Kolumne Ingmar Volkmann Gute Zeiten für Singles
Wer Musik nur digital konsumiert und sich dabei ganz auf einzelne Lieder konzentriert, verpasst etwas, findet unser Autor. Zum Beispiel die Liste der schlechtesten Alben des Jahrhunderts.
Wer Musik nur digital konsumiert und sich dabei ganz auf einzelne Lieder konzentriert, verpasst etwas, findet unser Autor. Zum Beispiel die Liste der schlechtesten Alben des Jahrhunderts.
Wir hatten ja früher nicht viel mehr als fließend Wasser und Farbfernsehen, Sie erinnern sich vielleicht. Nach der Gnade der späten Geburt das Wunder von Bern, dann drei Programme im Röhrenfernseher und kein Internet, unvorstellbar, und der Bus kam nur zweimal am Tag.
Da freute man sich auf das neue Album der Lieblingsband, das Abwechslung vom tristen Alltag versprach. Den Longplayer, wie wir Hi-Fi-Senioren sagen, musste man sich hart erarbeiten. Nach dem ersten Hören reflexartiges Bruddeln, das ist schließlich Teil der DNA dieses schönen Landes: Hui, ist das schlecht geworden. Nach dem zweiten Studium dann Aufatmen: Drei starke Stücke sind schon dabei. Und nach jedem weiteren Hören werden die einzelnen Lieder zur engen Verwandtschaft, die man wie im echten Leben nicht ohne Ausnahme gut finden kann. Musikalische Füll- und Spachtelmasse braucht es, damit die Singles eines Albums umso heller glänzen können.
Seit den nuller Jahren geht es dem Kulturgut Album aber an den Kragen. The Smashing Pumpkins verkünden 2008 als eine der ersten Bands, dass sie nur noch Singles veröffentlichen, weil sich die Hörgewohnheiten gewandelt hätten: Wer Musik digital konsumiert, will nur noch Hits auf Knopfdruck. Vielleicht aber auch aus reinem Selbstschutz, weil die Smashing Pumpkins nur noch Gruseliges auf Albumlänge abliefern. Radiohead wollen damals, Ende der nuller Jahre, den Verkauf von Einzelstücken bei iTunes verbieten lassen, um das Album zu schützen. Klingt wie aus einem vergangenen Jahrhundert, ist aber noch nicht so lange her.
Mit dem Siegeszug der Single geht eine weitere wichtige Kulturtechnik flöten, die in ausgesuchten Plattenläden bis heute unterrichtet wird. Dort stellt man sich Neuerscheinungen auf Albenlänge und nimmt die mit nach Hause, die einen beim ersten Hören nicht zum Weinen gebracht haben. Oder vielleicht packt man auch gerade die ein, denn Tränen können ja ungemein befreiend wirken.
„Gute Zeiten für Singles“ lautet das Motto der Gegenwart, in der alles immer nur einen Knopfdruck entfernt ist, in diesem verrückten Internet, das entgegen aller Prognosen doch nicht wieder weggeht. Was das mit der Geduld einer Gesellschaft macht, wenn man immer alles sofort haben kann, steht auf einem anderen Blatt. Den Hörerinnen und Hörern von heute entgeht wegen der Fokussierung auf Singles aber das Gespür für die wirklich wichtigen Listen im Leben, die der schlechtesten Alben aller Zeiten zum Beispiel. Laut dem „Rolling Stone“ ist Justin Biebers 2009er Album „My World“ mit einer Gesamtnote von 1,09/10 das schlechteste Album des Jahrhunderts.
Vielleicht haben wir ja doch Glück und die Single killt das Album nicht komplett. Dann kann die Liste der besonders miesen LPs noch eine Weile weitergeschrieben werden.