Kolumne „Fünf Minuten Pop“ Falsche Vorbilder

Genialer Bastler: als Richard Dean Anderson alias MacGyver im Fernsehen unterwegs war, war die Welt noch in Ordnung. Foto: © Paramount / Universal

Was ist nur aus der Welt geworden? Unser Kolumnist wundert sich über einen Politiker, der seine Wähler betrügt – und einen gefallenen Fußballstar mit Faible für Kokosnüsse.

Stuttgart - Je komplizierter die Welt, desto stärker der Wunsch nach einfachen Lösungen: Ich schaffe es einfach nicht, die Serienaufnahme von „Mama Fuchs und Papa Dachs“ auf unserem digitalen Receiver zu löschen. Ohne Abschluss in Raketenwissenschaften: unmöglich. Wie schön war die Zeit der wenigen Programme und der VHS-Kassetten, bei denen Bandsalat durch eine im MacGyver-Stil erfundene Bandsalatzurückspulmaschine mittels Büroklammer, Heftpflaster, Locher und Toaster gelöst wurde.

 

Vielleicht hat das ganze Übel ja damit begonnen, dass nicht mehr MacGyver, diese Mischung aus Geheimagent und Ingenieur, im Fernsehen zu sehen war, sondern sogenannte Reality-Stars wie Donald Trump. Erst schauten Trump im TV Millionen Menschen dabei zu, wie er Menschen feuerte. Wenig später führte er Millionen Menschen als Präsident der USA hinters Licht. In der „New York Times“ war kürzlich zu lesen, dass Trump auf der Zielgeraden seines Wahlkampfes Otto Normalverbraucher um Spenden angebettelt hat. Leider war im Kleingedruckten versteckt, dass Average Joe und Jane nicht nur einmal spenden, sondern einen Dauerauftrag abschließen: Statt einmalig 500 Dollar wurde diese Summe immer wieder vom Bankkonto abgezogen. Ein amerikanischer Präsident, der seine Wähler derart betrügt? So einen Quatsch im Fernsehen hätte man früher nie geglaubt.

Sehnsucht nach Verona wegen Thomas und nicht wegen Romeo und Julia

Genauso wenig hätte man es für möglich gehalten, sich einmal so sehr für einen Kindheitshelden zu schämen. Die mittelalterliche Stadt Verona war für mich ein Sehnsuchtsort: nicht wegen Romeo und Julia, sondern wegen Thomas. Weil Thomas Berthold einst zu Hellas Verona wechselte, bevor er Weltmeister wurde.

Später fiel Berthold durch einen obskuren Werbespot für Kokosöl auf, in dem er in einer Mischung aus Blutgrätsche und Karate-Kid eine Kokosnuss spaltete. Unter Experten gehen die Meinungen auseinander, ob Bertholds anschließender Lebensweg durch zu viele Kopfbälle oder zu viele Begegnungen mit Kokosnüssen beeinflusst wurde. Heute gehört Berthold jedenfalls zu jenen Prominenten, die Corona verharmlosen. Auf Telegram, dem CNN der Verschwörungstheoretiker, lud Berthold vor dem 3. April nach Stuttgart ein, um gemeinsam gegen den, wir zitieren, „parlamentarischen Faschismus“ vorzugehen. Ob sein Aufruf mit dazu führte, dass anschließend 15 000 Vernunftbefreite mit einem munteren „Ein bisschen Sars muss sein“ auf den Lippen in Stuttgart den Inzidance aufführten? Höchste Zeit für eine Bandsalatvorspulmaschine, in eine Zukunft mit besseren Vorbildern.

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