem cooleren Englisch in den Alltags-Wortschatz rüberzuholen) seit ein, zwei Jahren wieder auf zwei, drei kleinere oder größere Konzerte pro Monat. Und freut sich regelmäßig ein Loch in den Bauch, wenn die Bands alles geben und das geneigte Publikum das dann auch honoriert und entsprechend abgeht – und der langjährig Konzert-abstinente Dad gleich mit.

Immerhin sind die Eltern zahlungskräftiger als man selbst

Witzigerweise kommt an dieser Stelle plötzlich auch wieder der Nachwuchs ins Spiel. Denn Konzerte – diese Massenveranstaltungen, bei denen die Zuschauer ziemlich viel Spaß zu haben scheinen – sieht man natürlich auch in den Videoclips auf Tiktok, Instagram und Snapchat. Das macht neugierig, und ist die Enttäuschung erst einmal verflogen, nachdem man erfahren hat, dass Taylor Swift nicht nach Stuttgart kommt, interessiert man sich schnell auch für andere Events. Zumal der schlaue Nachwuchs schnell erkennt, dass die Eintrittskarten sehr teuer sind und ihm eins stets klar ist: auch wenn die Eltern so gar nichts aus der persönlichen Welt verstehen, zahlungskräftiger als man selbst sind sie allemal.

So kommt es, dass der Vater im vergangenen Jahr miterleben durfte, wie Tiktok-Star Ayliva in wenigen Minuten mehr als 10 000 Plätze in der Schleyerhalle verkaufte und dort dann gefühlte 9500 weibliche Teenies jede einzelne Textzeile der sehr gefühligen Songs schmettern konnten. Kaum ein halbes Jahr später hatte er bereits ungewohnte Begleitung bei den von ihm schon lange geschätzten Indie-Rockern von Kettcar, weil ein Kumpel krank geworden war. „Dafür, dass die so alt sind, bringen sie’s aber noch gut“, brüllt es ihm zwischendurch ins Ohr. Sänger Marcus Wiebusch ist keine zwei Jahre älter als „Dad“. Hat man sich zuletzt noch bei den Rap-Anarchisten von Deichkind wie im Jungbrunnen gefühlt, ist man nun wieder auf dem Boden der Tatsachen.

Diese Feststellung missachtet allerdings, dass es auch ein echtes Hochgefühl beschert, wenn die Tochter bereit ist, mit einem auf ein Konzert zu gehen und dabei auch noch die Musikauswahl zumindest billigt. Da ist der alte Dad ganz schön stolz.

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Alexander Ikrat hat auf (fast) alle Herausforderungen in der Zeitungsproduktion eine Antwort. In der Beziehung zu seinen beiden Töchtern ist er allerdings nicht mehr gefragt – dank der Pubertät.