Kolumne Glasers Perlen Was Menschen der Künstlichen Intelligenz voraus haben

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Das zentrale Problem der Künstlichen Intelligenz ist die Komplexität der Welt, schreibt unser Kolumnist. Menschen dagegen wissen damit umzugehen: Sie sind von der Evolution bestens dafür ausgestattet.

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Stuttgart - Die Vorstellung, das Gehirn arbeite wie ein Computer, ist eine moderne Metapher. In jeder Debatte über Künstliche Intelligenz (KI) ist es der Leitgedanke im Hintergrund. Aber der Vergleich hat weder etwas mit tatsächlichem Wissen über das Gehirn zu tun noch mit der menschlichen Intelligenz oder einem persönlichen Selbst. Es gibt einen unüberbrückbaren Unterschied zwischen Mensch und Maschine.

Um zu verstehen, was die Funktionsweise des menschlichen Geistes respektive des Gehirns ausmacht, sind seit jeher zeitgemäße Vergleiche herangezogen worden. Erst nahm man an, der Mensch werde aus Lehm geformt und ein Gott hauche ihm seinen Geist ein. Später fand man an einem hydraulischen Modell Gefallen – die Vorstellung, dass der Fluss der „Säfte“ im Körper für das körperliche und geistige Geschehen verantwortlich sei. Als im 16. Jahrhundert Automaten aus Federn, Zahnrädern und Getrieben gebaut wurden, kamen Denker wie der französische Philosoph René Descartes zu der Ansicht, Menschen seien komplexe Maschinen. Die Entdeckung der Elektrizität gab der Geistesmetaphorik neuen Schwung. Mitte des 19. Jahrhunderts verglich der deutsche Physiker Hermann von Helmholtz das Gehirn mit einem Telegrafen. Der Mathematiker John von Neumann konstatierte, dass die Funktion des menschlichen Nervensystems digital sei und zog immer neue Parallelen zwischen den Bestandteilen der damaligen Rechenmaschinen und den Komponenten des menschlichen Gehirns.

Das zentrale Problem der Künstlichen Intelligenz ist die Komplexität der Welt.

Aber noch niemand hat eine Speicherbank im Gehirn gefunden, die so funktioniert wie der Datenspeicher eines Computers. Das zentrale Problem der Künstlichen Intelligenz ist die Komplexität der Welt. Um damit umzugehen, ist ein neugeborener Mensch bereits mit evolutionär weitergereichten Potenzialen ausgestattet – mit seinen Sinnen, einer Handvoll Reflexen, die für sein Überleben wichtig sind und, vielleicht am wichtigsten, mit leistungsfähigen Lernmechanismen, die es dem Menschen ermöglichen, sich schnell zu verändern, so dass er mit seiner Welt immer besser interagieren kann, auch wenn diese Welt ganz anders ist als die seiner fernen Vorfahren.

Der Computer dagegen versucht es mit einer Mischung aus Dummheit und Geschwindigkeit, vielleicht noch mit Faustregeln und einer Menge anspruchsvoller Mathematik. Um aber auch nur die Grundlagen zu verstehen, wie das Gehirn Intelligenz entstehen lässt, müssen wir nicht nur den aktuellen Zustand aller rund 86 Milliarden Neuronen und ihre 100 Billionen Verbindungen kennen, nicht nur die unterschiedlichen Intensitäten, mit denen sie miteinander verbunden sind, und nicht nur die Zustände von mehr als tausend Proteinen, die an jedem Verbindungspunkt existieren, sondern auch, wie die jeweils augenblickliche Aktivität des Gehirns zur Integrität des Gesamtsystems beiträgt. Hinzu kommt die Einzigartigkeit jedes Gehirns, die auf der Einzigartigkeit der Lebensgeschichte jedes Menschen basiert ist.

Das Gehirn arbeitet nicht wie ein Computer. Den Versuchen, es zu verstehen, steht diese Metapher inzwischen vielmehr im Weg. Umgekehrt haben die größten künstlichen neuronalen Netze, die heute betrieben werden, rund eine Milliarde Querverbindungen – das Tausendfache dessen, was noch vor ein paar Jahren möglich war. Im Vergleich zum Gehirn ist das aber immer noch verschwindend wenig. Es entspricht ungefähr einem Kubikmillimeter des menschlichen Hirngewebes. Auf einer Tomografie wäre das weniger als ein Voxel, die dreidimensionale Entsprechung eines Pixels.

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