Kolumne Fünf Minuten Pop Wer versteckt eine Bücherei?
Im Urlaub lernt man wie immer dazu. Zurück in der Heimat vermisst man etwas, was man vor den Ferien noch hatte: Einen freien Blick auf die Stadtbibliothek.
Im Urlaub lernt man wie immer dazu. Zurück in der Heimat vermisst man etwas, was man vor den Ferien noch hatte: Einen freien Blick auf die Stadtbibliothek.
Stuttgart - In Holland, wo die Freiheit größer ist als in Deutschland und die Supermärkte bessere Namen haben als Kaufland oder Netto – eine Kette heißt Dirk, die andere Hoogvliet, vermutlich zu Ehren von Rudi Hoogvliet, Regierungssprecher der Landesregierung – wird mit Corona anders umgegangen als bei uns.
Bei Dirk oder Hoogvliet trägt keiner eine Maske. Vielleicht ist das niederländische Immunsystem einfach besser als das unsere. Wahrscheinlich liegt das an der sogenannten Nordsee-Diät, bei der – anders als bei der Mittelmeer-Diät – nicht in Olivenöl ertränktes Gemüse im Mittelpunkt steht, sondern ein Wechselspiel aus Pfannkuchen und Pommes.
Die Holländer scheinen insgesamt angstbefreiter zu sein. Keiner hat einen Helm auf, schon gar nicht auf dem Fahrrad. Zu ihrem eigenen Schutz tragen Erwachsene auf ihren Hollandfahrrädern stattdessen Babys in Tragetüchern vor dem Körper und packen noch zwei weitere Kinder auf den Gepäckträger.
Der Ministerpräsident der Niederlande pflegt eine direktere Ansprache als unsere Politiker: Als unsere Nachbarn im Corona-Frühling das Toilettenpapier hamsterten, versicherte Mark Rutten: „Wir haben so viel Klopapier, wir können zehn Jahre kacken.“ Klingt auf niederländisch natürlich viel niedlicher und vornehmer.
Zurück in Stuttgart dann ein Stich ins Herz: Die Stadtbibliothek ist verschwunden, hinter einem Hotelneubau. Die Bücherei gehört zu den wenigen unverwechselbaren Gebäuden dieser Stadt gewordenen Baustelle. Von der Heilbronner Straße aus war sie bisher gut zu sehen, tagsüber als Ort der Begegnung für alle, nachts als Leuchtturm und immer als Korrektiv für eine mittelgute Mall.
Natürlich bemisst sich der Wert einer Bibliothek nicht in ihrer Funktion als Kulisse, zum Beispiel für eine Netflix-Serie, wie im Fall von „Biohackers“ in Freiburg gerade geschehen, oder als Staffage für Selfies. Müsste aber ein Oberbürgermeister, der das Areal hinter dem Bahnhof kafkaesk nennt, diese städtebauliche Verwandlung nicht verhindern? Dafür müsste er aber wohl ein Gespür für seine eigene Stadt haben. Jetzt sieht das Europaviertel endgültig wieder aus wie ein architektonisches Risikogebiet.