Viele Dinge, die auf diesem Planeten schieflaufen, könnten besser funktionieren, wenn etwas mehr Hirn im Spiel wäre. Dabei ist unser Denkorgan das bisher leistungsfähigste, das die Evolution jemals hervorgebracht hat. Es weist aber trotzdem erhebliche Konstruktionsmängel auf, deren Folgen mittlerweile alle Bewohner des Ökosystems Erde zu spüren bekommen – uns selbst inbegriffen.
So fehlt den allermeisten Menschen die Fähigkeit, weiter als bis zum nächsten Wochenende vorauszudenken und sich die längerfristigen Folgen des eigenen Handelns klarzumachen. Erst diese selektive Blindheit ermöglichte die Entstehung einer Zivilisation, die gleichzeitig auf Kosten der Vergangenheit und der Zukunft lebt. Wir fackeln in wenigen Jahren fossile Energieträger ab, die in Jahrmillionen von Pflanzen und Mikroben produziert wurden. Gleichzeitig hinterlassen wir späteren Generationen einen immer höheren Schuldenberg, der irgendwann mal getilgt werden muss. Es sei denn, irgendwer kommt eines Tages auf die Idee, das es sich bei den ganzen Miesen letztlich nur um Nullen und Einsen in einem Computer handelt, die man mit ein paar Mausklicks löschen kann. Neues Spiel, neues Glück.
Smartphone als Hirnprothese
Vielleicht würden die Menschen nicht ganz so kurzfristig denken, wenn sie zusätzliche Hirnkapazitäten zur Verfügung hätten. Manche nutzen ja bereits ihr Smartphone als Hirnprothese, lassen sich davon aber so leicht ablenken, dass in ihrem Oberstübchen am Ende noch weniger Speicherplatz für wirklich wichtige Aufgaben bleibt.
Hoffnung machen vor diesem Hintergrund Forschungsergebnisse aus Australien. Dort züchteten Wissenschaftler Nervenzellen in Petrischalen und ließen diese lernen, das Videospiel Pong zu spielen. Die Älteren unter den Lesern erinnern sich vielleicht an dieses tennisähnliche Spiel aus der Gaming-Urzeit. Dabei wird ein pixeliger Ball innerhalb eines Spielfeldes hin und her geschlagen. Die Spieler müssen den Ball zurückspielen, indem sie einen als Balken dargestellten Schläger nach oben oder unten bewegen.
Das Forscherteam hat den Nervenzellen den Spitznamen „Dish Brain“ verpasst, was so viel wie Tellerhirn bedeutet. Ein solches besteht aus rund 800 000 Neuronen in einer Nährlösung. Dort fühlten sie sich offenbar so wohl, dass sie nicht nur schnell die Pong-Regeln erlernten, sondern mit der Zeit auch immer besser spielten. Die Wissenschaftler der Firma Cortical Labs teilten ihnen dazu in Form definierter elektrischer Impulse nach jedem Schlag mit, ob sie getroffen hatten oder nicht. So konnten die Tellerhirne aus ihren Fehlern lernen.
Nicht überfordern
In einem kurzen Video kann man ihnen beim Daddeln zusehen. Dabei fällt auf, dass die Zellen einen ziemlich breiten Schläger zur Verfügung hatten, mit dem es nicht allzu schwer war, den Ball zu treffen. Und wenn schon. Trainingsexperten empfehlen seit jeher, sich nicht zu überfordern, wenn man mit einer neuen Sportart beginnt. Auch Boris Becker hat nicht gleich in Wimbledon gespielt.
Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass selbst Gehirnzellen in einer Petrischale eine innewohnende Intelligenz aufweisen, die ihnen ermöglicht, ihr Verhalten im Lauf der Zeit änderten. Wenn das 800 000 Neuronen gelingt, die in einer Nährlösung schwimmen, könnten das doch auch die geschätzten 100 Milliarden in unserem Schädel schaffen. Noch gibt es Hoffnung.